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Fokus

Geht die Knospe auf?

8. Februar 2017 von

Foto: Patricia Senn

Alfred Meier mit seinen Angus Mutterkühen.

Blick auf den Hof von Landwirt Markus Willi, im Hintergrund die ETH.

Einer der grössten zusammenhängenden Hochstamm-Obstgärten der Stadt.

Das Knospen Logo kennzeichnet den Bio Hof.

Geissen und Schafe auf dem Bauernhof der Meiers im Rütihof.

Die Silage reicht bis zum nächsten Grasschnitt.

Helga und Alfred Meier.

Von

Online seit
8. Februar 2017

Printausgabe vom
09. Februar 2017
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Zwei von drei landwirtschaftlichen Betrieben in Höngg sind Knospe-Betriebe, sie wirtschaften nach Richtlinien der Bio Suisse. Aus welchen Gründen entscheidet man sich für diese aufwendige Art der Landwirtschaft, oder eben nicht?

Viele private Bauern gibt es in Höngg heute nicht mehr: Da ist Markus Willi-Bosshard auf dem Käferberg, Alfred Meier im Rütihof. Und der Wein- und Obstbau Wegmann im Frankental. Drei verschiedene Betriebe, drei verschiedene Geschichten.

Der Idealist

Alfred Meier ist ein Anhänger der Biobewegung der ersten Stunde. In den frühen 80er Jahren begann er eine biologisch-dynamische Ausbildung auf einem Demeterhof, welche er nach einem Jahr abbrechen musste, weil sein Vater ihn auf dem Familienbetrieb im Rütihof brauchte. Den Hof führt der Bauer nun in der vierten Generation. Doch der Anfang war nicht leicht, der eigene Vater wirtschaftete noch konventionell, «auch nicht intensiv, eher traditionell, so wie die anderen Landwirte in der Gegend, die es auch noch von ihren Vätern so gelernt hatten», erzählt Meier. Für die biologischen Ideen seines Sohnes hatte er damals nicht viel Verständnis, es kam häufig zu Disputen. Der Widerstand gegen die biologische Landwirtschaft war damals noch gross, man wusste auch nicht viel darüber. Es brauchte viel Idealismus, man führte endlose Diskussionen, einige Male wäre das Projekt fast gescheitert. Als er zum ersten Mal mit vier, fünf Tonnen Getreide zur Annahmestelle in Niederhasli fuhr, gab es kein separates Silo für Bio-Weizen, also füllte er bis nachts um zwölf Uhr eigenhändig Säcke ab, um sicherzustellen, dass die Ware nicht mit der konventionell hergestellten vermischt wurde. Als biologisch-organischer Betrieb braucht es organischen Dünger, also schafften sie damals sogenannte Ammenkühe an, welche genug Milch für zwei bis drei Kälber hergaben. Schnell wurde daraus eine kleine Herde, die der Jungbauer noch von Hand melkte. Nach einem Jahr investierte man schliesslich in eine Melkmaschine. Ab den 90er-Jahren gründeten sich immer mehr Bio-Organisationen und die Gesellschaft wurde sensibilisierter auf das Thema. Lange arbeiteten Alfred Meier und seine Frau Helga ohne Label, aber als der nachbarschaftliche Gutsbetrieb Sonnenberg in Unterengstringen nach einem Pächterwechsel auf Bio umstellte, liessen sich die Meiers auch zertifizieren. Das erleichterte die Zusammenarbeit, zum Beispiel konnten allfällige Futterüberschüsse von den Betrieben übernommen werden. Weiter konnten die verschiedenen Arbeitsgeräte wie Traktoren, Maschinen und Anderes gegenseitig ausgeliehen werden. Denn Bio heisst ja nicht, dass man keine Maschinen oder andere Hilfsmittel verwenden darf. Es sind einfach andere Hilfsmittel, die zum Teil aber auch erst entwickelt werden mussten, erklärt Meier. Mittlerweile verfügt der letzte verbliebene Bauer im Rütihof über 14 Hektaren Grünland ─ seit 1988 hat er den Boden nicht mehr beackert und keinen Kunstdünger mehr verwendet ─ eine Schafherde, eine Hobbyhaltung mit Geissen und eine Herde von zwölf Mutterkühen der Rasse Angus. Diese haben jeweils ein Kalb, aktuell ist noch ein Stier zu Besuch. Mit zehn Monaten kommen die Kälber zum Nachbarn, der sie ausmästet, denn dafür hat es auf dem Hof der Meiers keinen Platz, wenn die neuen Kälber zur Welt kommen. Gefüttert werden die Tiere mit Gras, Heu und Silage. Zukaufen muss er biologische Mineralstoffe, Salz und Stroh. «Die schottischen Angus Rinder sind sehr robust, fleischlastig und hornlos und deshalb ideal für eine biologische Haltung». Besonders stolz ist das Ehepaar auf die grosse Hochstammanlage, welche 2007 in Zusammenarbeit mit Grün Stadt Zürich gepflanzt wurde und die teilweise bereits Früchte tragen. Im Jahr 2014 kamen auf Anfrage der Mosterei Brunner (Steinmaur) weitere 90 Exemplare, hauptsächlich Mostbirnensorten dazu, so dass ein stattlicher Obstgarten von insgesamt 160 Bäumen entstand. Alfred und Helga Meier sehen diesen als einen Beitrag an die Allgemeinheit, an künftige Generationen. In einem zusammenhängenden Hochstamm-Obstgarten können neue Ökosysteme entstehen, vielleicht gibt es in Zukunft einmal einen Steinkauz oder Wiedehopf. Auch die selbstgepflanzte Hecke, die das Land einrahmt, erfüllt eine Funktion der sogenannten ökologischen Vernetzung. «Die Direktzahlungen sind für Biobauern etwas höher, aber das sollte nicht allein Anreiz sein, um umzustellen», betont Meier nochmals, «es braucht viel Idealismus, der Aufwand ist einfach viel grösser und reich wird man davon ohnehin nicht».

Der Pragmatiker

Etwas anders verlief es für Landwirt Markus Willi. Um die Zukunft seines Betriebs längerfristig sichern zu können, nahm er 2008 die Chance wahr, den Nachbarbetrieb der Stadt Zürich zu pachten und damit seine bewirtschaftete Fläche auf 45 Hektare zu verdoppeln. Dies ermöglichte ihm, den Tierstand zu erhöhen ─ er ist Milchbauer. Doch ein Jahr später erhielt er die Auflage von Grün Stadt Zürich, seinen Hof nach den organisch-biologischen Richtlinien der Bio Suisse umzustellen. Damals traf ihn diese Entscheidung sehr, denn er war ein überzeugter Vertreter der Integrierten Produktion (IP Suisse) und hatte selber Kühe gezüchtet, die hohe Leistungen erbringen konnten, ohne es übertreiben zu wollen. Von der Stadt hätte er sich gewünscht, dass diese von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte. Sein Widerstand trug keine Früchte, die betriebliche Umstellung erfolgte 2009, zwei Jahre später erhielt er das Knospen-Zertifikat von Bio Suisse. Doch selbst der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe hielt es nicht für richtig, dass man einen Bauern zum organisch-biologischen Anbau zwingt, erfuhr er an einem der Pflichtkurse des Verbandes. Schliesslich blieb ihm aber nichts anderes übrig, er musste auch im eigenen Kopf umstellen. Der Stall selber musste nicht einschneidend verändert werden, da die Richtlinien zum Tierwohl auch bei IP Suisse streng sind. Heute produziert Bauer Willi zum grössten Teil Gras, in den Konservierungsformen Silage und Heu, um die Versorgung seiner Tiere zu gewährleisten, welche von Frühling bis Herbst täglich auf der Weide stehen. Danach folgt Mais und Winterweizen, bevor schliesslich wieder Gras angesät wird. Diese Fruchtfolge einzuhalten ist wichtig, damit der Boden nicht einseitig ausgelaugt wird, es ist nicht erlaubt chemisch-synthetische Nährstoffe hinzuzufügen. Doch es gibt auch organische Zusätze wie Biogasgülle, die er vom Biogaswerk in Otelfingen bezieht. Das sei ein Kompromiss, denn auch bei dieser Gülle könne man nicht sagen, dass sie 100 Prozent rein sei, wie ohnehin nichts auf dieser Welt völlig frei von Schadstoffen sein könne, meint Willi. Aber man könne viele Sachen gut und vor allem bewusst machen. Man dürfe ihn nicht falsch verstehen: Er sei sehr gerne Bauer und je länger er biologisch wirtschafte, desto klarer würden auch die Vorteile. Nur gäbe es für ihn eben auch Grenzen. Wenn Vorschriften nur deshalb verschärft würden, damit sich ein Biolabel von den anderen Zertifizierern abheben, und bei den Konsumenten besser punkten könne, fehle ihm dafür das Verständnis. Ein solcher Fall ist für ihn die doppelte Absetzfrist, die vorgibt, dass ein Produkt eines mit Antibiotika behandelten Tieres anstatt fünf Tage zehn Tage lang nicht genutzt werden kann. Er macht ein Beispiel: Angenommen eine Kuh hat eine Euterentzündung: Erst behandelt man sie mit einer Salbe und mit Homöopathie. Wenn es gar nicht besser wird, muss man zur Schulmedizin greifen, sprich zu Antibiotika. In der Sperrfrist von fünf Tagen nach der Behandlung darf die Milch natürlich nicht verkauft werden. Die längere Absetzfrist bedeutet für den Bauer aber nun, dass er zehn Tage lang Milch wegschütten muss. «Das leuchtet mir einfach nicht ein. Ich denke, dass die Pharmaindustrie sich absichert, und mit den fünf Tagen bereits eine längere Frist vorgibt, als effektiv nötig wäre», meint der Landwirt. Etwas skeptisch stimmt ihn auch, dass die durch den biologischen Anbau entstehenden Ertragseinbussen oft mit billigen Importprodukten kompensiert würden. «Aber ich glaube auch nicht, dass man zum Beispiel den heutigen hohen Fleischkonsum nur mit Bioprodukten abdecken kann».

IP aus Überzeugung

Der dritte private landwirtschaftliche Betrieb gehört der Familie Wegmann im Frankental. Bereits in zweiter Generation führen sie ihren Hof nach den Richtlinien der IP-Suisse, Daniel Wegmanns Vater und Rebbauer war Ende der 60er Jahre einer der Pioniere gewesen, die anfingen mit Nützlingen und Schadschwellen zu arbeiten. Dennoch erlauben die Auflagen der IP-Suisse auch den Einsatz von Kunstdünger, wo es Sinn macht und begründet werden kann, nach dem Credo «so wenig wie möglich, so viel wie nötig». Eine der Hauptschwierigkeiten sei die Vielseitigkeit seines Betriebs, erklärt Daniel Wegmann: Wollte der Betrieb auf Bio umstellen, müsste man sich auf eine Kultur beschränken. Ausserdem fürchtet er, dass die Glaubwürdigkeit bei den Kunden leiden würde, weil er sein Obst mit biologischen Pflanzenschutzmitteln öfter behandeln müsste. Doch er ist dem biologisch-organischen Anbau gegenüber nicht verschlossen: Seit er im Jahr 2000 seine Meisterprüfung gemacht hat, beschäftigt er sich immer wieder mit der Thematik. Die Entscheidung, weiterhin bei IP-Suisse zu bleiben, war komplex, aber aufgrund der Machbarkeit für ihn die richtige. Was ihn stört, ist, dass die IP-Richtlinien in der Öffentlichkeit und den Medien heutzutage als Standard dargestellt werden, obwohl sie in Wirklichkeit bereits viel weitergehen als die konventionelle Landwirtschaftsverordnung.

Komplexer als Gut und Böse

Im Gespräch mit den Bauern wird schnell klar: Das Thema Bio ist vielschichtig und emotional aufgeladen. Biologischer Landbau ist aufwendig bei geringerem Ertrag, ohne viel Idealismus sind gewisse Rückschläge teilweise kaum zu ertragen. Aber selbst wenn der Wille da wäre, steht manchmal die Machbarkeit einer Umstellung im Wege. Auch gibt es neben der Art des Anbaus noch andere Kriterien, die man berücksichtigen könnte: So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob Bio immer Vorrang hat oder ob Regionalität manchmal wichtiger ist. Allein an diesem Beispiel zeigt sich die Komplexität des Themas, welches hier sicherlich nicht abschliessend behandelt wurde. Aus diesem Grund betreiben die Höngger Bauern auch Öffentlichkeitsarbeit und laden die Quartiereinwohner zu verschiedenen Anlässen auf ihren Hof ein. Wer kann, sollte diese Einladung einmal annehmen und sich ein paar Minuten mit ihnen unterhalten. Es könnte lehrreich sein.

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