Höngger.ch

27°C24°C am 20. August 2018
Dorfleben

Mit den Munggenstaldern durch die Teufelsschlucht

28. Juni 2017 von

Foto: Fredy Haffner

Der Autor Martin Weiss mit seiner «Familie», wie er sie nennt, vor dem Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2.

Von

Online seit
28. Juni 2017

Printausgabe vom
29. Juni 2017
Beitrag bewerten

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...

Der Höngger Autor Martin Weiss hat unlängst den dritten Band der «Munggenstalder»-Reihe veröffentlicht. Diesmal schlagen sich seine Helden über den Gotthard bis nach Mailand und versuchen nebenbei noch dem Teufel das Handwerk zu legen. Und wie immer, wenn Weiss einen Comic schreibt, kommt dabei auch das Essen nicht zu kurz.

Frühling 1327. In Munggenstalden, im kleinen Dorf hinter den Mythen, taucht Albin auf, ein Urner Säumer, und bittet die Munggenstalder um Hilfe: In der Schöllenen gelte es, den Teufel zu vertreiben, und zwar jetzt! Denn der «Horäbaschi» – so nennen die Urner den Gehörnten – werfe ständig Steinbrocken auf den Saumpfad, das führe zu Verkehrsstaus und noch schlimmer: Die Reise von Margarethe, der hübschen jungen Gemahlin König Ludwigs, über den Gotthard sei dadurch gefährdet. So beginnt der dritte Band in der Munggenstalder-Comicreihe. Und von da an geht es spannend und witzig weiter auf dem Erzählpfad, der historische Tatsachen und Fiktionen munter mischt. Weiss, studierter Germanist und Filmwissenschaftler, sagt, er sei klar mehr Genussmensch als Historiker. Deshalb werde in seinen Comics auch immer ausgiebig gegessen. Das schaffe einen Bezug zur damaligen Zeit. Am Beispiel der «Teufelsschlucht» erklärt er, war es die Zeit, als Marco Polo von seiner ersten Chinareise heimkehrte und Italien mit «Pasta» beglückte. Die Helden aus Munggenstalden bekommen so als erste Eidgenossen in Mailand die völlig neue Speise zu kosten. Natürlich ohne Sugo, denn die Tomaten kamen ja erst mit Kolumbus aus Südamerika. Ebenso Kartoffeln, Kürbisse und Melonen. «Kulinarisch war Europa und insbesondere die Schweiz damals eine Wüste», sagt Weiss und ist diesbezüglich froh, heute hier zu leben.

Ein Gespann aus Kindertagen

Klar, dass auch der Ursprung zu allen Munggenstalder-Bänden kulinarischer Natur war: Für die Buchreihe «Urchuchi» reiste Weiss durch die ganze Schweiz und stiess dabei immer auch auf historisch und kulinarische spannende Begebenheiten. Etwa, dass die Capuns nicht etwa von den Bündnern, sondern von den im 18. Jahrhundert durch die Surselva ziehenden Franzosen erfunden wurden. Oder, dass die Idee, aus Käse eine Suppe zu kochen, nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Aostatal entstanden ist. Solche Zusammenhänge zwischen Gerichten und Geschichten begannen ihn zu interessieren, obwohl er, wie er schmunzelnd bemerkt, in der Schule in Geschichte eine Niete gewesen sei. Wo kommen Gerichte her, wie sah es in jener Zeit aus, als sie entstanden sind? «Ich entdeckte einen narrativen Schatz sondergleichen», sagt er. Selber ein Fan von Asterix und Obelix kam er auf die Idee, die Schweizer Geschichte in Comics zu verpacken. In seinem Freund aus Kindertagen, dem Zeichner Rolf Willi, fand er quasi seinen «Uderzo». Zwei Jahre arbeiteten die beiden am ersten Band. «Noch länger dauerte die Entwicklung des dritten Bandes», sagt Weiss, «vor allem weil er fast doppelt so dick ist wie seine Vorgänger».

Von der Geschichte zur Geschichte

Auch wenn Weiss Kulinariker ist, Ausgangslage seiner Comics ist meist ein historisches Ereignis, zum Beispiel der Klostersturm von Einsiedeln 1314: «Die Schwyzer stürmten damals das Kloster tatsächlich, entführten die Mönche, plünderten und – auf gut Deutsch – sauten», so Weiss. Zu solchen historischen Ereignissen denkt er sich eine fiktionale Geschichte der Munggenstalder aus und bringt beides zusammen. Die Munggenstalder liessen sich in diesem Band leicht einbauen, leben sie doch nur wenig weiter oben im Tal und sind sozusagen Nachbarn der Mönche. Im neusten Band hingegen hat sich Weiss ein Thema gesetzt, den «Gotthard». Der war 2016 sehr aktuell, bloss hat die Veröffentlichung des Buches dann doch nicht mehr zur Eröffnung der Neat geklappt: «Da haben wir uns schlicht zu viel vorgenommen – über 2000 Illustrationen und dreimal so viele Sprechblasen mit Text». Die Geschichte, die Weiss erfand, ist fiktional, stimmt aber mit den historischen Ereignissen im Jahr 1327 überein. Die Eckdaten in historischen Comics müssen stimmen, sonst funktionieren die Bände nicht, denn: «Solche Comics sind explizit auch für Schulen gedacht, um Geschichte auf eine andere Art zugänglich zu machen». Also suchte er auch hier ein historisches Ereignis, das in die Zeit passte und fand König Ludwig der Bayer, der sich 1327 in Mailand zum König der Lombarden krönen liess. Seine Frau, auch dies ist verbürgt, reiste ihm nach – allerdings weiss man nicht auf welcher Route. «Ich nutzte dies schamlos aus und liess sie über den Gotthard reisen». Darf man sich solche Freiheiten nehmen? «Ja, das darf und muss man auch», sagt Weiss und erläutert, wie er zum Beispiel lange recherchiert hat, weil er «etwas» brauchte, das die Idee eines Tunnels durch den Gotthard plausibel machte. Er stiess auf einen Käfer, der in Felsspalten lebt und erst noch den fantastischen Namen «Bombardier» trägt. Da er die Eigenschaft hat, sich bei drohender Gefahr mit übel stinkenden Gasen zu wehren, wird er im Comic nun «Furzkäfer» genannt.
Nicht alle Historiker sind begeistert von der lockeren, humorvollen Art, wie Weiss an die Schweizer Geschichte rangeht. Andere hingegen finden es wichtig, das Geschichtsverständnis und die Neugier bei den Jugendlichen überhaupt zu wecken. Weiss macht beides: Im Band wird die Neugier geweckt und im umfangreichen Anhang detailreich und verständlich aufgeklärt, was wahr ist und was erfunden. Die Mischung von Fakten und Fiktion ist anspruchsvoll – das weiss man nicht erst seit der Ära Trump. Trotzdem ist Weiss überzeugt, dass sein primäres Zielpublikum dem gewachsen ist und erinnert sich an seine eigene Kindheit: «Da las ich Asterix und verstand ja auch nicht auf Anhieb alles. Aber mit den Jahren liest man Comics mehrmals und versteht und sieht die Zusammenhänge immer besser». Genau aus diesem Grund will er die Ansprüche auch nicht zu tief ansetzen.

Die Munggen kommentieren alles!

Wobei ihm auch die neuerdings kommentierend auftretenden Murmeltiere helfen. Eine Hommage an das Musical «Ewigi Liebi»? Weiss lacht: «Nein, auch wenn ich aus dem Musical tatsächlich nur die Munggen kenne». Er habe primär eine Tierfigur aus dem Alpenraum gesucht, «und Murmeltiere sind als Comic-Figur noch kaum besetzt». So kamen die Munggen ins Buch und entwickelten sich von Band zu Band immer weiter. Zuerst sprachen sie kein Wort, unterdessen sind sie eloquente Kommentatoren und mischen in den Geschichten auch tatkräftig mit. «Bedenkt man», sinniert der Autor, «dass die Murmeltiere seit der letzten Eiszeit, also seit 9700 Jahren hier leben, was sie alles miterlebten und wie sie die Alpen durchlöcherten, lange bevor wir uns an den Gotthard wagten: Dann dürfen sie sicher selbst in die Zukunft gerichtet gute Vorstellungen haben, wie sich das hier raumplanerisch alles noch entwickelt». Und wie sehen die Munggen die Zukunft der Munggenstalder? Entwickeln sie sich je aus dem Mittelalter heraus? «Grundsätzlich sind Comicfiguren zeitlos», sagt Weiss, «sie könnten aber auch Zeitsprünge machen. Aber werden sie dabei älter? Tragen sie dann andere Kleider? Frechere Frisuren? Aus politischer Sicht wäre das spannend: Man stelle sich zum Beispiel den Einfluss der Franzosen in der Schweiz des 18. Jahrhunderts vor und was die Munggenstalder mit ihnen erlebt hätten…», sinniert Weiss. Doch in absehbarer Zeit landen die Munggenstalder erst im Jahr 1339 und der Schlacht bei Laupen. «Und danach folgt ein Band zu den Appenzellerkriegen 1499», spannt Weiss den Bogen noch ein Jahrhundert weiter, «aber das war’s dann». Vielleicht, denn gemäss Weiss beginnt die wirklich spannende Zeit der Schweizer Geschichte und auch jene der Kulinarik erst danach. Als die Tomaten und Pataten auf Europas Tellern Einzug hielten.

Die drei «Munggenstalder»-Bände sind auch im Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2 erhältlich. Aktuell arbeitet Martin Weiss an dem von ihm konzipierten Mobile-Game «SQWISS», bei dem die Spieler an kulturhistorisch bedeutenden Orten in der Schweiz «Rätsellöcher» finden müssen, aus denen Munggen auftauchen und Fragen zu Geschichte, Politik und Kultur stellen. Das Spiel wird 2018 im Rahmen des Europäischen Jahres des Kulturerbes lanciert.

 

Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar.


500