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Ratgeber

Der letzte Tango!

1. November 2016 von

Foto: Höwi

Genau so sehen gute Hamburger aus.

Foto: Höwi

Markus Häberlein: «Der Abscheid schmerzt».

Ein Salat ist ein Salat ist ein Salat.

Entrecôte «Bife de Chorizo».

In Argentinien ist das Karamellköpfli kein «Köpfli», sondern eine ganze Torte.

Von

Online seit
1. November 2016

Printausgabe vom
03. November 2016
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Hart aber wahr: Das Argentina schliesst auf 1. Januar 2017. Der Grund? Sie dürfen ruhig mal googeln: Andere suchten auch nach Rolli's Steakhouse (Oerlikon), Prime Steakhouse (Chreis 4), Gaucho (Chreis 4), Wild West Steakhouse (Dübendorf). Seit Markus Häberlein das Argentina im Mai 2011 als Pächter übernommen hat, sind vergleichbare Restaurant wie Pilze - sorry – Kakteen aus dem Boden geschossen.

Argentinisches Rindfleisch gibt es zwischenzeitlich an jeder Ecke. Mal mit mehr lässigen jungen «Chicos», wie in der Garage an der Nietengasse mit Myron Bingham und Toni Berisha – genau, das ist der mit den Hosenträgern. Oder auch mit einem Star à la Dieter Meier als Aushängeschild wie an der Bärengasse oder im «Ojo de Agua». Und bitter ist halt auch: «Wenn die Höngger auswärts essen, dann tun sie das lieber wirklich auswärts», so Häberleins Erfahrung. Das Gute liegt offenbar zu nah. Am sympathischen Gastgeber, der beim Lachen stets so lustig die Augen zukneift, hat es sicher nicht gelegen. Auch wenn er hobbymässig Hakennasennattern hält, das sind diese kaum meterlangen, wunderschön gefleckten Tiere. Am Food auch nicht. Höwis Angetraute, Brasilianerin und von Haus aus eine «Eingefleischte», war jedenfalls des Lobes voll. Bestellt hat sie einen Hamburger. Die stehen im Argentina auch am Mittag prominent auf der Karte. Entweder mit argentinischer Rinderhuft, einem Patty aus «Dry Aged»- Hackfleischbeef oder mit gezupftem Truthahnfleisch. Gewählt hat sie die mittlere Version und bekam einen satt bestückten Teller für 29.50 Franken. Hallo McDonaldianer! Noch nie einen wirklich richtigen Ham gegessen? Und der «Capo»? Der wählte das Entrecôte «Bife de Chorizo» und zwar die kleinere 250-Gramm-Variante für 39 Franken. Ein edles, zartes Stück, auf den Punkt gegart. Dazu Maiskörnerauflauf «Cazuela de Choclo», das ist eine Art Risotto, zubereitet aus Süssmais und der absolute Hammer! Klar liess sich Höwi auch das Karamellköpfli nicht entgehen, wobei: Was die Köche im Argentina machen ist kein Köpfli, sondern ein Kopf, eine ganze Torte nämlich, hausgemacht, und natürlich ohne Pulver. Auch die Frites des Hauses sind übrigens nicht irgendwelche, sondern werden aus Süsskartoffeln von Hand geschnitzt. Auch den ultimativen Härtetest hat das Steakhouse bestanden: Der Salat war wirklich einer und beinhaltete noch karamellisierte Pekan-Nüsse als Zugabe. Dass Pariserbrot dazu serviert wird, ist hilfreich, um die Sauce genüsslich aufzutunken. Hübsch auch das Dip-Quartett zum Apérölen, wobei – wie so oft – hätte die als scharf deklarierte Sauce noch ein paar Habaneros mehr ertragen können. Es sind diese Dips, mit denen man als Gast sein Fleischgericht würzt, und weil es vier Dips sind, wird es nicht langweilig. Keine Frage, man isst sehr gut im Steakhouse Argentina. Auch die Preise sind angesichts der gebotenen Qualität moderat. Kein Grund also, um dieser Institution nicht noch ein letztes Mal die Referenz zu erweisen. Zum Beispiel an einem der Feiertage: Am 24., 25. und 31. Dezember hat das Haus geöffnet.

Musik

Kompliment zur musikalischen Untermalung, die zum grossen Teil auf dem «Tango nuevo» basiert. Natürlich ist Astor Pantaleón Piazzolla im «Musikteppich» gut vertreten: «Libertango», seine berühmteste Komposition. Oder «Adios Nonino», das Werk, das er seinem verstorbenen Vater gewidmet hat. Aber auch «Michelle» von den Beatles ist zu hören im 4/8tel-Takt. Tango, das ist die Musik, die in den verruchten Hafenkneipen von Buenos Aires und Montevideo gespielt wurde, die aus der Halbwelt kommt und in Europa bis weit in die 50er-Jahre als verrucht galt: Sie passt perfekt zu einem saftigen Entrecôte, das nur mit Salz gewürzt wird, wie sich’s gehört bei erstklassigem Fleisch. Das Bandoneon liefert den narrativen Teppich, während man sich die Fleischstücke zum Mund führt: Sie schluchzt und wimmert und seufzt, wenn der oder die Geliebte die ach so grosse Liebe nicht erwidert. Ja, und manchmal stampft sie auch, diese kleine «Concertina», die von einem Deutschen erfunden wurde. Dass Markus Häberlein vier Mal in Argentinien war und sich vor Ort die besten CD’s beschafft hat, war eine gute Idee.

Wehmut

Schmerzt es ihn nicht, wenn am 31. Dezember der «letzte Tango» erklingt im Steakhouse? Noch ein letzter Blick auf die Malereien an den Wänden, auf die beiden Tangoschuhe auf dem Dekotisch, auf die Terrasse mit den Palmen? «Klar schmerzt das!», sagt Markus Häberlein, «hier haben sich fünf Jahre meines Lebens abgespielt, mit lieb gewordenen Stammgästen, Festen, Anlässen mit Musik. Ich erinnere mich an die Anfänge, da sind wir voller Enthusiasmus gestartet, haben neun Monate praktisch durchgearbeitet. Dann kam die Konkurrenz, die Finanzkrise, der Sinkflug des Euro, schlagartig hat sich alles geändert». Doch darben muss er nicht, der gelernte Koch, der im Belvoirpark die Hotelfachschule absolviert hat. Er wird wieder ins Mutterhaus zurückkehren, das über ein Dutzend Restaurants betreibt, darunter die «Stars and Stripes» und die «Tres Amigos», die ja wohl auch ein bisschen zur Konkurrenz beitrugen. Hansueli Wagner, einer der beiden Inhaber, wird Häberlein mit offenen Armen empfangen.

Kritik?

Klar doch, auch wenn sie angesichts des laufenden Countdowns kaum mehr viel bringt. Aber vielleicht hilft sie ja dem nächsten, der ab 2017 in den Hallen des Zweifels die Stäbchen schwingen wird. Ein Chinese? Reine Spekulation, aber vielleicht gar nicht so abwegig: Einen Chinesen hatten wir in Höngg noch nie. Nihao! Wobei ein richtig guter Vietnamese fast noch besser wäre. Kritik? Also: Eine Fleischdeklaration hat Höwi auf der Karte nirgends entdeckt. Auch keine Rubrik für Vegis, was an sich ganz ok ist, das Haus heisst schliesslich Steak- und nicht Tofuhouse. Man kann sich ja auch einfach an die Beilagen halten und sich mit der «Cazuela de Choclo», dem Blattspinat und zwei Empanadas einen vegetarischen Dreigänger zusammenstellen, mit dem man besser fährt als in so manchem Restaurant. Dann: Nur argentinische und ein paar chilenische Weine ist gar eng. Zumal etwa der Malbec viel Zeit und Luft braucht, um sich an das Entrecôte anzuschmiegen. Dass man rüber zum Zweifel darf, um sich einen adäquateren Tropfen zu holen und dann im Restaurant ein Zapfengeld bezahlt, zeugt jedoch von einem weitem Horizont. Spätestens, wenn der Chinese kommt, wird dies dann wohl die Regel sein. Höwi kennt jedenfalls keinen Tropfen aus Shanghai oder Peking.
Ja, und warum nicht noch eine Sause zum Finale veranstalten? Höwi findet, man sollte ein adäquates Abschlussessen vom Stapel lassen. Ein ganzes Rind auf den Grill. Cowboys aus Puerto Plata, die über den Meierhof «o-beinen» und keine der gefühlten 23 Ampeln beachten. Und Tango, Tango, Tango!

Quo vadis?

Höwi muss sich selber an der Nase nehmen. Nur gerade drei Mal hat er das Steakhouse besucht und damit auch nicht gerade zur Standortförderung beigetragen. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch die Post ihre Filiale schliesst, sonst wird Höngg zur Pampa. Höwis Vorsatz deshalb: Mehr in Höngg shoppen und hier essen. Gut so?

Argentina Steakhouse & Restaurant
Regensdorferstrasse 22, 8049 Zürich-Höngg
Telefon 043 311 56 33
www.steakhouse-argentina.ch
Dienstag bis Freitag 11.30 bis 14 Uhr und 17.30 bis 24 Uhr.
Samstag und Sonntag 17 bis 24 Uhr. Montag Ruhetag.

Zum Autor
Er nennt sich Höwi, ist ein stadtbekannter Gastrokritiker und Buchautor und schaut den kochlöffelschwingenden Profis im Kreis 10 in die Töpfe. Die Gastrokolumne erscheint monatlich im Höngger und alle drei Monate im Wipkinger.

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