Dagmar schreibt
Dagmar schreibt: Mein «Freund», der Hahn, ist tot
Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über den Tod eines unfreundlichen Gesellen.
13. September 2026 — Dagmar Schräder
Boris ist nicht mehr unter uns. Er ist tot. Dem Fuchs zum Opfer gefallen. Gerade noch hatte ich darüber berichtet, dass Meister Reineke im Quartier überall herumspaziert, da hat dieser tatsächlich auch wieder einen Abstecher in mein Hühnergehege gemacht. Und das, obwohl ich eigentlich die vergangenen Monate davon ausgegangen war, dass wir ein stillschweigendes Agreement gefunden haben und er sich höchstens noch an den Eiern bedient.
Völlig unverfroren ist er trotz Elektrozaun und wachsamer Gänse am heiterhellen Tag in meinen Hühnerhof eingedrungen und hat sich Boris zum Opfer auserkoren. Alle anderen Hühner, Enten und Gänse haben den Angriff zum Glück unbeschadet überstanden, doch Boris, der Gockel, musste mit dem Leben bezahlen. Mitgenommen hat der Fuchs ihn allerdings nicht, sondern mir sozusagen auf dem Präsentierteller hingelegt.
Mich hat dieser Vorfall dafür umso mehr mitgenommen. Zwar war Boris wirklich nicht das, was man gemeinhin als Sympathieträger bezeichnen würde. Der Begriff «Tyrann» wäre für ihn passender gewesen. Von dem Geflügel des Hühnerhofs war er mit Abstand der Unfreundlichste. Seinetwegen glich das Betreten des Hofs stets einer grösseren Mutprobe. Denn wehe, man kehrte Boris während des Fütterns oder Wasserwechselns den Rücken zu oder vergass gar für einen Moment seine Anwesenheit. Dann schlug er zu. Aus dem Hinterhalt. Mit vollem Karacho rammte er einem dann seine säbelartigen Sporen in die Beine. Ja, er war ein unmöglicher Geselle, aber eins muss man ihm lassen: Er hatte Charakter.
Trotz seiner kleinen Körpergrösse war er immer der lauteste meiner Hähne. Wahrscheinlich musste er mit Lautstärke kompensieren, was ihm an Grösse im Vergleich zu den anderen Herren fehlte. Nicht ohne Erfolg: Er schaffte es tatsächlich stets, ein paar der jüngeren und vielleicht naiveren Hühner um sich zu scharen. Vielleicht hielt ihn das auch so jung. Denn trotz seines hohen Alters von fast zehn Jahren wirkte er bis zum Schluss äusserst jugendlich. Und das, obwohl er ein bewegtes Leben hatte. Da gab es einiges, was seine Existenz bedrohte, Attacken von Füchsen, aber auch Stürme und Vogelgrippemassnahmen und zuletzt dieser Hitzesommer. Allem trotzte er erfolgreich. Fast schon unsterblich wirkte er deswegen auf mich.
Und jetzt? Jetzt ist Ruhe auf dem Hof. Ich kann die Weide betreten, ohne um mein Leben zu fürchten. Ganz entspannt kann ich mich jetzt um das Federvieh kümmern. Gekräht wird auch viel weniger. Eigentlich wirkt alles friedlich und harmonisch. Aber dennoch fehlt mir das Ekelpaket. Ich vermisse ihn tatsächlich schmerzlich.
Nun könnte man natürlich argumentieren, das sei halt der Lauf der Dinge. Der natürliche Kreislauf. Aber das stimmt nicht. Vielmehr war sein Tod ziemlich sinnlos. Wenn Boris wenigstens mit seinem Ableben noch dazu beigetragen hätte, eine Fuchsfamilie zu sättigen. Doch so konnte er nicht einmal mehr einen ökologischen Zweck erfüllen. Einfach so zu meinen Füssen in der staubigen Erde zu liegen, das ist ein wahrhaft trauriges und unwürdiges Ende. Selbst für Boris.





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