Höngger.ch

7°C5°C am 13. November 2018
Firmen

«Von nun an sammle ich Erfahrungen»

2. Mai 2018 von

Peter Muggler vor dem Werk "Bodensee" der Künstlerin Stephanie Giger-Reich.
Foto: Patricia Senn

Peter Muggler vor dem Werk "Bodensee" der Künstlerin Stephanie Giger-Reich.

Von

Online seit
2. Mai 2018

Printausgabe vom
03. Mai 2018
Beitrag bewerten

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...

Mit 16 Jahren kam Peter Muggler als KV-Lehrling zu Glas-Mäder. Heute ist er Geschäftsleiter und noch immer fasziniert von der Vielseitigkeit der Glasbauerei.

Vor über 130 Jahren gründete Johann Heinrich Huber-Stutz an der Freyastrasse 12 seine «Mousseline- und Dessin-Glasfabrik», heute bekannt unter dem Namen «Mäder & Co. AG». Das Fabrikgebäude steht mittlerweile in einem Innenhof gleich beim Bahnhof Wiedikon, umgeben von höher gebauten Häuserreihen, die später dazugekommen sind. Durch ein grosses Tor betritt man die Lagerhalle, in dem rund drei Meter breite und zwei Meter hohe Glasscheiben unterschiedlicher Dicke und Art aufgereiht auf ihre Verarbeitung warten. Zwei Stockwerke weiter oben hat Geschäftsleiter Peter Muggler sein Büroreich auf wenigen Quadratmetern eingerichtet. Der Wahl-Höngger – seit 17 Jahren lebt er im Quartier – kam 1966 als KV-Lehrling in den Betrieb, der 1920 von Heinrich Mäder und Joseph Rohner übernommen und in Mäder & Co. umbenannt worden war. 1981 wurde Muggler zum Kommanditär ernannt und schliesslich 2004, nachdem Ruedi Mäder in den Ruhestand getreten war, zum Alleininhaber der Glas-Mäder. «Die Glasbauerei ist ein hartes Geschäft, doch wir decken eine breite Palette an Angeboten ab und haben es so geschafft, uns gut zu etablieren», erzählt Muggler.

Vater als Vorbild

Ebenso breit gefächert sind die privaten Interessen des überzeugten Freisinnigen – vermutlich ein Erbe seines Vaters. «Er nahm mich als Junge oft mit auf Fossiliensuche und war auch sonst sehr unternehmungslustig, ritt und flog selber». Die grösste Errungenschaft des «Selfmademan» war wohl die Eröffnung des Museums «Kulturama» in Zürich, «er wollte forschen und Kulturgeschichte vermitteln. Sich ohne entsprechendes Diplom in der Welt der Professoren zu behaupten, war nicht einfach. Aber am Ende gab der Erfolg ihm recht», erzählt Muggler, der heute selber als Vize-Präsident im Gönnerverein des, besonders bei Schulklassen beliebten, Museums amtet und sich immer wieder darüber freut, was daraus geworden ist.

«Am liebsten etwas Verrücktes»

Eine Konstante in seinem Leben ist das Sammeln. Angefangen bei Fossilien, über Porzellan und Bilder hat Muggler schon vieles zusammentragen – und später wieder losgelassen. «Immer in Phasen von zirka zehn Jahren, dann musste es etwas Anderes sein. Am liebsten etwas Verrücktes», erzählt er schmunzelnd. Aus einer Leidenschaft entstand sogar ein dickes Buch: «Bei einer Ballonfahrt lernte ich den Piloten kennen. Der erzählte mir von Briefen und Postkarten, die früher mit dem Ballon befördert wurden», erinnert er sich, «das hat mein Interesse geweckt und ich begann zu recherchieren». Er suchte in Antiquariaten, schrieb ehemalige Piloten an und stöberte durch Postkartenbörsen. Dabei stiess er unter anderem auf die allerersten Briefe, die 1871 aus dem besetzten Paris in die Schweiz geflogen worden waren. Schliesslich entschied er sich, die Geschichte der Ballonpost Schweiz in einem Buch festzuhalten. Drei Jahre arbeitete er an diesem Nachschlagewerk, 2001 wurde die «Bibel» publiziert. An der Expo 2002 ab der Arteplage in Neuchâtel organisierte er schliesslich eine Ballonfahrt mit offizieller Post. «Es steckt viel mehr Arbeit dahinter, als man vielleicht denkt», meint Muggler. «Die Briefe und Postkarten müssen zweimal abgestempelt werden: An der Poststelle des Absenders und am Ort, für den sie bestimmt sind». Privat fährt er auch heute hin und wieder im Ballon, über die Alpen nach Mailand zum Beispiel. Eine Fahrt aber bleibt unvergessen: «Für einen Dokumentarfilm fuhren wir mit Patrik Schmidle in eine Gletscherspalte auf dem Aletschgletscher. Unglaublich beeindruckend». Ob er denn selber einen Flugschein habe? «Nein, nein. Und ich würde auch nicht bei jedem in den Korb steigen», lacht er.

Renommierte Glasmalerei

Bereits 1898 kam mit Heinrich Mäder die Glasmalerei ins Haus. Besonders Jugendstil- und Facettengläser sowie geschliffene Spiegel waren in dieser Zeit sehr gefragt. Heute sind in der ganzen Schweiz Kirchenfenster und Wappenscheiben zu finden, die im Atelier der Glas-Mäder gefertigt wurden. Unter dem Dach «im Himmel» befinden sich die lichtdurchfluteten Atelierräume mit hohen Fenstern. Das Reich von Urs Rickenbach, dem Kunstglaser, und seinem Team. An den Wänden stehen in Holzregistern Glasplatten in allen Farbnuancen, allein, wie viele Blautöne es gibt! Insgesamt gäbe es 5000 verschiedene Farben ab Werk, erklärt Muggler, und nur zwei Fabriken, die die Glasplatten produzieren, in Deutschland und Frankreich. Ein besonderes Highlight und ein Türöffner war der Auftrag für den renommierten Künstler Sigmar Polke, der 2004 die Kirchenfenster im Grossmünster Zürich gestaltete. «Für diese spezielle <Fusing-Technik>, in der Glas aufwendig verschmolzen wird, musste das ganze Team eine Weiterbildung absolvieren», erzählt Muggler. Auch eine Weiterbildung in Ofentechnik gehörte dazu: «Manche Platten liegen eine Woche im Ofen und müssen dann ganz langsam wieder abgekühlt werden», erklärt er. Einmal den Fuss in der Kunstszene, wurden immer neue Projekte an die Glasmaler herangetragen. Vor fünf Jahren meldete sich die Deutschamerikanerin Kerstin Brätsch, eine Gewinnerin des Kunstwettbewerbes für den Swiss Re Neubau. «Letztes Jahr gewann sie den Edvard Munch Art Award, nun fertigen wir für sie ein Stück für die Eingangshalle im Museum of Modern Art in New York», sagt er stolz. Auf einem Leuchtpult ruht ein Kunstwerk der Künstlerin Stephanie Giger-Reich, «Bodensee» heisst es, darin verschmelzen gelbe und grüne Flecken, wie Luftaufnahmen von Feldern und Wäldern, dazwischen rote Tupfer. Auch im umgebauten Heuried stellte Glas-Mäder für das Zürcher Künstlerpaar Wiedemann Mettler eine farbige Glasdecke her, «so ergeben sich immer wieder neue Synergien, das ist sehr spannend für uns, wir lernen stets dazu, auch menschlich, denn jeder Künstler ist eine Persönlichkeit für sich».

Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Und was tut der eigentlich schon im Pensionsalter angekommene Geschäftsinhaber für seine eigene Persönlichkeit? «Ab Freitag bin ich meistens in Arosa anzutreffen, beim Wandern erhole ich mich gut von einer anstrengenden Woche», erzählt der sympathische Mann. Früher seien er und seine Frau viel gereist, heute blieben sie aber am liebsten in der Schweiz und den umliegenden Ländern – «es gibt so viele schöne Orte hier», schwärmt er. «Als junger Mensch achtet man nicht so auf Flora und Fauna, aber heute schätze ich die Schönheit der Natur sehr». Die besten Ideen kämen ihm in den Bergen, weg vom gewohnten Alltag mache er sich Gedanken für die Zukunft, positive. «Ich denke, nun werde ich mich auf das Sammeln von Erfahrungen konzentrieren», lächelt er.

Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar.


500