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Waldweg «zu Ehren» eines berüchtigten Mörderduos

11. Mai 2020 von

An dieser Kreuzung stand das ehemalige Munitionshaus auf der rechten Seite.
Foto: Stefan Hohler

An dieser Kreuzung stand das ehemalige Munitionshaus auf der rechten Seite.

Foto: Kantonspolizei Zürich

Die beiden Täter

Foto: Stefan Hohler

Der Räuberweg auf dem Hönggerberg

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Online seit
11. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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Mit der brutalen Entführung und Ermordung eines Bankiers versetzten Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann die Schweiz in Angst und Schrecken. Der Räuberweg auf dem Hönggerberg wurde nach den beiden benannt.

Wer durch den Hönggerberg spaziert, hat sich vielleicht auch schon über den Waldweg mit dem ungewöhnlichen Namen «Räuberweg» gewundert. Zur Namensgebung gibt es zwei Versionen, wie auf der informativen Webseite www.alt-zueri.ch zu lesen ist: Gemäss dem Buch «Die Strassennamen der Stadt Zürich» handelt es sich um einen freigewählten Namen. Eine andere Version vertritt dagegen der ehemalige Revierförster Hans Nikles im Tages-Anzeiger vom 17. Oktober 2009. Der Name nehme Bezug auf die beiden Schwerverbrecher Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann. Als Stadtförster sei er wiederholt um Rat gefragt worden, wenn die städtische Strassenbenennungskommission einen Namen für einen Waldweg suchte. So auch Mitte der 90er-Jahre, als ein Strässchen zwischen der Sonderi- und der Martinsrütistrasse auf dem Hönggerberg einen Namen erhalten sollte. Nikles dachte nach und erinnerte sich, dass das berüchtigte Räuberduo Deubelbeiss/Schürmann dort einst ein Waffenlager angelegt hatte, vergraben im Boden in einem Ölfass. Also schlug er den Namen Räuberweg vor – mit Erfolg.

Die beiden Schwerverbrecher waren im Sommer 1951 nur unweit des Räuberwegs in ein Munitionshäuschen der Armee eingebrochen und hatten dabei nebst 15 Maschinenpistolen rund 9600 Schuss Munition erbeutet. Das Munitionshäuschen an der Kreuzung Grünwaldstrasse/Rodungsweg, zwischen dem Friedhof Hönggerberg und dem gleichnamigen Restaurant, existiert nicht mehr. Es wurde vor Jahren abgerissen, nur noch eine kleine Waldlichtung mit wenigen Bäumen erinnert an den Ort.
Zurück zur brutalen Tat: Für Armin Bannwart, Teilhaber der Bank Winterstein am Talacker in der Zürcher Innenstadt, war der 4. Dezember 1951 ein normaler Arbeitstag. Als der Bankier Feierabend machte und seinem Prokuristen Füllig den Tresorschlüssel übergab, ahnte er noch nicht, was ihn schon bald erwarten würde.

Kurz nach Büroschluss fuhr er zur Therapie nach Wiedikon, da er unter Hüftschmerzen litt. Nach 19 Uhr verliess Bannwart das Haus seines Therapeuten und setzte sich in seinen Wagen, um sich auf den Nachhauseweg Richtung Zollikon zu machen. Der Bankier wurde von Frau und Kindern bereits zum Abendessen erwartet. Doch dazu sollte es nicht kommen: Vor seinem Haus warteten der damals 26-jährige Schürmann und der 30-jährige Deubelbeiss auf ihn. Wochenlang hatten sie die Tat geplant – an jenem Abend sollte ausgeführt werden.

Prokurist schöpfte Verdacht

Als Bannwart bereits in seine Garage einbiegen wollte, rannten die beiden Gangster auf den Wagen zu, rissen die Fahrertüre auf und bedrohten den Bankier mit einer Waffe. Ihr Opfer ergab sich schnell. Das Ganze dauerte nur wenige Augenblicke, dann fuhren Schürmann und Deubelbeiss mit dem Bankier davon. Die Ehefrau wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Tragödie. Deubelbeiss und Schürmann wollten den Tresorschlüssel der Bank. Bannwart übergab den beiden seinen Schlüsselbund, doch der entscheidende Schlüssel fehlte, da diesen der Prokurist hatte. Schnell entschieden die Gangster, dass der Prokurist den Schlüssel bringen sollte. Bannwart zwangen sie, seine Ehefrau anzurufen und ihr zu sagen, dass er später käme. Danach musste der Bankier beim Prokuristen anrufen und bestellte ihn mit dem Schlüssel zur Bank. Doch dieser schöpfte Verdacht und informierte die Polizei. Deubelbeiss und Schürmann fuhren nun mit ihrem Opfer zur Bank, um dort den Tresor leer zu räumen.

Von diesem Moment an ging alles schief: Die Tür zur Bank war versperrt, da es ein zweites Schloss gab, das die Gangster nicht gesehen hatten. Als der Prokurist eintraf, war dieser nicht allein, sondern in Begleitung eines Detektives. Die Entführer flohen mit Bannwart über Bremgarten AG bis ins Reppischtal. Zu diesem Zeitpunkt war der Bankier mit Ketten gefesselt und musste eine Augenbinde tragen. An einem verlassenen Ort hielten die beiden an und zwangen ihr Opfer auszusteigen. Dann schlug ihn Deubelbeiss mit seiner Waffe nieder, Bannwart kippte um, raffte sich mit letzter Kraft wieder auf und versuchte zu fliehen. Die Gangster holten ihn ein, der Bankier bettelte um sein Leben und bot ihnen Geld an. Doch die beiden machten kurzen Prozess und erschossen ihn. Die Leiche legten sie auf die hintere Sitzreihe des Wagens und fuhren mit hoher Geschwindigkeit über Birmensdorf nach Uitikon. Dort liessen sie das Auto mit der Leiche in einem Waldstück zurück. Zuvor nahm Deubelbeiss dem Toten noch das Portemonnaie mit 215 Franken Bargeld ab. Kurz darauf wurde der Wagen von der Kantonspolizei gefunden.

Nach weiterem Raubversuch verhaftet

Ein Jahr nach der gescheiterten Tat brachen Schürmann und Deubelbeiss in der Nacht auf den 25. Januar 1952 in die Post in Reinach im Kanton Aargau ein. Doch auch dieser Raub sollte wie schon der erste scheitern, denn ein Anwohner hörte Geräusche und rief die Polizei. Es kam zu einer heftigen Schiesserei, bei welcher die Gangster 108 Schüsse abfeuerten – mit den Waffen, die sie im Munitionshäuschen auf dem Hönggerberg gestohlen hatten. Danach flohen sie, doch am 11. Februar 1952 konnten sie schliesslich endlich verhaftet werden. Die Polizei rief die Bevölkerung damals mit Radiomeldungen zur Fahndung auf, was bei vielen starke Beunruhigung verursachte. Die Drohung «Wenn du nicht brav bist, kommt der Deubelbeiss», wurde sowohl von Eltern als auch von Lehrern benutzt.

Am 18. Februar 1953 wurden Deubelbeiss und Schürmann wegen Mordes, Raubes und weiteren Straftaten zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Schürmann wurde 1970 entlassen, Deubelbeiss hingegen kam erst am 1978 auf freien Fuss. Er starb 2005 mit 84 Jahren. Schürmann starb ein Jahr später als 81-Jähriger.

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28. Mai 2020
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500
12. Mai 2020 um 09:29 Uhr von Elisabeth Lenggenhager

Wir waren 4 Kinder, also kamen 4 Phantasien zusammen. Unsere gemeinsamen Wald-Expeditionen waren in den Jahren 1960 immer auch mit dem Deubelbeiss-Grusel-Gefühl verbunden. Wir spielten nicht nur die Rehlimutter und ihre Kitzen, wir spielten auch Versteckspiele und alleine hinter einem Baum stehen war auch eine Mutprobe, nicht zuletzt wegen dem Deubelbeiss-Gruseln.

11. Mai 2020 um 20:40 Uhr von Hans Reding

Ich erinnere mich noch gut an das Militär-Munitionslager auf dem Hönggerberg. Mein Vater sagte damals, die beiden hätten aus Maschinengewehren Maschinenpistolen hergestellt, indem sie die Läufe abgesägt hätten. Diese ‚Erfindung‘ hätte später unsere Waffenindustrie zu ähnlichen Modellen inspiriert, kürzer und trotzdem effizient…