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Höngger Fauna

Wintervögel

21. November 2018 von

Foto: Dr. Hans-Peter B. Stutz

Durch Pigmenteinlagerungen und Lichtbrechung verleihen die Schuppen diesem Admiral im Sommerlicht leuchtende, schillernde Farben.

Foto: Dr. Hans-Peter B. Stutz

Weil sehr viele Schuppen ausgefallen sind, wirkt dieser im November fotografierte Admiral fahl, und die verletzten Flügelmembranen beeinträchtigen seinen Flug.

Von

Online seit
21. November 2018

Printausgabe vom
22. November 2018
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Die Sonne scheint, es ist herrlich warm, Grillen zirpen und Schmetterlinge gaukeln von Blüte zu Blüte. Mit ihren prachtvoll gefärbten Flügeln sind die «Sumervögel» für uns der Inbegriff des Sommers. Warum aber sonnt sich denn mitten im November ein Admiral in unserem Garten? Gibt es Wintervögel?

Der Admiral Vanessa atalanta, benannt nach Atalante, der Jägerin und schnellsten Läuferin der griechischen Mythologie, ist ein Wanderfalter. Ähnlich wie die Zugvögel, zieht er im Spätherbst gegen Süden. Dabei überquert dieses fragile Insekt mit einer Flügelspannweite von nur fünf Zentimetern sogar die Alpen, um in den Mittelmeerraum zu gelangen. Früher zogen alle Admirale weg und die Art wanderte jedes Frühjahr sozusagen wieder neu bei uns ein. Inzwischen konnte man zeigen, dass nun aber doch ein Teil der Admirale bei uns überwintert. So fand ein Forschungsteam der Universität Bern heraus, dass sich Europa aus Regionen mit unterschiedlichen Anteilen von stationären und wandernden Admiralen zusammensetzt. Weil diese Schmetterlinge jedoch keinen echten Winterschlaf abhalten, müssen sie warme Wintertage zur Nahrungsaufnahme nutzen. Doch jetzt fehlt der Nektar, von dem sie sich im Sommer zum Beispiel an den Sommerflieder- oder Brombeerblüten ernähren. Deshalb saugen sie im Winter den Saft von aufgeplatztem Fallobst. Dies tat vermutlich auch der Admiral in unserem Garten. Seine Farben waren fahl und er hatte stark abgenutzte Flügel, das heisst, es fehlten ihm viele Schuppen. Diesen winzig kleinen, dachziegelartig angeordneten Strukturen verdankt die Ordnung der Schmetterlinge ihren wissenschaftlichen Namen «Lepidoptera», was soviel heisst wie «Schuppenflügler». Jede Schuppe ist mit einem feinen Stift in einem Zylinder in der Flügelmembran eingehakt. Doch wer schon einmal einen ins Zimmer verflogenen Sommervogel ins Freie retten wollte, weiss, dass die Schuppen bei der geringsten Berührung in grosser Zahl als Schmetterlingsstaub ausfallen. Im Gegensatz zu Vogelfedern oder Säugetierhaaren können Schmetterlingsschuppen jedoch nicht nachwachsen. So verliert ein Schmetterling mit stark abgenutzten Flügeln nicht nur seine Farbenpracht für immer, sondern auch seine Flugfähigkeit wird beeinträchtigt. Ob «unser» Admiral darum überleben wird, weiss ich nicht, viele sterben ohnehin beim ersten grossen Frost. Trotzdem werde ich einen Teil des Fallobstes liegen lassen, damit die Admirale – und viele andere Tiere – im Winter genügend Nahrung finden.

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