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Dorfleben

Auch ohne Chriesi ein Fest

12. Juli 2017 von

Foto: Patricia Senn

Trotz Regenrisiko fanden viele Besucher den Weg zum Obst- und Weinhaus Wegmann.

Daniel Wegmann hat es auch didaktisch drauf.

Ein Senffeld als Vorbereitung für die Erdbeeren.

Das Chriesifäscht ist jedes Jahr ein Familienmagnet mit vielen Kinderattraktionen

Wo ein Fest ist, ist auch ein Pony(-reiten)

Kein Kind zu klein, ein Reiter zu sein.

Die Rundgänge sind immer gut besucht.

Von

Online seit
12. Juli 2017

Printausgabe vom
13. Juli 2017
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Das «Chriesi-Fäscht» des Wein- und Obsthauses Wegmann im Frankental hat eine lange Tradition. Beinahe hätte es heuer nicht stattgefunden, da der Frost fast die ganze Ernte zerstört hat. Doch kein Fest war auch keine Option. Zum Glück.

Der Regen hat sich verzogen, der Wind trägt den Besuchern die Klänge des Oldies «Country Rose» schon von Weitem entgegen. Es sind zwar nicht gerade die Blue Ridge Mountains der Appalachen, aber grün und saftig leuchten auch hier die frischgewaschenen Obstbäume, Reben und der angrenzende Wald. An diesem Sonntagnachmittag haben erfreulich viele Ausflügler den Weg zum Hof der Wegmanns im Frankental gefunden, trotz herbstlicher Temperaturen und des zeitgleich stattfindenden Martin Cup’s auf dem Hönggerberg. Zu den Cover-Versionen des Musikerduos «Heart Break» lässt sich gut eine Bratwurst mit Salat oder Pommes geniessen. Auch Zarina Wegmann macht um vierzehn Uhr zum ersten Mal eine Pause, um etwas Kleines zu essen. Sie freut sich, dass die Leute sich doch noch hinausgewagt haben. Sie und ihr Mann hätten kurzzeitig überlegt, ob ein Chriesi-Fäscht ohne Chriesi wirklich Sinn mache. Aber bereits zwei Wochen nach dem Frost stand fest: Das Fest findet statt. Denn es geht letztendlich um viel mehr als Kirschen: Vor 15 Jahren übernahm Daniel Wegmann den Hof seines Vaters, genauso lange gibt es dieses Fest bereits. Es zieht Besucherinnen und Besucher von weit her an, auch heute hört man die verschiedensten Dialekte. Ein zentrales Thema ist natürlich der Frost im Frühling, auch an der Führung, die Daniel Wegmann durch seine Anlagen anbietet – wegen des Wetters nur ein, statt wie üblich vier Mal.

Der Aufwand bleibt derselbe

Der vielseitige Familienbetrieb läuft unter dem IP Label, was nicht bedeutet, dass sich Bauer Wegmann nicht mit biologischem Anbau auseinandersetzt und auch gewisse Anwendungen davon übernommen hat. Er hält jedoch nichts von Ideologien, die in der Praxis keinen Sinn ergeben, da ist er Pragmatiker. Auf dem Rundgang wird erst richtig erkennbar, was «90 Prozent Ernteausfall» bedeutet: Reihen mit Apfel-, Zwetschgen-, und Kirschbäumen, doch sie tragen keine Früchte. Wegmann erklärt verständlich, was genau passiert ist in den sechs Frosttagen, wie sich Polar- und Abstrahlungskälte unterscheiden und wieso es nicht möglich war, die Pflanzen vor dem Erfrieren zu retten. Selbst sein Vater habe in seiner gesamten Zeit als Landwirt noch nie einen so grossen Schaden erlebt. Das Frustrierende dabei sei, dass der Aufwand für die Pflege der Bäume und Reben so gut wie gleich hoch bleibe, obwohl der Ertrag fehle. Denn es gibt noch weitere Schädlinge wie die Kirschessigfliege, Blattläuse, aber auch Fuchs und Dachs «letztere scheinen immer genau zu wissen, wann wir ernten wollen und schnappen sich einen Tag davor die Früchte selber» – den Humor hat Daniel Wegmann aber noch niemand gestohlen. Interessanterweise haben bei den Kirschen die Blüten der schwächeren Bäume überlebt und tragen nun tatsächlich ein paar Früchte – wahrscheinlich, weil sie noch nicht so weit waren, als der Frost kam. Auch eine Gruppe von Rebstöcken nahe des Waldes hat überlebt, weil die Bäume dort von der Bise getrocknet worden waren und weniger Kälte abstrahlten.

«Das Filet ist nebenan»

Seit ein paar Jahren ist die Kirschessigfliege – oder Drosophila suzukii, weil aus Japan – ein omnipräsentes Thema. Wegmann erzählt, dass sie Fallen aufgestellt hätten, die die Fliegen anlocken sollten. Das taten sie tatsächlich, aber dann entdeckten die Suzukiis das «Filet» – die frischen Früchte – nebenan und gingen gar nicht erst in die Fallen, sondern direkt ans Obst. «Wenn wir die Fallen aber nach der Ernte aufstellen, können wir diese Generation massiv reduzieren, so dass sie im nächsten Jahr erst reproduzieren müssen. So haben wir es geschafft, dass der Befall sich um drei Wochen verschoben hat – für uns eine wertvoll lange Zeit», erzählt Wegmann. Von den Gästen kommen immer wieder interessierte Fragen, es scheint niemanden kalt zu lassen, mit welchen Herausforderungen die Landwirte jeweils konfrontiert sind. Neben den vielen Attraktionen für die Kinder, wie das beliebte Ponyreiten und die Spiele, und der geselligen Stimmung, bei der auch die Erwachsenen gerne länger verweilen, sind diese Führungen ein spannender und wichtiger Bestandteil des «Chriesi-Fäschts». Das Ehepaar Wegmann bietet sie aber auch für Firmen und im Rahmen von privaten Anlässen an. So erfährt man jedes Jahr etwas Neues über die Landwirtschaft im Allgemeinen und den sympathischen Familienbetrieb Wegmann im Speziellen. Mittlerweile hat die Sonne die Wolken verdrängt und noch mehr Gäste angelockt, die auf den vorgewärmten Bänken Platz genommen haben und mit einem Gläschen vom hofeigenen «Bijoux» auf ein gelungenes Fest anstossen.

 

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