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Dossier Apotheken

Wo Medikamente noch in Höngg hergestellt werden

24. September 2019 von

Apothekerin Susanne Wolf ist bei der Herstellung von Medikamenten, hier eine Salbe, in ihrem Element.
Foto: Fredy Haffner

Apothekerin Susanne Wolf ist bei der Herstellung von Medikamenten, hier eine Salbe, in ihrem Element.

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24. September 2019

Printausgabe vom
26. September 2019
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Historisch betrachtet waren Apotheker in erster Linie Handwerker, die nur Arzneimittel herstellten und alle dazu nötigen Rohstoffe an Lager halten mussten. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts drang die chemische Industrie mit synthetischen Medikamenten auf den Markt und die Fertigarzneimittel verdrängten das altehrwürdige Apothekerhandwerk. Doch nicht überall.

Wenn Susanne Wolf, Geschäftsführerin der Apotheke Im Brühl, erzählt, was sie an der Herstellung von Medikamenten fasziniert, ist sie in ihrem Element. Die Apothekerin aus der Steiermark hat in ihrem Studium in Graz das Fach «Arzneistoffsynthese» noch studiert, unterdessen wird dies in Österreich nicht mehr gelehrt, während es in der Schweiz noch Bestandteil der Ausbildung ist. Wolf hat Arzneistoffe hergestellt, Tinkturen und allerlei Salben. «Und ich habe es geliebt», strahlt sie, die bedauert, dass diese Arbeit im heutigen Berufsbild der Apotheker*innen eher zu kurz kommt.

Gegensteuer für Kinder

Schon früher wurde auf ärztliche Anordnung ganz individuell Arzneimittel hergestellt, je nach Krankheit und Patient: Die sogenannte «Formula magistralis», die Magistralrezeptur, gibt es auch heute noch. Daneben spricht man von der «Formula officinalis», wenn nach einer offiziellen Formel des Arzneibuches nicht rezeptpflichtige Medikamente hergestellt werden. Am bekanntesten sind indes die Hausspezialitäten, welche die Apotheke nach eigenen Formeln anfertigen. Diese Präparate müssen von der Heilmittelkontrolle abgenommen werden. «Das lohnt sich nur, wenn man ein Steckenpferd hat, wie bei uns Medikamente für Kinder», so Wolf, «mein Ziel ist es, künftig in diesem Segment mehr solche Spezialitäten herzustellen».
Schon immer werden direkt in Höngg Salben hergestellt. Speziell dann, wenn es keine Fertigprodukte mit den benötigten Wirkstoffen gibt. Häufiger jedoch sind es Salbenverdünnungen: «Eben gerade für Kinder», so Wolf, «da ist es oft ratsam, vorhandene Salben zu verdünnen, weil deren Wirkstoffe für die Anwendung bei Kindern zu hoch dosiert sind». Aber auch bei Erwachsenen Dermatologie-Patient*innen kann eine Verdünnung angezeigt sein. Genannt sei das Beispiel einer Salbe mit Capsaicin, einem Wirkstoff, welcher zur Desensibilisierung der Haut dient, zum Beispiel bei Nervenschmerzen: «Es gibt nur Pflaster mit diesem Wirkstoff, aber keine Créme, was oft besser wäre in der Anwendung. Wir nehmen die bestehende Salbe, mischen sie mit einer Salbengrundlage und füllen sie in neue Tuben ab». Generell sind alle Medikamente der Pharmaindustrie für einen Durchschnittspatienten – ja, in der Regel ist der Forschungsproband dort männlich – hergestellt, was dann natürlich nicht auf alle passt. Gut, wenn Apotheken wie die «Im Brühl», die sich auch auf Kinder spezialisiert hat, mit modernen Mitteln nach alter Berufstradition reagieren kann.

Sicherheit in der Vielfalt

Dabei ist Sicherheit ein grosses Thema, das mit viel Aufwand und Kosten verbunden ist: So wird jeder Wirkstoff, der vom Lieferanten bereits geprüft wurde, in der Apotheke erneut mit einem extra angeschafften Infrarot-Spektrometer untersucht, um sicher zu sein, dass, salopp gesagt, auch drinnen ist was draufsteht. «Speziell bei Arzneistoffen, die innerlich eingenommen werden, ist diese Kontrolle sehr wichtig, sonst kann es gefährlich werden», betont die Spezialistin.
Auch Kapseln wurden früher mehr selbst hergestellt als heute. Dabei seien Kapseln perfekt, um besondere Vitaminmischungen herzustellen oder gegen Migräne ganz spezifisch Schmerzmittel zu mischen, die in dieser Kombination nicht als Fertigpräparate auf dem Markt sind. Meistens werden solche Rezepturen ärztlich verordnet, was auch mit der Kostenübernahme durch die Krankenkasse zusammenhängt. Kosten sind generell ein Aspekt, denn finanziell lohnt sich die Herstellung von individuellen Rezepturen kaum, wie Wolf sagt, im Wissen darum, dass die Kosten von zirka 25 Franken, welche zum Beispiel für die Herstellung einer Salbenmischung verrechnet werden, für die Kundschaft ein stolzer Betrag sind. Alltäglicher ist es indes, bestehende Pflegeprodukte, wie zum Beispiel rückfettende Salben, mit anderen Wirkstoffen wie Nachtkerzenöl noch zu verfeinern. Oder – nur um einige weitere Beispiele der Herstellung vor Ort zu nennen – Pulver wie spezielle Basenmischungen, Peroxid-Lösungen zur Desinfizierung der Mundhöhle, Tropfen auf Basis von eingekauften Urtinkturen oder Mundspüllösungen für Zahnärzte herzustellen. Und, was nur vordergründig einfach scheint, Arzneiteemischungen herzustellen: Auch wenn der Trend auf Konsumentenseite natürlich längst zu fertigen Beuteln geht, möchte doch ab und zu jemand eine spezielle Mischung, um sie selbst aufzubrühen.

Es bleibt eine Leidenschaft

So hat die Apotheke Im Brühl einen Grundstock an Substanzen immer an Lager, auch weil man hier ein Lehrbetrieb ist und den Auszubildenden das Wissen nicht nur weitergeben will, sondern auch muss: Der Praxisteil der Lehrabschlussprüfung wird von den Prüfungsexperten direkt in der Apotheke abgenommen, und ein Teil davon ist auch das Herstellen von Rezepturen.
Doch leider seien Herstellungen vor Ort sehr selten, so Wolf, «das geht wöchentlich von gar keiner bis zehn Mal». Persönlich bedauert sie das sehr und sie will wie gesagt Gegensteuer geben. Andererseits sei man auch froh, müsse man gewisse Arbeiten nicht mehr selber machen. Zum Beispiel das Tablettenpressen: «Es ist gar nicht so einfach, Tabletten so zu pressen, das überall Menge und Form exakt stimmen», erinnert sich Wolf an eine gelernte, aber wohl nie wirklich geliebte Arbeit von früher. Trotzdem, sagt sie, sei für sie die Herstellung von Rezepturen eine Leidenschaft geblieben. Und es sei schade, dass das Arbeitsfeld der Apotheker*innen und auch die strengen Vorschriften sich so verändert haben, dass diese Arbeit heute seltener verlangt werde. «Dafür», so sinniert sie weiter, «haben sich andere spannende Arbeitsgebiete aufgetan, speziell im Bereich Beratung und Dienstleistungen: Wenn wir all unser Wissen über Medikamente und deren Interaktionen weitergeben können, so ist das ja auch sehr schön». Doch dann bricht gleich wieder die Leidenschaft durch: «Ringelblumensalbe, wo bitte bekommt man das noch?» – und dann schwärmt sie vom Herstellungsprozess, dem Duft der getrockneten Blüten, dem stundenlangen Kochen über dem Wasserbad – und man merkt, dass sie am liebsten gleich ins Labor im Untergeschoss der Apotheke Im Brühl abtauchen würde.

Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt.
Nächster Artikel am 24. Oktober, zum Unterschied von Apotheken und Drogerien. Alle Artikel online unter www.hoengger.ch/archiv/dossiers/ «Apotheken»

Stichwort Rotpunkt
Die Rotpunkt-Pharma AG wurde 2001 gegründet und hat heute 105 selbstständige Mitglieder in 15 Kantonen. Sie zeichnet sich nebst ihrem Kerngebiet auch durch ihr soziales Engagement aus: einen grossen Anteil der anfallenden Konfektionierungsarbeiten lässt sie von der Vebo Werkstatt Oensingen ausführen und hilft so mit, Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderung zu sichern.
Der Höngger Zünfter, Dr. Rudolf Andres, ist Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Rotpunkt-Pharma AG.

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