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Wenn Brahms, Chabrier und Rodrigo zum Vierzigsten gratulieren

8. Februar 2017 von

Foto: zvg

Solist, Dirigent und Orchester freuen sich sichtlich ob ihrer mitreissenden Darbietung.

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Joào Carlos Victor entlockt seiner Gitarre die schönsten und traurigsten Töne.

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Emanuel Rütsche nimmt den verdienten Applaus entgegen.

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Online seit
8. Februar 2017

Printausgabe vom
09. Februar 2017
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Traditionell findet am letzten Sonntag im Januar das Winterkonzert der Sinfonietta Höngg statt. Diesmal spielte sie unter der Leitung von Emanuel Rütsche Werke von Brahms, Chabrier und Rodrigo. Beeindruckender Solist des Abends war der Gitarrist Joào Carlos Victor.

Im Mai 1977 lud der damalige Orchesterverein Höngg, die heutige Sinfonietta, zu seinem ersten Konzert ein. Vierzig Jahre später nun war es für Emanuel Rütsche Anlass, seinem Abendprogramm einen auf den ersten Blick scheinbar spritzigen und festlichen Anstrich zu geben. Scheinbar, weil das Hauptwerk – Rodrigos «Concierto di Aranjuez» – im Wohlklang auch tiefen Schmerz auszudrücken vermag. Aber der Reihe nach. Mit dieser heiteren Grundstimmung nimmt das Orchester Johannes Brahms’ «Akademische Festouverture Op. 80» auf. Sie ist eine Komposition voll doppelbödigem Witz, verarbeitet sie doch verschiedene Studentenlieder kontrapunktisch zu einer forschen, manchmal auch salbungsvollen Zwiesprache unter den Instrumentengruppen, die dann pathetisch mit dem «Gaudeamus igitur» ausklingt. Brahms komponierte die Festouverture 1879 als ironischen Dank für die ihm von der Universität Breslau verliehene Ehrendoktorwürde. Wenn Brahms Höhepunkt und zugleich Ende der deutschen Klassik, aber auch den Beginn der Moderne bedeutet, so gilt auch, dass Emanuel Chabrier mit seiner betont französischen Musik – beschwingt, exotisch, impressionistisch – die er ebenfalls in den 1880er Jahren komponierte, der Begründer der französischen Moderne ist. Und es sind gerade auch diese vier Sätze Idylle, Danse villageoise, Sous bois und Scherzo-Valse aus dem Klavierzyklus «Dix pièces pittoresques», die Chabrier zur «Suite pastorale» für Orchester erweiterte, die noch heute beeindrucken und zu Neuem anregen. Nach dem wuchtigen Schluss der Brahms-Ouverture folgte nun die Idylle der ländlichen Suite Chabriers mit leichten Oboetönen, der sich Klarinetten, Hörner, aber auch Bratschen im «Flageolettmodus» beigesellten. Mit der Melodienführung der Violinen entsteht denn auch ein heiterer, pulsierender Klangteppich, aus dem man gerne Vogelgezwitscher, aber auch wechselnde Wetter-stimmungen heraushört. Derart eingestimmt überrascht einen die Danse villageoise mit ihrem Hühnergegacker und den ungestümen Tanzschritten kaum mehr – das einfache, aber ungemein abwechslungsreich gespielte Thema vermittelt einem ein lebendiges Dorf an einem heissen Tag. Sous bois, der dritte Satz besteht eigentlich nur aus dunklen Celli- und Basstönen mit einem hypnotisierenden Grundmuster, in die helle Geigentöne einflirren, die den werdenden Tag, dann aber auch das verglimmen desselben evozieren, um dann ganz sacht zu verklingen. Die ersten Takte des Scherzo-Valse erinnern mit ihrer kühlen Lüpfigkeit an Grieg, aber schon zieht das Orchester weiter und steigert sich in Dichte und Lauf – «wwhoamm», die Trommeln und «schscht», das Schnalzen der Violinen – um im Walzertakt aufzuhören. Gute-Laune-Musik pur. Nach der Pause stand Joaquín Rodrigos «Concierto de Aranjuez» mit dem Gitarristen Joào Carlos Victor auf dem Programm. Letzterer wurde 1985 in Salvador-Bahia in Brasilien geboren, wo er studierte. Ein Austauschprogramm ermöglichte es ihm 2008, an der Hochschule für Musik Nürnberg ein künstlerisches Diplom zu absolvieren, 2012 schloss er sein Masterstudium in Luzern ab, um anschliessend in Basel sesshaft und zu einem der international führenden Gitarristen seiner Generation zu werden. Joaquín Rodrigo, 1901 bei Valencia geboren, erblindete in seinem vierten Lebensjahr als Folge einer Diphterie-Erkrankung. Bereits Ende der Zwanzigerjahre vervollkommnete er seine Studien in Komposition und Harmonielehre in Paris, aber auch in der Schweiz. 1939, also nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs lässt er sich mit seiner Frau in Madrid nieder. In diesem Jahr entstand auch sein berühmtestes Werk, das «Concierto de Aranjuez», das 1940 in Barcelona uraufgeführt wurde und 1956 mit dem Gitarristen Narciso Yepes erstmals auf Schallplatte aufgenommen und von diesem Zeitpunkt an seinen Siegeszug durch die musikalische Welt antrat. Joào Carlos Victor beginnt den ersten Satz, das Allegro con spirito, leicht und wohlklingend, aber schon bald mischen sich schrille Bläser und Streicher und dunkle Zwischenrufe ein – der Fandango mit seinen mitreissenden Betonungswechseln lässt die Einflüsse der spanischen Klassik und der Volksmusik mit ihren starken maurischen Wurzeln erkennen. Der zweite Satz, das Adagio, in dem neben der Gitarre auch das Englischhorn eine tragende Rolle bekommt, hebt das Concierto mit dem zerreissenden Klagegesang einer Mutter und mit seiner Liebeserklärung an das Leben, in die Sphäre der Weltmusik. Das Allegro gentile zum Schluss, mit seiner resoluten Grundmelodie, könnte heiter sein, wären da nicht die Dissonanzen, die das Ganze erden. Stetig von der Gitarre vorangetrieben, nähert man sich dem Schluss: ein Akkord – knapp und lapidar, eine Punktlandung von Solist und Orchester. So bewegt die Musik war, so spürbar die Hingabe und Freude von jedem Orchestermitglied war, so ruhig sass Victor mit seiner Gitarre auf seinem Stuhl: Alles Spiel kam aus den Fingerspitzen, die unentwegt, aber kaum erkennbar, in die Seiten griffen, um diesem wunderbaren Instrument die schönsten und traurigsten Töne zu entlocken. Der langanhaltende Applaus und die Zugaben von Solist und Orchester beschlossen dieses geglückte Jubiläumskonzert. Chapeau!

Eingesandt von François Baer

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