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Fokus

Ein Leben in Genossenschaft

15. März 2017 von

Foto: Fredy Haffner

Yvonne Brand beim Brunnen mitten in der Siedlung – und mitten im pulsierenden, genossenschaftlichen Leben.

Foto: Fredy Haffner

Die GEWOBAG Siedlung von oben.

Von

Online seit
15. März 2017

Printausgabe vom
16. März 2017
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Yvonne Brand ist in der GEWOBAG-Siedlung Frankental aufgewachsen, zweimal weggezogen, zurückgekehrt und heute Präsidentin der Siedlungskommission. Sie verkörpert die gelebte Genossenschaft. Der «Höngger» hat sie zum Gespräch getroffen.

Der «Höngger» trifft sich mit Yvonne Brand vor der Bäckerei Frankental – bis man ihre Wohnung im hinteren Teil der Siedlung erreicht hat, hat man unweigerlich kennengelernt, wer gerade unterwegs ist: Da ein «Hoi Yvonne», dort ein «wie gaht’s?», es werden Kontakte aufgefrischt und Neuigkeiten ausgetauscht – man kennt sie und sie kennt alle beim Vornamen. Nach wenigen Metern ist das Genossenschaftsgefühl bereits greifbar. «Ja», bestätigt sie, «wenn man will, kann man hier alleine sein, und wenn man Gesellschaft sucht, findet man sie ganz leicht, zum Beispiel im Café <Quartier Beck> vorne» und nimmt damit einen zentralen Punkt des folgenden Gesprächs vorneweg. Yvonne Brand (1955) ist in der GEWOBAG-Siedlung Frankental aufgewachsen. Als junge Frau zog sie mit Mann und zwei Kindern nach Rümlang in eine Einfamilienhaussiedlung. 1989, nach der Scheidung, zog sie zurück ins Frankental, dessen «Genossenschafts-Groove» sie in Rümlang vermisst habe, wie sie sagt. Nun mussten sich ihre Kinder zuerst an die Regeln der Genossenschaft gewöhnen – genau jene, mit welchen ihre Mutter aufgewachsen war und die sie schätzen gelernt hatte: Abends die Spielsachen draussen zusammenräumen und die Fahrräder versorgen? Wer machte das schon rund ums Einfamilienhaus? Diese Strukturen und Werte, welche ihr wichtig waren, kannten ihre Kinder nicht. «Die Regeln taten mir als Person immer schon gut. Sie wirken auch verbindend, weil sie für alle gleich sind – etwas, das man heute oft vergisst». Und aus dieser Verbundenheit heraus habe sich auch viel Gutes ergeben. Zum Beispiel, dass sie, damals als eine der ersten Alleinerziehenden, nach der Arbeit auch mal habe mit Verspätung nach Hause kommen können: Vor der Türe seien die Schulsachen ihrer Kinder gelegen und sie wusste beruhigt, dass sie irgendwo in der Siedlung am Spielen waren. Und man übernahm selbstverständlich gegenseitig Hütedienste. Auch Brands Eltern wohnten noch in der Siedlung, wie auch heute oft mehrere Generationen einer Familie im Frankental wohnen. «Und viele, die als junge Erwachsene wegziehen, kommen mit Familien zurück», weiss Brand. Sie selbst wohnt heute fast wieder in der gleichen Wohnung wie als Kind und blickt auf die haushohe Tanne, die einst kaum grösser als sie selbst war und auf die man natürlich nicht habe klettern dürfen. «Als wir damals im Jahr 1961 einzogen, waren die Wohnungen noch nicht ganz fertig. Die Balkone waren noch nicht unterteilt und wir durften mit unseren kleinen Velos die ganzen Längen abfahren», erinnert sie sich. Es sei einfach alles die totale, uneingeschränkte Freiheit gewesen und voller Kinder. Draussen auf den Garagenvorplätzen habe man dauernd Spiele gespielt und in der Umgebung «Versteckis» und «Räuber und Poli». «Es war das Paradies, und heute sehe ich hier draussen wieder das gleiche Paradies».

«Nun wollte ich etwas zurückgeben»

Elf Jahre nach ihrer Rückkehr trat ihr Sohn eine Lehrstelle als Bäcker in Dielsdorf an – Familie Brand entschied sich, nochmals vom Frankental wegzugehen, um «dem Stift» einen kürzeren Arbeitsweg zu ermöglichen. «Drei Jahre später rief ich im Juli wieder der GEWOBAG an – am 1. September konnte ich einziehen». Da sei es für sie klar gewesen, dass sie sie sich in der Siedlungskommission engagieren würde: «Es war Zeit, dieser Genossenschaft etwas von all dem zurückzugeben, was sie mir gegeben hatte». Zum Präsidium kam sie dann wie die Jungfrau zum Kind: Es war vakant und als sie zum ersten Mal als Mitglied der Siedlungskommission an einer Mieterversammlung teilnahm, fasste sie den Auftrag, die Leute zu begrüssen. «Offenbar gefiel das so gut, dass der Genossenschaftspräsident Fredy Schär zu mir kam und mir das Amt der Kommissionspräsidentin anbot. Und ohne meine Antwort wirklich abzuwarten griff er zum Mikrofon, schlug mich den Anwesenden vor und schon war ich gewählt».

«Wir schauen für den Zusammenhalt in der Siedlung»

Fünf bis zehn Leute sind in der Kommission, ergänzt durch projektbezogene Helferinnen und Helfern. Selbst in der Genossenschaft ist es nicht einfach, immer genügend Leute für dieses Ehrenamt zu finden. Brand hat dafür Verständnis: «Ich engagierte mich ja auch erst, als meine Kinder grösser waren. Und der Druck, dem man heute in der Arbeitswelt ausgesetzt ist, ist viel höher als früher». Als Leiterin der Geschäftsstelle FRAGILE Zürich, Verein für hirnverletzte Menschen und ihre Angehörigen, weiss sie nicht zuletzt aus dem Umfeld ihrer Klienten, wovon sie spricht. «Dann sich in der Freizeit noch in einer Siedlungskommission zu engagieren, ist viel verlangt». Doch die Kommission ist wichtig, ist es doch an ihr, Impulse zu setzen, damit das genossenschaftliche Zusammenleben funktioniert. Rund
18’000 Franken stehen ihr jährlich für Mieterversammlungen oder -feste, Jassnachmittage, Ostern und Adventssanlässe, Kinderspiel-Nachmittage, Seniorenausflüge, Mittagessen und einiges mehr zur Verfügung. An die Anlässe kämen meistens zwischen 80 und 120 Personen. Je nach dem, an welcher sie sich wohlfühlen. «Die alten Leute kamen eher nicht ans Kinderfest, also organisierten wir gleich einen Seniorentag.» Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

Aber funktioniert das generationenübergreifende Zusammenleben?

Yvonne Brand ist kritisch: «Die Wunschvorstellung der Generationendurchmischung in so einer Siedlung existiert auf dem Papier – aber ich glaube nicht unbedingt, dass Jung und Alt ständig zusammen sein wollen. Die Jungen wollen Lärmen und die Alten Ruhe – doch wenn man will, dann kann man zusammen sein. Man muss allen einfach etwas Zeit geben, aber es kann sich etwas entwickeln». Kann, und muss nicht, das sei ihr enorm wichtig: «Es braucht Zeit, bis man den tieferen Sinn einer Genossenschaft erkennt», ist Brand überzeugt, «aber irgendwann lernen alle den Zusammenhalt zu schätzen, dass man sich gegenseitig hilft und beisteht – weil man sich eben kennt».
Es sei doch einfach schön, wenn eine Mutter arbeiten geht und die andere einfach sagt, «schick doch deine Kinder zu mir, ich bin ja hier». Generell staune sie immer wieder, wie sich die Menschen hier organisieren: «Wer für wen einkaufen geht, oder da ist zum Beispiel bekannt, dass eine alte Dame ihre Zeitung immer vor neun Uhr aus dem Briefkasten holt – liegt sie später noch dort, ist klar, dass jemand nachschaut, ob es der Frau gut geht». Was hier gewachsen ist, muss andernorts von Sozialarbeitern initiiert werden. Einen Unterschied zwischen alten und neuen Bewohnern stelle sie jedenfalls nicht wirklich fest, schon gar nicht ein denkbares Gefälle zwischen den Einkommen und einem möglichen anderen Verhalten oder Bedürfnissen.

Blick in die Zukunft

Lange habe sie im Vorfeld dieses Treffens überlegt, ob sie nicht auch einen negativen Punkt zu der Siedlung finde. «Aber abgesehen vom fehlenden S-Bahnanschluss, der ja ganz Höngg fehlt, habe ich keinen einzigen gefunden», sagt sie überzeugt. Sonst sei es das absolute Paradies, auch bezüglich Naherholungsgebieten. Bloss bei den Einkaufsmöglichkeiten stutzt sie etwas, doch das sei ja bald auch kein Thema mehr. Doch auch Yvonne Brand nimmt das Frankental als von Frankentaler- und Limmattalstrasse dreigeteilten Ort war. Relativiert aber: «Die Frankentalerstrasse hatte man noch nie gerne. Von oben kommen die Autos im Vollschuss hinunter und von unten her geben sie den Berg hoch Vollgas». Und so hätten sich die Kinder vom Schwarzenbachweg oder der Siedlungen an der Bombachhalde schon früher kaum gekannt – erst mit dem Schuleintritt habe sich das jeweils durchmischt. «Und dann kamen die anderen meistens zu uns, weil wir hier die besseren Spielplätze hatten und sogar ein Fussballfeld hinter dem letzten Hochhaus». «Natürlich freuen sich heute alle sehr auf die neue Einkaufsgelegenheit gleich auf der anderen Strassenseite», sagt Brand mit Blick auf die neue Nachbarschaft der BSG. Sie wünscht es sich, glaubt aber noch nicht so recht daran, dass die Bewohnenden der Siedlungen sich deswegen viel näherkommen werden oder sogar gemeinsam etwas organisieren: «Niemand hat den Raum, um für alle Kinder der Umgebung zum Beispiel einen gemeinsamen Samichlaus zu organisieren». Das werde sich vermutlich wie früher auch erst mit dem Schuleintritt durchmischen.  Hinzukomme, sinniert Brand, dass die heutige Zeit die Leute schnell voneinander entfremdet: «Es braucht Zeit zu erkennen, dass die Mitmenschen das eigentlich Wertvolle sind und nicht der Job, das Ansehen oder das Geld». Vielleicht, fügt sie an, hat das aber auch einfach mit dem Alter zu tun. «Je älter man wird, desto mehr schätzt man die verbindenden Werte wieder». Und bis dahin lebt Yvonne Brand im Frankental durch und durch vor, was das bedeutet. Ja, es sei ihr Traum hier, sagt sie zum Abschied. Dann lacht sie: «auch wenn ich mich manchmal schon frage, ob das sein könne, dass ich, die so gerne reist, fast mein ganzes Leben lang dieselbe Wohnadresse habe». Beim Reisen gelte ihr, je weiter je schöner – aber sie freue sich auch immer mehr auf das Heimkommen. Unterdessen war man wieder bei der Bäckerei angelangt – wie lange ihr Heimweg wohl gedauert hat?

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