Höngger.ch

6°C4°C am 19. Januar 2018
Kultur

«Ich seh’ etwas…»

22. November 2017 von

Foto: Patricia Senn

Die Künstlerin Cécile Trentini bei ihrem Ritual, dem «Daily Walking».

Foto: Patricia Senn

Das Lieblingswerk der Künstlerin: «Achtung Verschönerung, 2016 bis 2017».

Von

Online seit
22. November 2017

Printausgabe vom
23. November 2017
Beitrag bewerten

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...

Eine Frau läuft im Stechschritt durch Höngg, hoch auf den Berg, runter zum Fluss. Ab und zu hält sie an, fotografiert etwas, läuft weiter. Wer ist sie und warum macht sie das?

Es ist die Künstlerin Cécile Trentini. Ursprünglich wollte sie sich «nur» etwas Bewegung verschaffen, eine halbe Stunde pro Tag schnelles Gehen oder «Walken» sollte reichen, um fit zu bleiben. Um den inneren Schweinehund besser überwinden zu können, gab sie sich selber eine Aufgabe: Sie lief 15 Minuten, schoss ein Foto und lief dieselbe Strecke wieder zurück. «So kam es mir weniger lang vor, zweimal 15 Minuten wirken psychologisch weniger lang als einmal 30», erzählt die Künstlerin. Mittlerweile kennt sie ihre Runden genau und muss keinen Wecker mehr stellen. «100 Tage wollte ich es ursprünglich machen, das ist eine gute Zahl, um Bilanz ziehen zu können, ob es mir zusagt oder nicht». Doch während des Walkens fielen ihr ständig neue Themen ein, die sie noch umsetzen wollte: 100 Fotos von gelben Dingen, blauen Dingen, 100 Fotos vom Himmel, 100 Fotos vom Boden, 100 Fotos vom gleichen Sujet, der blauen Brücke an der Limmat und der weissen Birke auf dem Hönggerberg. Die quadratischen Fotos werden im Format 10 x 10 Zentimeter auf Stoff ausgedruckt, zu einem weiteren, grossen Quadrat von einem auf einem Meter angeordnet und so zu einem textilen Kunstwerk verarbeitet. «Erstaunlich und spannend ist, dass diese Vorgehensweise das Schauen völlig verändert», erzählt Trentini begeistert. «Das ist zwar etwas Naheliegendes und jedem Künstler bekannt, aber durch dieses Projekt wurde es mir noch einmal richtig bewusst. Plötzlich sehe ich Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind». Mittlerweile sind es drei Jahre, dass sie dieses Ritual pflegt.

Aus Zeitmangel zum Stoff gefunden

Gerade ist sie wieder unterwegs, die Strecke führt an die Limmat. Zurzeit arbeitet Trentini an einer Serie mit den drei Grundfarben, aktuell sucht sie nach roten Dingen. Wie die rostroten Seilwinden beim Werdinsel Wehr. Sie hält kurz inne, zückt die Kamera, drückt ab, das nächste Puzzleteil für ihr Gesamtwerk. Ursprünglich hatte die in Den Haag geborene, später in der Westschweiz und mehrsprachig aufgewachsene Schweizerin eine Ausbildung zur Übersetzerin absolviert. «Es zog mich aber schon immer zur Gestaltung», erzählt die Textilkünstlerin, «besonders die Typografie hat es mir angetan». Nach dem Vorkurs bewarb sie sich deshalb für die Fachklasse Grafik der damaligen Schule für Gestaltung, wurde aber nicht aufgenommen. Also bildete sie sich selbständig in Kursen weiter. Anfangs malte sie viel. Die Geschichte, wie sie schliesslich zur Textilkunst kam, ist schon fast eine Familienlegende: Ihre damals kleine Tochter war keine zuverlässige Mittagsschläferin. Jedes Mal, wenn sie sie zum Schlafen hinlegte und den Pinsel in die Hand nahm, wachte die Kleine auf, und an das Malen war nicht mehr zu denken. «Regelmässig trockneten die Farben ein und es war anspruchsvoll, sich danach rasch wieder in die Stimmung des Bildes zu bringen». Doch irgendwo stand eine Nähmaschine. «Ich hatte schon vorher viel mit verschiedenen Texturen gearbeitet. Als ich anfing mit Textilien zu arbeiten, merkte ich gleich: Das ist das, was ich immer gesucht habe. Diese verschiedenen Strukturen und Oberflächen». Die ersten Arbeiten waren stark an die traditionelle Patchwork Methode angelehnt – ihre Schwägerin führte sie an das Handwerk heran. Doch schnell entwickelte sie ihre ganz eigenen Techniken. Der offensichtliche Vorteil war, dass sie diese Arbeiten viel leichter unterbrechen und später weiterführen konnte. «Im Vorfeld geschieht die eigentliche Planung im Kopf und auf dem Papier, danach setzt man sie <nur> noch handwerklich um», erklärt Trentini. Und im Kopf, da passieren beim Laufen grossartige Dinge. Man hat Zeit nachzudenken, die Kreativität stellt sich fast von selbst ein. Aus einer halben Stunde, meist am Anfang eines Tages, schöpft sie so viele neuen Ideen, dass sich das Projekt mittlerweile zu einer ausführlichen Serie entwickelt hat, die sie «Daily Walking» nennt und die sie wohl noch über Monate und Jahre weiterführen wird.

Abwesenheit sichtbar gemacht

Auf dem Quadrat mit den 100-Tage-Fotos gibt es einzelne leere Stellen. Die Fotografien sind chronologisch angelegt. Konnte sie an einem Tag nicht Laufen gehen, blieb der entsprechende Platz unausgefüllt und dokumentierte so ihre Abwesenheit, sei es aus Krankheit oder aufgrund von Reisen. «Das hat einen erstaunlichen Einfluss auf mein Verhalten», erzählt die Künstlerin, «oft gehe ich raus, obwohl ich keine Lust oder fast keine Zeit dazu habe. Es diszipliniert mich, weil meine Absenz sonst sichtbar wird. Gleichzeitig sind die Werke durch diese Lücken zu einer Art Tagebuch geworden: Das leere Quadrat entstand, weil an diesem Tag etwas Spezielles vorgefallen ist. Daran erinnere ich mich». Ihr persönliches Lieblingsstück hat mit Sprache und Typografie zu tun: Im Laufe eines Jahres hat sie auf ihren Walks täglich ein Wort gesammelt. 351 Wörter sind so zusammengekommen, die sie mit «Chrüzlistich» in verschiedenen Farben auf ein rechteckiges Stück Stoff gestickt hat. «Die aneinander gereihten Wörter ergeben ein absurdes Gedicht, das manchmal zufällig Sinn macht», erklärt Trentini. Nebenbei ist das Kunstwerk, das eine ganze Wand ausfüllt, auch sehr schön anzusehen. Sprache und die Bedeutung von Wörtern faszinieren sie, sowie das Spiel mit Gedanken, Assoziationen, die sich beim Lesen ergeben. Gerade arbeitet sie an einem ähnlichen Projekt, bei dem sie die gefundenen Begriffe mit Google «Translate» in eine zufällig ausgewählte Sprache übersetzt und aufstickt. «Das Spannende daran ist, dass die verschiedenen Sprachen bereits unterschiedliche Schriften aufweisen», erklärt sie. «Ausserdem besteht eine Unsicherheit darüber, ob das Wort wirklich richtig übersetzt wurde. Es wird mir plötzlich wieder bewusst, was eigentlich klar zu sein scheint, nämlich, wie vielfältig die Welt ist. Und: Was sagt das aus über die Kommunikation auf der Welt?»

Weggeworfenes erzählt Geschichten

Irgendwann hat Trentini auch angefangen, Gegenstände zu sammeln, die sie auf ihrem täglichen Walk findet, und hat damit vielleicht eines der grössten Geheimnisse unserer Zeit gelöst: Das Rätsel um die verschwundenen Socken. «Es ist unglaublich, wie viele einzelne Socken ich auf meinen Spaziergängen finde», lacht sie. «Auch einzelne Schuhe sehe ich oft und frage mich natürlich, was die Geschichte dahinter sein könnte». Oder wieso von 100 Zigaretten-Päckchen 98 zerdrückt wurden, bevor man sie fortgeworfen hat, «ist es vielleicht das schlechte Gewissen? Und wenn ja, woher rührt es: Vom Wegwerfen oder vom Rauchen?» Von Textilkunst zu leben ist schwierig, es gibt keine Galerien, die sich darauf spezialisiert haben, dadurch sind auch Ausstellungsmöglichkeiten rar. Dafür gibt es viele Wettbewerbe, an denen Trentini auch oft teilnimmt. So ist eines ihrer Kunstwerke gerade für zwei Jahre auf einer Wanderausstellung in den USA zu sehen. Obwohl sie schon seit ein paar Jahren so arbeitet, ist sie noch immer zurückhaltend damit, wen oder was sie fotografiert. «Es ist mir sehr bewusst, dass die Leute skeptisch reagieren, wenn man sie oder etwas auf ihrem Grundstück fotografiert. Ich möchte nur sagen: Es ist völlig harmlos und ich verwende die Fotos auch nicht so, dass man irgendwelche Rückschlüsse auf etwas machen könnte». Also keine Angst: Wenn Sie merken, dass Sie fotografiert werden, werden nicht Sie, sondern nur ihre rote Hose, ihr roter Regenschirm oder ihre roten Schuhe allenfalls in einem von Trentinis Werken verewigt werden.

Weiter Infos und Bilder ihrer Werke unter www.ceciletrentini.ch

Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar.


500