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Dossier Apotheken

Wie behält man da bloss den Überblick?

19. November 2019 von

Das Team der Apotheke Im Brühl, ständige Weiterbildung ist auch eine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht..
Foto: Fredy Haffner

Das Team der Apotheke Im Brühl, ständige Weiterbildung ist auch eine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht..

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19. November 2019

Printausgabe vom
21. November 2019
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Laufend drängen neue Pharma-Produkte auf den Markt, für Laien eine fast unübersichtliche Flut. Wie aber behalten Apotheken den Überblick? Wie wird gewährleistet, dass das Personal immer auf dem aktuellsten Wissensstand über die Neu- oder Weiterentwicklungen ist? Wie behält es sein Wissen über Unverträglichkeiten, Neben- oder Wechselwirkungen ajour?

Jede Apotheke führt ein bestimmtes Sortiment, das auch durch die Art der Kundschaft sowie die Fachrichtungen der Ärzte im Einzugsgebiet beeinflusst wird. Die Apotheke Im Brühl zum Beispiel hat aktuell 5 735 unterschiedliche Arzneimittel an Lager, zum Zeitpunkt des Interviews mit Apothekerin und Geschäftsführerin Susanne Wolf waren das 48 640 Packungen. Und kontinuierlich kommen neue Pharma-Produkte dazu. Gefragt ist dann laufend aktualisiertes Wissen über Neu- und Weiterentwicklungen, das weiter reichen muss als bloss über Indikation und Wirkung der neuen Medikamente Bescheid zu wissen: Welche Unverträglichkeiten, Neben- oder Wechselwirkungen auftreten können, ist mindestens ebenso wichtig, um die Sicherheit der Kundschaft gewährleisten zu können.

Gesetzliche Fortbildungspflicht

«Als Apothekerin oder Apotheker», so erklärt Susanne Wolf, «hat man eine lebenslange Fortbildungspflicht, das ist im Gesetz so definiert». Sie spricht damit Artikel 40 des Medizinalberufegesetzes (MedBG) an, das auf Bundesebene die Grundsätze der Aus- und Weiterbildung im medizinischen Bereich ganz allgemein festhält. Die Umsetzung liegt in der Verantwortung der Kantone. So ist in einem Leitfaden der kantonalen Heilmittelkontrolle Zürich für Apotheker*innen, auch für Teilzeitarbeitende, eine Mindestfortbildungspflicht von 80 Lektionen zu 45 Minuten pro Jahr definiert. 32 davon müssen im Kontaktstudium, also zum Beispiel in externen Schulungen, absolviert werden, der Rest darf im Selbststudium erfolgen. Dokumentiert werden müssen beide, damit die Einhaltung der Fortbildungspflicht jeweils bei der Erneuerung der Berufsausübungsbewilligung kontrolliert werden kann.

Der «Newsletter» der Apotheken

Kommt ein neues Produkt auf den Markt, so werden die Apotheken von Swissmedic informiert, der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte. Auch diverse Fachzeitschriften weisen auf neue Produkte hin. Es ist Pflicht der Apotheker*innen, sich dort zu informieren. «Und sollten wir trotz all unserer Neugier mal ein neues Produkt übersehen», ergänzt Wolf mit einem Lächeln, «dann kommt garantiert ein Vertreter der Pharmaindustrie vorbei, der es uns vorstellen will». Gerade bei neuen Generika sind es in der Regel die Pharmafirmen, welche direkt in der Apotheke die Produkte vorstellen.

Wie unabhängig sind die Weiterbildungsangebote?

Schulungen werden von verschiedenster Seite angeboten. Da sind einerseits die Pharmafirmen, welche ihre Produkte erklären. Solche Schulungen sind, wie in anderen Branchen auch, immer mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen, denn letztlich haben alle Hersteller den eigenen Umsatz im Fokus. Wolf nimmt eine Einladung zur Hand, die auf dem Pausentisch der Apotheke liegt: «Hier wird zu einer Abendveranstaltung einer Kosmetikfirma geladen, die eine neue Sonnencrème vorstellt. Wer sich von uns dafür interessiert, kann da einfach hingehen». Ob man das Produkt dann einkaufe, stehe auf einem anderen Blatt.
Unabhängiger – selbst wenn sich auch da die Pharmafirmen manchmal finanziell beteiligen – sind Schulungen, die von Berufsverbänden wie dem Schweizerischen Apothekerverband PharmaSuisse oder kantonalen Berufsverbänden angeboten werden. Doch dort, so Wolf, referieren unabhängige Apotheker*innen, Ärzt*innen oder Forscher*innen, die aus ihrem Fachbereich berichten, wie sie das selbst unlängst an einem sechstägigen Kurs zum Thema Interaktionen von Medikamenten erlebte.
Auch betriebsintern finden Schulungen statt. Die Rotpunkt-Gruppe organisiert zum Beispiel fast monatlich Weiterbildungen, welche von allen Mitarbeiter*innen der ganzen Gruppe besucht werden können. «Diese Fortbildungen sind für Apothekerinnen und Apotheker wie auch für Pharmaassistentinnen und -assistenten konzipiert», erklärt Wolf. Letztlich sind in der Apotheke Im Brühl auch die hausinternen Fortbildungen tragend. Alle zwei bis drei Wochen sei eine Firma eingeladen, ein neues Produkt vorzustellen. «Man bildet sich ständig irgendwie weiter, jeden Tag, bereits wenn man sein eigenes Wissen im Gespräch mit anderen austauscht, ist das Weiterbildung». Und man hat nie Angst, etwas zu verpassen? Nein, beruhigt Wolf und spielt auf Ihre Neugier an: Sie brauche nur den Namen eines neuen Produktes zu hören und schon wolle sie mehr wissen. Hier wurde die gesetzlich verordnete «lebenslange Fortbildungspflicht» offensichtlich verinnerlicht.

Auch im Selbsttest lernen

Susanne Wolf hebt auch hervor, dass sie oft Produkte an sich selbst teste. Natürlich nimmt sie nicht wahllos Medikamente zu sich, ohne selbst eine medizinische Indikation zu haben. Kommt jedoch beispielsweise ein neues Magnesiumpräparat auf den Markt, so wolle sie doch wissen, wie das schmeckt, «sonst kann ich es ja nicht empfehlen», sagt sie. Oder ein Alternativprodukt für eine muskelschmerzlindernde Lotion, da müsse man sich die mal einreiben, fühlen und riechen, schliesslich sei die eigene Erfahrung ein tragender Bestandteil eines guten Kundengesprächs.

Der «Faktor Mensch» bleibt

Natürlich kommt, trotz der weltweiten Forschung, nicht täglich Neues auf den Markt. Doch zum Beispiel die Krebsforschung entdeckt derzeit immer wieder neue Wirkstoffe oder Kombinationen von Wirkstoffen. Auch wenn eine Apotheke diese Produkte noch nicht im Angebot führt, so muss das Personal doch darüber informiert sein, um beim Verkauf anderer Medikamente auf mögliche Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten hinweisen zu können. Was aber nur zuverlässig gemacht werden kann, wenn die Kundin oder der Kunde die Frage ehrlich beantwortet, ob er oder sie denn auch noch andere Medikamente einnehme? So ist es letztlich die Antwort auf diese Frage, der «Faktor Mensch», der entscheidet, wie umfassend die Beratung durch das Fachpersonal in der Apotheke ist, ganz egal, wie sehr sich dieses stetig weitergebildet hat.

Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die vier Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt. Alle Artikel online unter www.hoengger.ch/archiv/dossiers/ «Apotheken»

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19. November 2019

Printausgabe vom
21. November 2019
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