Höngger.ch

2°C1°C am 20. November 2018
Frank Frei

Lieber eine oder viele Tröten?

27. Juni 2018 von

Von

Online seit
27. Juni 2018

Printausgabe vom
28. Juni 2018
Beitrag bewerten

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...

War ja klar, dass ich auch noch meinen Senf über die Fussball-WM ausdrücken muss. Schliesslich bin ich ja auch einer von schweizweit fast acht Millionen Experten. Und ich habe mich echt auf diese Wochen im Ausnahmezustand gefreut, die ich nun mit Bier und Pizza vor dem Bildschirm verbringe. Jetzt, während der Gruppenspiele von nachmittags um zwei bis nachts um irgendwann.
Begonnen hat eigentlich alles ganz gut. Die Stimmung in den Stadien kam in der heimischen Flimmerkiste gut an, und was die ersten Spielergebnisse bei mir auslösten lassen wir jetzt mal weg. Den Videobeweis finde ich toll und überlege mir, die Technik auch zu Hause einzuführen: Hat Kind X zuletzt nur mit dem Klodeckel gespielt oder das Klo benutzt und tatsächlich nicht gespült? Dann mit der Hand ein Rechteck durch die Luft zeichnen, das nächste Taschengeld streichen und zuschauen, wie Kind X mit hängendem Kopf von Dannen trottet. Und alles ohne Diskussionen. Herrlich.
Auch an den Kommentatoren habe ich meine helle Freude, denn ich schaue alle Spiele im ZDF an, was verhindert, dass ich mich versehentlich Sascha Ruefer und seinem Mann aus Sursee aussetze. Ich will meine Pizza ja essen und nicht daran ersticken.
So war also alles friedlich – bis zu jenem Spiel Iran gegen Spanien, das mich in die WM 2010 in Südafrika zurückversetzte. Ich sage nur: Vuvuzuela. Ich weiss nicht, wer den armen Iranern geraten hat, den ganzen Restbestand an WM-2010-Vuvuzuelas aufzukaufen und ins Stadion von Kasan mitzunehmen, obwohl die russischen Behörden, wie man hört, die Dinger sogar explizit verboten haben.
Ich sass also geistig paralysiert da, drückte mit hochrotem Kopf verzweifelt die halbvolle Bierdose zu Schrott und versuchte, den Impuls zu unterdrücken, den mir mein Stammhirn kontinuierlich zurief: «Vertreib endlich den Bienenschwarm, du Dödel, der ist lebensgefährlich!»
«Nein-Nein», beruhigte ich die urgraue Zellmasse in den Tiefen meines Hirns, «das ist ein trötendes Musikinstrument, scheusslich aber ungefährlich, mit den Armen zu wedeln bringt nichts».
Worauf der Reptilienteil meines Hirns fand, da könnte ich ja ebenso gut die andere Tröte einschalten, den Ruefer. Was ich tat. Wobei ich jetzt nicht sagen kann, ob der Ruefer überhaupt diesen Match kommentierte, denn zu hören war ja nichts, ausser Vuvuzuelas. Also doch wieder zurück ins ZDF, denn dort hatten sie das Stadiongeräusch wenigstens etwas gedimmt. SRF kannte da keine Gnade. Die Spanier auch nicht. Sie besiegten, knapp aber doch, den Iran mit 1:0 und machten aus den Vuvuzuelas Zarzuelas.
Meine Angst, von nun an seien alle Spiele vuvuzuelaüberdröhnt und ich müsste mich wie 2010 frühzeitig aus der WM verabschieden, bewahrheitete sich nicht. Und so lernte ich, die Fangesänge wieder zu schätzen. Sogar den dumpfbackigen der Schweizerfans. Einzige Bedingung: überruft mir den Ruefer – oder ich bin dann mal weg. Beim ZDF.

Es grüsst trötend
Frank Frei

Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar.


500