Wenn das Erntejahr ins Wasser fällt

Der viele Regen und die zahlreichen Unwetter sind für die Höngger Winzer*innen und Landwirt*innen nicht nur ärgerlich, sondern haben auch teilweise gravierende Auswirkungen auf Ernte und Ertrag. Der «Höngger» hat sich mit einigen von ihnen unterhalten.

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Während der verregnete Sommer für die meisten Höngger*innen schlimmstenfalls frustrierend ist und für die Sommerferien mit Kindern einige Herausforderungen bezüglich des Schlechtwetterprogramms beinhaltet, hat das Wetter für die Landwirt*innen eine weit existentiellere Bedeutung. Nässe, Stürme und wenig Sonne beeinträchtigen die Ernte, erschweren die Arbeit und erfordern tägliche Anpassungen an die aktuellen Gegebenheiten. Markus Willi-Bosshard, Urs Zweifel und die Stadtwinzerin Karin Schär haben dem «Höngger» erzählt, wie sie diesen Sommer erlebt haben.

Von Anfang an der Wurm drin
«Dieses Jahr war von Beginn an für uns Landwirt*innen ein spezielles Jahr», erklärt Markus Willi-Bosshard, der den 47 Hektar grossen Milchbetrieb auf dem Käferberg bewirtschaftet. «Schon zu Frühlingsbeginn führte der späte Frost dazu, dass die Vegetation rund drei Wochen im Rückstand war. Das bedeutete unter anderem, dass wir bei den Wiesen den ersten Schnitt statt Ende April erst gegen Ende Mai machen konnten.» Das hat zur Folge, dass gesamthaft dieses Jahr höchstens fünf Schnitte möglich sind – eine Ernte weniger als in den vergangenen Jahren mit trockener Witterung.

Nasse Böden
Die nassen Böden im Vorsommer erschwerten auch die Weidehaltung für die rund 50 Milchkühe des Betriebs. Normalerweise erhalten diese auf den Bio-Höfen wie dem Höngger Betrieb während der Vegetationsperiode täglich Zugang zur Weide. Doch bei dem anhaltenden Regen kommt es zu extremen Trittschäden, wenn die Kühe ganztägig draussen sind. Das wiederum führt zu Erosionen sowie einer Verdichtung des Bodens. Deswegen haben die Bäuer*innen im Bio-Landbau bei schlechten Wetterbedingungen die Möglichkeit, die Kühe im Stall zu lassen. Dazu muss jedoch täglich die Regenmenge gemessen sowie ein Protokoll geführt werden. Der Boden kann damit zwar geschont werden, einfacher wird die Arbeit dadurch jedoch nicht: «Unsere Tiere gehen natürlich gerne auf die Weide – und auch die Fütterung ist selbstverständlich einfacher, wenn sie auf der Wiese grasen können», veranschaulicht Willi-Bosshard das Problem. Für den Landwirt bedeutete das in diesem Sommer unter anderem, mehr Heu zu füttern und die kurzen Regenpausen abzuwarten, um sein Vieh jeweils wenigstens für ein paar Stunden auf die Weide zu lassen.

… und dann kam der Hagel
Doch der Regen war bei weitem nicht das einzige Problem in diesem Sommer. Am 13. Juli kam der grosse Sturm und mit ihm der Hagel. Sehr lokal wütete der Sturm, nicht alle der Felder waren gleich betroffen. Doch der Weizen und der Mais des Familienbetriebs erlitten starke Schäden. Für den Weizen, der Mitte August geerntet wurde, beträgt der Ernteausfall 60 Prozent, beim Mais wird der Schaden voraussichtlich mindestens 20 Prozent betragen. «Beim Mais wurden die Pflanzen in der Wachstumszone beschädigt, das bedeutet Verzögerungen bei der Reifung, die Pflanze kann ihr Potenzial nicht ausschöpfen», erläutert Willi-Bosshard die Situation. «Erst bei der Ernte in ungefähr sechs Wochen werden wir das volle Ausmass des Schadens erkennen können.» Dann wird sich zeigen, ob durch die Hagelschäden an den Stängeln der Pflanzen eventuell Pilze eingedrungen sind. «Pilzgifte können für das Vieh sehr gefährlich werden. Unser Mais wird bei der Ernte gehäckselt und zu Silofutter verarbeitet. Wenn hier zu viel Pilzsporen im Mais enthalten sind, kann der Verzehr des Futters für Kühe, deren Immunsystem beeinträchtigt ist, lebensgefährlich werden. Deshalb müssen wir beim Ernten Proben nehmen und testen, ob der Mais überhaupt noch als Futter verwendet werden kann.» Glücklicherweise hat Willi-Bosshard sowohl für den Weizen als auch für den Mais Hagelversicherungen abgeschlossen, so dass zumindest die direkt durch den Sturm verursachten Schäden finanziell abgedeckt sind.

Auswirkungen bis ins nächste Jahr
Allerdings sind mit dieser Versicherung die weiteren Folgen des verregneten Sommers bei weitem nicht abgedeckt. So konnte der Weizen erst viel zu spät geerntet werden, weil die nassen Böden mit den schweren Erntemaschinen nicht befahren werden konnten. Dadurch fing der stehende Weizen bereits an der Ähre an auszukeimen und das Getreide kann nun statt als Brotgetreide nur noch als Futtergetreide verkauft werden. «Der Preisverlust bei dieser Abstufung beträgt für mich ungefähr 20 Prozent», so Willi-Bosshard, «und den deckt mir keine Versicherung ab.»
Auch auf die Folgekulturen und somit auf die Ernte des nächsten Jahres wirkt sich die diesjährige Nässe aus: «Eigentlich war mein Plan, beim Maisfeld als Folgekultur für die nächste Saison Raps anzusäen», erklärt der Landwirt. «Doch der Raps müsste nächste Woche bereits aufs Feld ausgebracht werden. Das ist für die übersättigten, nassen Böden nicht gut. Diese sollten sich nach der Ernte unbedingt noch ein wenig erholen können, um keine irreparablen Schäden zu verursachen. Ich überlege daher, statt Raps vielleicht Gerste anzubauen, da kann ich mit der Aussaat noch ein wenig zuwarten.»

 Grosse Schäden im Rebberg beim Chilesteig
Unter dem Wetter haben auch die Höngger Reben gelitten. Am Rebberg Chillesteig bietet sich ein trauriges Bild: Kleine, verschrumpelte Trauben hängen unter zerfetzten Blättern an den Rebstöcken. Der Sturm und vor allem der Hagel sind den Pflanzen auf den drei Hektare grossen Stück Land schlecht bekommen. «Dieses Jahr werden wir nur einen Fünftel der Trauben ernten können», sagte Stadtwinzerin Karin Schär anlässlich eines Weinrundgangs vergangene Woche. Es sei auch ohne diesen Sturm ein schwieriges Jahr gewesen: Angefangen beim Spätfrost im April, unter dem besonders die jungen Reben gelitten haben, die in ihrem dritten Jahr zum ersten Mal Trauben hätten tragen sollen. Dank der guten Lage und dem Aufwind von der Limmat her nahm der Rebberg damals dennoch wenig Schaden. Doch dann verursachte der Dauerregen Probleme. «Das feuchte Wetter bildete die perfekte Grundlage für den falschen Mehltau, die darauffolgende Hitze bescherte den Reben dann den richtigen Mehltau. Der Hagel im Juli beschädigte nicht nur die Trauben, sondern auch die Blätter und das Holz. Diese Schäden werden in den kommenden zwei Jahren noch spürbar sein. «Eine Zerstörung in diesem Ausmass habe ich noch nie erlebt», sagt Schär. «Glücklicherweise ist der finanzielle Schaden teilweise durch die Hagelversicherung geschützt, aber die ganze Arbeit ist dann fast umsonst und den fehlenden Wein kann keine Versicherung ersetzen.». Das Wetter hat die Rebe in eine Schockstarre versetzt, nun verzögert sich die Ernte um zwei Wochen. Dieses Jahr plant die Winzerin aus den Trauben, die der Rebberg noch hergibt, einen Rosé zu machen.

Zweifel vom Sturm weitgehend verschont
Etwas besser sieht die Lage bei den Rebbergen von Zweifel 1898 aus. Eigentlich sei man noch glimpflich davongekommen, mein Önologe Urs Zweifel zur aktuellen Situation. Die meisten seiner Rebberge seien vom Hagel verschont geblieben, hier zeige sich auch, wie gross die Wetterunterschiede lokal sein können. Eher zu schaffen machte der falsche Mehltau an Lagen, wo die Feuchtigkeit hängen blieb, wie im Riedhof. Durch den vielen Regen wurde ausserdem der Boden stark aufgeweicht und die Bewirtschaftung der Reben erschwert: «Wenn man mit Maschinen arbeitet, muss man sehr vorsichtig sein, wenn der Boden so nass und somit empfindlich ist», so Zweifel. Durch die Feuchtigkeit wurde mehr Pflanzenschutz nötig. Trotzdem erwartet der Winzer über alles gesehen einen ähnlichen Ertrag wie im vergangenen Jahr. Voraussetzung sei allerdings, dass es bis zur Ernte Ende September relativ trocken, warm und schön bleibt.

 

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