Wenn die Realität die Fantasie einholt

Severin Schwendener hat mit seinem neuen Krimi «Pandemic» die Coronakrise bereits vorweggenommen. Wie es dazu kam, erzählte er an der von der KulturBox organisierten Lesung im GZ Höngg.

Silvan Schwendener erzählt sehr offen und mit Humor über seine Arbeit als Schriftsteller. (Foto: Patricia Senn)

«Das ist heute eine Premiere», sagt der Krimiautor Severin Schwendener zur Begrüssung. «Wahrscheinlich das erste Mal, dass jemand Eintritt bezahlt hat, um mich lesen zu hören». Humorvoll ist der zweifache Preisträger des Zürcher Krimipreises und bescheiden dazu. Die Veranstalter*innen der «KulturBox» haben ihn Ende Januar in den Kulturkeller des GZ Höngg eingeladen, um sein neues Buch «Pandemic» vorzustellen. Obwohl der Titel darauf hindeutet, ist es kein Corona-Produkt: Die Idee dazu hatte er bereits 2013. Ursprünglich sollte der Krimi in der Zeit der Spanischen Grippe spielen. Doch dann erfuhr der studierte Biologe bei seiner Arbeit beim Kanton Zürich im Bereich Biosicherheit vom MERS-CoV, einem Virus aus der Familie der Coronaviren, welches 2012 erstmals auf der arabischen Halbinsel identifiziert worden war und entschied sich, dieses für seine Geschichte zu verwenden. 2016 bis 2017 schrieb er am Buch, dann verschob er das Projekt nach hinten. Als die Realität ihn einholte und tatsächlich eine Pandemie ausbrach, lag das Werk bereits bei der Lektorin. Nur einen Satz habe er nachträglich ergänzt: Die Idee eines Lockdowns wäre ihm in seinen kühnsten Träumen nicht in den Sinn gekommen – bis er im März 2020 eingeführt wurde.

Zürich, Chicago, Venezuela

«Pandemic» spielt an drei Standorten. Der auf Viren spezialisierte Biologieprofessor Jeremy Gordon arbeitet an der ETH Zürich auf dem Hönggerberg. Einer seiner grossen Erfolge war es, das Virus zu rekonstruieren, dass die Pandemie der Spanischen Grippe auslöste. Als in Chicago plötzlich Menschen an einem Coronavirus sterben, schickt das Center for Disease Control and Prevention (CDC) einen jungen Wissenschaftler in die Schweiz, um bei Gordon Rat zu holen. Auch ein weltweit bekannter Infektiologe, der endlich die Richtigkeit seiner Theorie beweisen will, mischt mit. Die Spuren führen nach Venezuela, das politisch und wirtschaftlich am Abgrund schwebt. Auf der Suche nach möglichen Zusammenhängen fliegen Gordon und seine Doktorandin in das von Unruhen erschütterte Land – nur um zu erfahren, dass der Virenforscher, der ihnen weiterhelfen könnte, ermordet worden ist. Gleichzeitig stirbt in Chicago ein Journalist. War es ein versuchter Bioanschlag? Der Wissenschafts- und Politkrimi hält einige überraschende Wendungen bereit.

Viel Recherchearbeit und eigene Erfahrung

Dass der Roman in der Gegenwart spielt, gab Schwendener die Möglichkeit, die politische und gesellschaftliche Situation in Venezuela zu thematisieren. Freundinnen und Freunde konnten ihm aus erster Hand erzählen, wie schwierig die Lebensumstände dort im Jahr 2016 waren und auch heute noch sind. Auch im Bereich Virologie und Wissenschaft ermöglichte sein beruflicher Hintergrund es ihm, glaubhaft und fundiert über Laborarbeiten und den Umgang mit Viren zu schreiben. Entsprechend leicht fällt es ihm, dem Publikum anschaulich zu erklären, wie Behörden reagieren, wenn erstmals ein Virus auftritt, oder wie man im Labor bestimmt, aus welcher Region ein Virus kommt und von welchem Tier es ursprünglich stammt. Einen Bio-Terroranschlag, wie im Buch vermutet wird, hält Schwendener selbst für höchst unwahrscheinlich. «Das Risiko, dass so etwas schief geht und die Verursacher selbst als erste sterben, ist viel zu hoch». Viel wahrscheinlicher sei hingegen, dass Mitarbeitende sich im Labor unabsichtlich mit dem Virus anstecken und es nach aussen tragen, meint der Biologe.

Keine Berührungsängste

Das wirklich spannende an Lesungen ist nicht unbedingt das Vorlesen, sondern das, was der oder die Autor*in dazwischen und danach preisgibt. Schwendener zeigt sich sehr offen, über seine Arbeitsweise und sein Wissen zu sprechen. «Ich bin ein extremer Bünzli», sagt er, auf seine Arbeitsroutine angesprochen. Er plant die ganze Handlung akribisch genau, bevor er überhaupt das erste Wort schreibt. «Es muss logisch und im zeitlichen Ablauf alles Sinn ergeben, bei drei Standorten ist das besonders anspruchsvoll». Steht die Timeline und die Struktur, der Plot und die Personen, beginnt das eigentliche Schreiben. «Da ich noch angestellt bin, arbeite ich an den Randstunden, abends und an den Wochenenden zu Hause oder auch mal auf dem Weg zur Arbeit im Zug». Vier Monate hat es dieses Mal gedauert, den Roman niederzuschreiben. Schliesslich geht das Manuskript ins Lektorat, wo der Text nochmals überarbeitet wird. Schwendener ist sehr glücklich mit seiner Lektorin, «sie will meine Bücher besser machen». Er sei sehr auf die Handlung fokussiert und dafür weniger auf die Sprache, zitiert er sie. Mit dieser Einschätzung seiner Arbeit kann er leben. Schreiben ist ein Handwerk. Daran zu feilen, braucht eine gewisse Frustrationstoleranz.
Schwendener-Fans dürfen sich freuen: Das nächste Buch ist bereits in der Pipeline. Es wird eine Fortsetzung des Zürich-Krimis «Schatten und Spiel» sein und soll im März 2023 erscheinen. Es trägt den Titel «Schemen und Haft».

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