Dagmar schreibt: Ein Bund fürs Leben

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über Alterserscheinungen und reife Beziehungen.

Dagmar Schräder bringt ihre Gedanken aufs Papier. (Foto: dad)

So, die letzte Kolumne vor der Sommerpause. Die widme ich Gina und Günther, meinen Gänsen. Von denen hab ich noch gar nie erzählt. Und das ist unfair, denn sie sind für das Gesamtgefüge auf dem Hof ziemlich wichtig. Sie stehen an der Spitze meiner Geflügelpyramide und lassen das ihre gefiederten Mitbewohnenden, die Hühner und Enten, zuweilen auch spüren – zum Beispiel, wenn es ums Fressen geht. Gleichzeitig sorgen sie aber auch dafür, dass niemand, weder Mensch noch Fuchs, unentdeckt in meinen Hühnerhof gelangt. Dann ist nämlich das Geschrei gross. Sie sind besser als jeder Wachhund.

Zudem sind sie absolut liebevoll zueinander. Ihre Beziehung ist ein grosses Vorbild für treue Partnerschaft. Sie verbringen den ganzen Tag Seite an Seite, baden gemeinsam im Teich und teilen sich ihren Salat. Sobald einer der beiden aus dem Blickfeld des anderen gerät, rufen sie lauthals, bis sie wieder zueinander gefunden haben.

In letzter Zeit aber bereitet mir Gina etwas Sorgen. Denn sie ist nicht mehr die jüngste und verhält sich zuweilen seltsam. Vor allem abends. Denn irgendwie scheint sie den Stalleingang nicht mehr zu finden. Normalerweise geleite ich die beiden abends in ihr Häuschen und serviere ihnen dort ein kleines Körner-Dinner. Aber seit einigen Tagen geht das nicht mehr. Gina macht sich zwar immer noch mit Günther auf den Weg in den Stall, aber immer ganz knapp davor nimmt sie spontan eine Abzweigung Richtung Weide. Und Günther, der brav reingeht, muss dann natürlich auch wieder rauskommen.

Manchmal erwartet mich aber auch nur Günther, Gina ist dann irgendwo verschollen, steckt zwischen den hohen Brennnesseln oder hat sich ins Gemüsebeet verirrt und ruft lauthals nach Günther. Sie findet ihn nicht, auch wenn er nur zehn Meter von ihr entfernt steht. Also müssen wir sie abholen, Günther und ich. Das ist nicht ganz einfach, denn mit ihrer Verwirrung hat sie auch Angst entwickelt. Deshalb rennt sie davon, wenn sie mich erblickt. Ziemlich schnell und ziemlich kopflos.

Fast ein bisschen wie einst Greg, mein schwarzer Erpel, Sie erinnern sich? Der hat mittlerweile glücklicherweise verstanden, wo er wohnt. Gina aber rennt quer über den Hühnerhof, stolpert über die Hühnerleiter, landet im Teich oder verschwindet im Gebüsch. Günther und ich hinterher, in gebührendem Abstand, um sie nicht unnötig zu stressen. Irgendwann manövriert sie sich in eine Ecke und kommt nicht mehr weiter. Von dort darf ich sie dann unter Protest in den Stall tragen, ihren Gemahl beruhigen und endlich den Znacht servieren.

Was das für Symptome sind? Nachtblindheit? Oder gar ein Anflug von Demenz? Keine Ahnung. Ich werde das bald tierärztlich abklären lassen. Beruhigend ist aber, dass Ginas Welt morgens immer wieder in bester Ordnung ist. Dann funktionieren die Augen plötzlich wunderbar, sie findet jedes Korn. Deswegen verbuche ich das vorerst mal als Alterserscheinung. Ereilt uns ja wohl alle früher oder später. Sie trägt es mit Fassung.

Und, was besonders schön anzuschauen ist: Ihr Partner bleibt bedingungslos an ihrer Seite. Was kann man sich noch mehr wünschen, wenn man alt und ein bisschen kauzig wird?

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