Höngger.ch

24°C19°C am 19. Juli 2019
Kultur

Wandern kann nur, wer Musse hat

21. November 2018 von

Pastoralassistent Matthias Braun stellt den Autor Usama Al Shahmani vor.
Foto: Patricia Senn

Pastoralassistent Matthias Braun stellt den Autor Usama Al Shahmani vor.

Von

Online seit
21. November 2018

Printausgabe vom
22. November 2018
Beitrag bewerten

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...

Die Pfarrei Heilig Geist lud den irakischen Autor Usama Al Shahmani am vergangenen Freitag zu einer Lesung nach Höngg ein. Eine Begegnung, die das Fremde näherbrachte und weniger fremd machte.

«Ich verstand gar nicht, was Frau Wunderlin mit dem Wort <wandern> gemeint hatte. Ich fragte sie, ob das ein Sport oder ein Hobby sei und suchte nach einem vergleichbaren Wort in Arabisch. Aber ich fand nichts.», schreibt der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani in seinem zweiten Buch «In der Fremde sprechen die Bäume Arabisch», das er auch zur Lesung in die Katholische Kirche Pfarrei Heilig Geist mitgebracht hat. Denn im Krieg wandert man nicht. Wenn man weite Distanzen läuft, dann ist man auf der Flucht. Es ist bereits der dritte Abend, den die Kirche zum Thema Flucht veranstaltet und wieder hat sie eine direkt betroffene Person eingeladen. Durch Begegnungen mit echten Menschen, echten Geschichten, können Vorurteile und falsche Bilder revidiert werden. Al Shahmani musste 2002 wegen eines regimekritischen Theaterstücks, das er geschrieben hatte, seine Heimatstadt Bagdad überstürzt verlassen. Während er in der Schweiz das Asylverfahren durchlief, heiratete und nach Frauenfeld zog, verschwand sein Bruder Ali in Bagdad, wo inzwischen die Dschihadisten gegen die amerikanische Besatzung und die Schiiten kämpften. Er gilt seither als verschollen. Al Shahmanis Buch erzählt von dieser ersten Zeit in der Schweiz, von seinen Sorgen um seinen Bruder und dem Zurechtfinden in der neuen Heimat, wobei er diesem Begriff eher skeptisch gegenübersteht. «Heimat ist für mich Zeit und Ort der Freiheit», meint er nach der Lesung. Wie kann man sich eine Vorstellung von «Freiheit» machen, wenn man in einer Diktatur aufwächst? «Durch die Literatur», meint Al Shahmani. Mit neun Jahren begann er aus Mangel an Kinder- und Jugendbüchern bereits die hohe Literatur zu lesen: Arabische Klassiker, aber auch Tolstoi und Dostojewski – «so kann man sich einen Freiheitsbegriff erschaffen.»

Die Hoffnung auf Freiheit nicht verlieren

Der starke Wunsch nach Freiheit ist im Buch immer wieder spürbar. Und genauso wie die Poesie und die Bildhaftigkeit der arabischen Sprache durch die Zeilen schimmert, schwingt immer auch eine Hoffnung mit, dass die Freiheit irgendwann auch Irak erreicht. Wenn er heute nach Bagdad reist, merkt er, dass er nicht mehr derselbe ist, und auch die Menschen, die geblieben sind, haben sich verändert. Die Diktatur sei noch stark in den Köpfen verankert, es scheine, als müsste ein Volk eine gewisse Entwicklung durchlaufen, bis es die Vorurteile überwinden kann. «Aber man verliert das Recht, sich zur Situation zu äussern, weil man ja nicht da war, all die Jahre», erzählt der Mann, der etwas zu gross wirkt für den Stuhl, auf dem er sitzt. Man entfernt sich zwangsläufig voneinander. Heute ist er stärker in Frauenfeld verwurzelt und freut sich, dass eine lokale Zeitung ihn anlässlich der Verleihung des Förderpreises als «Frauenfelder» bezeichnet hat.

Al Shahmani ist nicht nur Autor, er ist auch Sprachwissenschaftler, Übersetzer und Kulturvermittler. Wenn Sprache mehr ist als Worte, sondern auch Lebensrealitäten, Zustände und Gefühle abbildet, ist es dann überhaupt möglich, alle diese Dinge mit auszudrücken, wenn man sie in eine andere Sprache übersetzt? Wenn beispielsweise, wie beim «wandern» das Wort in einer Sprache gar nicht existiert, oder es, im Gegenteil, sechs verschiedene Wörter für das selbe Ding gibt? Er habe mittlerweile festgestellt, dass es besser sei, auf Deutsch zu denken, wenn er ein deutsches Buch schreiben wolle, meint der Schriftsteller, der bereits acht Bücher in arabischer Sprache veröffentlicht hat. Manchmal packe ihn der Ehrgeiz und er feile lange an einem Satz herum, damit er genau das ausdrücke, was er auf Arabisch bedeutet. Am Ende fehle dennoch immer etwas. Seinen letzten Satz im Leben wird er wohl auf arabisch sprechen. «Es ist meine Herzsprache.»

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Al Nasiriyah), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittelter und übersetzt ins Arabische, unter anderem «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. «In der Fremde sprechen die Bäume Arabisch» erschien im August 2018 im Limmat Verlag,192 Seiten. 29 Franken, eBook 24.80 Franken. IBAN: 978-3-85791-859-9

Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar.


500