«Wie werden wir, wer wir sind?»

Die Journalistin Anna Six aus Höngg hat gemeinsam mit Seraina Sattler das Buch «Anders aufgewachsen» geschrieben. Elf unterschiedliche Menschen erzählen darin von ihrer Kindheit.

Die Höngger Journalistin Anna Six ist Co-Autorin des Buches «Anders aufgewachsen». (Foto: dad)

Jede Kindheit ist anders und jeder Mensch ist einzigartig. Doch wie werden wir, wer wir sind? Der «Schlüssel» ist nicht nur in jungen Jahren zu finden, die Einflüsse sind zahlreich. Dennoch ist die Kindheit prägend. Sie wird als glücklich oder auch als schwierig wahrgenommen. Und manchmal vielleicht als «anders». Wer sind diese Menschen, die «anders» aufgewachsen sind, was haben sie zu erzählen? Anna Six, Journalistin aus Höngg, wollte es wissen. Gemeinsam mit Seraina Sattler, ebenfalls eine Zürcher Journalistin, widmete sie sich dem Thema. Ihr Buch «Anders aufgewachsen» ist kürzlich erschienen und bietet elf Porträts von Menschen, deren Kindheit von der vermeintlichen Norm abweicht.
«Mit dem Buch wollen wir dazu ermutigen, offener über die eigene Kindheit zu sprechen», sagt Six. Das schaffe Vertrauen zwischen Menschen, so die Autorin, und mache aufmerksam für die Vielfalt an Lebensläufen in der Gesellschaft. «So gesehen sind wir alle anders aufgewachsen.» Selbst Geschwister würden die gemeinsame Kindheit im Elternhaus manchmal unterschiedlich erleben, sagt Six. So könne eine bestimmte Begebenheit jemanden anspornen, andere jedoch auch brechen.

Die Kindheit als tierisches Abenteuer

m Buch «Anders aufgewachsen» begegnen wir Menschen wie Walter Mauerhofer. Heute ist er Direktor eines Zoos bei Frauenfeld. Schon früh waren Tiere aller Art seine Freunde. Er war acht Jahre alt, als sein Vater zunächst einen Esel, dann Löwen und immer mehr Tiere aufnahm. Das heimische Restaurant wurde so überregional bekannt. Mauerhofers Kindheit geriet zum tierischen Abenteuer. Auch wenn er hart arbeiten musste, beschreibt er seine Kindheit als überaus glücklich. Seine Geschichte zu lesen, ist amüsant wie aufbauend zugleich.
Die Autorinnen wagten sich mit ihren elf Porträts tief in die Seele der Protagonist*innen. «Unsere Arbeit war bei einigen teilweise der Auslöser, sich erneut mit ihren Erlebnissen auseinanderzusetzen», sagt Six. Die Autorinnen wollen auch zeigen, wie sehr sich doch die Zeiten ändern. Bestimmte familiäre Begebenheiten, wie etwa zwei lesbische Mütter, die heute als (fast) normal angesehen werden, waren vor über vierzig Jahren noch wenig akzeptiert. «Eine Stigmatisierung aus der Kindheit kann lange bestehen bleiben», so die Autorin.
Anders als beim Zoodirektor, der seine Kindheit als glücklich beschreibt, verhält es sich bei Lilian Köchli. Sie wuchs in den Wirren des Bürgerkriegs in El Salvador auf. Dramatisch schildert sie, wie sie ihre Eltern verlor, wie sie von Soldaten entführt wurde und wie sie schliesslich mit acht Jahren durch eine Adoption in die Schweiz kam. Es sind schmerzhafte Erinnerungen. Ihr Kapitel endet dennoch versöhnlich, so habe eine Verwandte einst zu ihr gesagt: «Was war, kann man nicht ändern. Du hast nur Einfluss aufs Jetzt und Hier – und darauf musst du dich konzentrieren».

Drei Jahre – ein Buch

Alle elf Begegnungen im Buch sind einzigartig. Da ist weiter die junge Frau mit der schweren Krankheit, die Ja zum Leben sagt. Die Tochter eines Priesters, die sich stets geliebt fühlte. Oder einfach eines von neun Geschwistern, das sich durchsetzen musste. Die Geschichten zusammenzutragen war ein ganzes Stück Arbeit, die vor drei Jahren begann. «Seraina Sattler hatte die Kernidee von ‹Anders aufgewachsen›, und gemeinsam nahmen wir das Projekt in Angriff.» Für beide war es das erste Buch. Das ideale Projekt: Sowohl Six wie Sattler sind zweifache Mütter und erleben als solche neue Kindheiten. Weiter sind sie durch ihren Beruf verbunden und beide sind an gesellschaftlichen Themen interessiert.
«Es war wichtig, beim Schreiben und beim Voranbringen des Buchprojekts eine Partnerin zu haben, wir haben uns gegenseitig motiviert, gerade wenn es mal schwierig war.» Six und Sattler gaben sich die Zeit, um ihre Protagonist*innen kennenzulernen, eine klassische «Deadline» hatten sie nicht. Die Suche nach Persönlichkeiten, die ihre «andere» Kindheit der Öffentlichkeit preisgeben, funktionierte besser als gedacht. «Wir kannten einige der Menschen persönlich oder über ein paar Ecken, und wir haben einen Aufruf im Bekanntenkreis gemacht.» Und so kam es, dass die Autorinnen in die Vergangenheit verschiedener Menschen reisten. Ein Vorhaben, das sich gelohnt hat. 

«Anders aufgewachsen – 11 Kindheiten im Porträt»

Seraina Sattler, Anna Six
2022, 184 Seiten
Christoph Merian Verlag, ISBN 978-3-85616-970-1
www.andersaufgewachsen.ch

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