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Rütihof

Zeugin der Verwandlung eines Quartiers

3. Dezember 2019 von

Daniela Schwarz hat den Rütihof in den letzten Jahrzehnten schätzen gelernt.
Foto: Dagmar Schräder

Daniela Schwarz hat den Rütihof in den letzten Jahrzehnten schätzen gelernt.

Foto: Dagmar Schräder

Bettina Kopta wohnt gerne in der Genossenschaft.

Foto: Dagmar Schräder

Indira Chasiev ist glücklich, mit ihrer Familie an einem ruhigen Ort zu leben.

Von

Online seit
3. Dezember 2019

Printausgabe vom
04. Dezember 2019
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Der ehemalige Bauernweiler Rütihof ist in den letzten Jahrzehnten zu einer Siedlung herangewachsen, die selbst schon bald die Grösse einer Kleinstadt aufweist. Der «Höngger» hat mit einigen Bewohner*innen über das Leben in diesem Quartier, ihre Wünsche und Bedürfnisse gesprochen.

Die Zeiten der Bauernidylle, das wurde bereits in der letzten Ausgabe des «Hönggers» thematisiert, sind im Rütihof definitiv vorbei: Mittlerweile sind es nach Angaben des Quartiervereins Höngg rund 4000 Menschen, die hier am Stadtrand leben. Keine Frage: Der Rütihof ist eine eigene, kleine, abgeschlossene Einheit, vom Zentrum Hönggs etwa gleich weit entfernt wie von der nächsten Stadt, Regensdorf. Doch wie sehen die Bewohner*innen ihre Siedlung, warum leben sie hier und wie fühlen sie sich?

Da ist zum Beispiel Daniela Schwarz. Sie gehört quasi zum «Urgestein» der Neuzuzüger*innen, lebt sie doch bereits seit 37 Jahren mit ihrer Familie im ringförmigen Bau der ABZ-Genossenschaft an der Rütihofstrasse. Damals, in den 80er-Jahren, ist die Familie auf der Suche nach einer geräumigeren Wohnung in den Rütihof gekommen, mittlerweile sind die Kinder erwachsen und teilweise ausgezogen. «Zuerst,» so erinnert sich Schwarz, «hab ich mir gedacht, dass ich es hier unmöglich auf längere Sicht aushalten werde, der Rütihof war mir viel zu ländlich und ich bin doch eher Richtung Stadt orientiert.» Der 46er fuhr erst bis zum Heizenholz und wendete dort, in den Rütihof musste man laufen. Der heutige Coop war ein K3000 mit Metzgerei und rund um die ersten Wohnblöcke war noch viel freies Feld, «Hügel, auf denen die Kinder im Winter Ski fahren konnten», erinnert sich Schwarz.

Auf dem Land und doch in der Stadt

Seither hat sich das Quartier enorm verändert – und mit ihm auch ihre Einstellung zum Wohnort. «Ich fühle mich überhaupt nicht mehr verloren auf dem Land, sondern schätze den Rütihof als Wohnort. Zwar würde ich nach wie vor in die Stadt ziehen, wenn ich alleine entscheiden könnte, aber die Mischung aus Waldnähe und direkter Anbindung an die Stadt gefällt mir sehr gut», erklärt sie. «Es ist sehr schön, dass man hier die Vorteile des Landlebens hat – aber nicht die Nachteile», beurteilt sie die Wohnsituation heutzutage. Es sei angenehm, so Schwarz weiter, dass man sich im Quartier kenne und nicht anonym lebe wie vielleicht in der Stadt. Grundsätzlich fällt ihr nichts ein, was sie im Rütihof vermisst – nur letztes Jahr, «als der Beck Keller und das Restaurant Rütihof geschlossen waren, da hat dem Quartier etwas gefehlt. Es gab überhaupt keinen Treffpunkt mehr», sinniert Schwarz. «Seit der Eröffnung des CaBaRes ist nun aber wieder ein gastronomisches Angebot vorhanden.»

Günstige Familienwohnungen gesucht

Auch Bettina Kopta wohnt mit ihrer Familie im Rütihof – und zwar in den Wohnhäusern der Baugenossenschaft des Kaufmännischen Verbandes (KV). Die Koptas sind 2009 in den Rütihof gekommen, ebenfalls auf der Suche nach einer kinderfreundlichen und bezahlbaren Wohnung, und leben hier nun mit ihren drei Söhnen. Bei der ersten Besichtigung vor Ort, so Kopta, sei ihr die Frankentalerstrasse wie eine Autobahn vorgekommen, die das Quartier zerschneide und ihr sei etwas mulmig geworden. Innerhalb des Rütihofs aber, das habe sie schnell gemerkt, spüre man von dieser Strasse nichts. Im Gegenteil, «ich betrachte es als absoluten Glückstreffer, hier eine Wohnung erhalten zu haben», berichtet Kopta. «Das Quartier bietet mir alles, was ich für meine Familie benötige, Waldnähe, Einkaufsmöglichkeiten und ein sehr breites soziokulturelles Angebot – vom Bauspielplatz Rütihütten über das GZ und den Velopark bis hin zu den kulturellen Anlässen, die die Genossenschaften für ihre Mitglieder organisieren.»

Gemeinnütziger Wohnungsbau als Pluspunkt

Überhaupt trägt der genossenschaftliche Wohnungsbau für Kopta sehr viel dazu bei, dass sie sich im Rütihof wohlfühlt: «Diese Wohnform sagt mir sehr zu und bietet vor allem Familien erschwingliche Wohnungen auf Basis einer Kostenmiete.» Sie schätze vor allem auch, dass in einer Genossenschaft die Sozialkontakte für die Kinder einfacher entstehen als an anderen Orten, so Kopta weiter. «In anderen Quartieren wohnen die Familien oft in Einfamilienhäuschen, jeder mit seinem abgetrennten Gärtchen. Hier im Rütihof jedoch konnte ich meine Kinder schon früh alleine vor die Türe schicken. Immer finden sie dort Kinder zum Spielen, man kennt die anderen Familien und fühlt sich sehr sicher. Auch verkehrstechnisch ist das Quartier mit den verkehrsfreien Innenkernen innerhalb der Siedlungen geschickt und kinderfreundlich gebaut.» Weil Kopta das Genossenschaftsleben so schätzt, engagiert sie sich selbst im Vorstand ihrer Genossenschaft. Durch diese Tätigkeit hat sie die Möglichkeit, den gemeinnützigen Wohnungsbau in der Stadt Zürich zu unterstützen und mitzugestalten – ihre Form des politischen Engagements, wie sie sagt. Was den Genossenschaften im Rütihof noch fehle, sei ausreichend Wohnraum für ältere Menschen mit ihren spezifischen Bedürfnissen – sowie grössere Wohnungen: «Das ist meiner Ansicht nach eines der Probleme hier im Quartier – die Tendenz geht generell zu grösseren Familien mit drei oder mehr Kindern, die Anzahl an grossen Wohnungen ist aber sehr begrenzt. Daher ziehen viele Familien dann doch einmal um, wenn die Kinder so gross sind, dass jedes gerne ein eigenes Zimmer hätte», erklärt Kopta.

Ein weiter Weg in den Rütihof

Eine dieser grossen Familien ist beispielsweise Familie Chasiev. Die sechsköpfige Familie lebt in der gleichen Genossenschaft wie Kopta, in einer 4,5-Zimmer-Wohnung. Die Familie hat eine kleine Odyssee hinter sich gebracht, bevor sie in den Rütihof gekommen ist: 2004 sind sie aus Tschetschenien in die Schweiz gekommen, auf der Flucht vor den dort herrschenden kriegerischen Auseinandersetzungen. Zunächst waren sie in einem Asylzentrum in Affoltern am Albis untergebracht, anschliessend in einer Wohnung in Altikon in der Nähe von Winterthur. Doch für die wachsende Familie war die Zweizimmer-Wohnung schnell einmal zu klein, mit vier Kindern musste eine grössere Wohnung her. Weil Turko Chasiev, der Familienvater, als Hauswart im KV tätig ist, erfuhr er über die freiwerdende Wohnung im Rütihof und bewarb sich mit seiner Familie um die Wohnung.

Ruhig, aber nicht langweilig

Seither leben sie hier und sind sehr zufrieden mit der Wohnsituation. «Das Quartier ist ruhig und entspannt, sehr gemütlich, aber nicht langweilig», erklärt Indira und auch die 15-jährige Tochter Iman pflichtet ihr bei. An ihrem vorherigen Wohnort haben vor allem ältere Menschen gewohnt, da gab es nicht so viele Freizeitmöglichkeiten. «Dort haben wir unsere Heimat sehr vermisst – hier aber fühlen wir uns wohl.» Iman möchte auf jeden Fall vorerst nicht weg vom Rütihof, «das viele Grün gefällt mir hier im Quartier. Auch die vielen Spielplätze, von denen die meisten in den letzten Jahren neu gestaltet wurden, sind schön. Da haben sich vor allem meine jüngeren Geschwister darüber gefreut.» Allerdings wäre es schön, da sind sich Mutter und Tochter einig, wenn es noch weitere Einkaufsmöglichkeiten gäbe. «Der Coop», so Indira, «ist mir eigentlich zu teuer zum Einkaufen. Wenn es noch mehr Läden gäbe, wäre das toll», führt sie aus. Und ja, tatsächlich, die 4.5-Wohnung sei auf Dauer ein wenig klein für die Familie. «Eine Fünfzimmer-Wohnung zu finden, wäre schön», erklärt Indira, dann könnten die Kinder eigene Zimmer haben».

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3. Dezember 2019

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04. Dezember 2019
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