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Höngger Wald

Vom Urwald zur Anbauschlacht

24. Oktober 2018 von

Rechts der Kappeliholzstrasse: Mittelwald heute, wie er auch seit dem 13. Jahrhundert bewirtschaftet wurde. Das «Oberholz», die grossen Bäume, lieferten das Bauholz, das Unterholz, die «Hauschicht» wurde 20 Jahre als «Stockschlag» zu Brennholz verarbeitet.
Foto: Fredy Haffner

Rechts der Kappeliholzstrasse: Mittelwald heute, wie er auch seit dem 13. Jahrhundert bewirtschaftet wurde. Das «Oberholz», die grossen Bäume, lieferten das Bauholz, das Unterholz, die «Hauschicht» wurde 20 Jahre als «Stockschlag» zu Brennholz verarbeitet.

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Wald war und ist es bis heute geblieben: ein wichtiger Bestandteil des Gemeindelebens. Doch Während heute die wirtschaftliche Bedeutung nur noch marginal ist, war sie früher unabdingbar: Der Höngger Wald lieferte das nötige Bau- und Brennholz – und während des zweiten Weltkriegs wurde ein Teil davon gerodet und zu Äckern umfunktioniert.

Der bedeutendste Grundbesitz der Gemeinde Höngg, so ist in der Ortsgeschichte Höngg (OGH) nachzulesen, bestand aus Wald – allerdings liegen die Ursprünge dieses Besitzes im Dunkeln, denn zwischen den verstreuten Dörfern lag ursprünglich herrenloser Urwald. «Wald», so die OGH, «stand in der ersten Zeit nach der alemannischen Landnahme in so reichlichem Mass zur Verfügung, dass alle Bedürfnisse für Brennholz, für Bauholz, aber auch als Weide für das Vieh gut befriedigt werden konnten». Wurde Wald gerodet und der Boden urbar gemacht, so ging er meist als freies Gut an den Rodungsbauer über – und mit ihm der angrenzende Wald.
Doch, so schreibt die «Geschichte des Zürcher Waldes», noch im Spätmittelalter waren diese Bauernhöfe meistens Lehenshöfe und unterstanden einem Grundherrn, erst gegen 1800 waren die meisten Lehenwälder Eigentum der Hofbesitzer geworden. So war mit dem Anwachsen der Dorfgemeinschaften über Jahrhunderte der «herrenlose» Urwald langsam aber sicher verschwunden, bis die einzelnen Gemeinden in genau umschriebenen Linien aneinandergrenzten.

Der «Mittelwald» war auf Weideland

Dass die Pflege des Gemeindewaldes eine öffentliche Aufgabe war, ist für Höngg bereits aus der «Offnung», der Aufzeichnung des Dorfrechtes, von 1338 bekannt, in der auch die Wahl des Försters geregelt wurde, damals übrigens die einzige explizit genannte Sparte des landwirtschaftlichen Lebens. Auch bekannt ist, dass die Gemeinde sich seit dem 16. Jahrhundert bemühte, zusätzliche Waldgebiete zu kaufen. Gelegen kam ihr da auch, dass im Zuge der Reformation die Stiftswälder aufgelöst wurden. Wie sich das Wald- und Landwirtschaftsland in Höngg aufteilte, ist erstmals aus dem Jahr 1772 bekannt: Höngg bestand damals zu 45% aus Wiesen und Äckern, zu 20% aus Rebflächen und zu 35% aus Wald. 1850 besass Höngg ganze 422 Juchart Gemeindewald und weitere 150 Juchart waren in Privatbesitz. Eine Juchart Wald entspricht rund 3600 m2 (0.36 ha).
Nur ein kleiner Teil davon waren Rottannen und Föhren, der Hauptanteil machte der sogenannte «Mittelwald» aus, eine Waldbewirtschaftungsform mit reinen Laubbäumen, wie sie seit dem 13. Jahrhundert betrieben wurde. Charakteristisch dabei – was auf dem Hönggerberg seit 1984 auch wieder rechts der Kappeliholzstrasse zu sehen ist – ist der zweischichtige Aufbau aus «Oberholz» und «Hauschicht». Das «Oberholz», die wenigen, in grossen Abständen stehenden, grossen Bäume, lieferten das Bauholz, während die «Hauschicht» dazwischen zur Brennholzgewinnung alle 20 Jahre als «Stockschlag» abgeholzt wurde und danach wieder austrieb. Der Wald von früher war also in der Regel nicht dicht, sondern eher locker bepflanzt und diente auch als Weideland für das Vieh – was aber auch zu Interessenskonflikten führte. So erliess der Zürcher Rat im Jahr 1597 auf Wunsch der Höngger höhere Bussen für Schäden, die durch weidendes Vieh entstanden, was auf eine Sorge um knapper werdende Holzbestände schliessen lässt.

Der Wald als Gemeindewerk

So wurden denn jedes Jahr nach einem Wirtschaftsplan Waldflächen in gleichmässige Stücke eingeteilt und durch das Los unter die berechtigten Bürger verteilt. Doch natürlich musste es zuerst geschlagen werden: Rudolf Grossmann (1877 – 1958) beschreibt in seinen «Erinnerungen aus dem alten Höngg» wie in der Zeit um 1890 jeder Bürger jährlich im Winter drei Tage Frondienst in den Bürgerwaldungen leisten musste. Und wie es dabei trotz strenger Arbeit an den Feuern, die zum Mittagessen angezündet wurden, zum Verdriessen des Försters manchmal so feucht-fröhlich zu und her ging, dass die Arbeiten auf vier bis fünf Tage ausgedehnt werden wussten, bis sie erledigt waren – er beschreibt dies so lebhaft, dass sich leicht sagen lässt, dass sich da eine über Jahrhunderte gelebte «Tradition» fortgesetzt hatte.
Wem wie viel Holz zugeteilt wurde, war streng geregelt. Man unterschied zwischen der Bürgergemeinde, also alle, welche das Höngger Heimatrecht besassen, und der Einwohnergemeinde, jenen, die hier wohnten, aber nicht heimatberechtigt waren. Der Wald war Eigentum der Bürgergemeinschaft, doch auch da wurde noch lange zwischen Nutzungsberechtigten und Nichtnutzungsberechtigten unterschieden. Erst 1903 verfügte ein Regierungsratsbeschluss, dass alle Bürger den Bürgernutzen erhalten müssen. Die Zahl der Bezugsberechtigten stieg auf einen Schlag und der Anteil der einzelnen wurde massiv kleiner. Die Gemeinde begann deshalb, das Holz ab 1904 zu verkaufen und nur noch die Reisigwellen, das aus Tannenästen gebündelt Feuerholz, auch «Heizi-Wellen» genannt, zu verteilen. 1926 gab die Gemeinde letztmals einen solchen Bürgernutzen ab. Bis 1933 vergantete sie das Brennholz weiter. 1934 wurde Höngg eingemeindet und so fielen auch die Waldgebiete an die Stadt Zürich.

«Anbauschlacht» auf dem Hönggerberg

Eine besondere Episode erlebte der Höngger Wald während des zweiten Weltkrieges. Als im Zeichen der Lebensmittelknappheit ab November 1940 der «Plan Wahlen» den schweizerischen Lebensmittelanbau zur eigentlichen «Anbauschlacht» trieb, wurde nicht nur die Zürcher Sechseläutenwiese umgepflügt, sondern unter anderem auch im Hönggerwald grosse Flächen gerodet und mit Kartoffeln bepflanzt. Nicht nur Höngger, sondern auch Kriegsinternierte und Taglöhner, machten sich ans Werk, um mit Axt und Säge, Pferden, Kettenzügen und für die Wurzelstöcke auch mal mit Sprengstoff, aus dem Wald urbare Fläche zu machen. Speziell das Gebiet zwischen Grünwaldstrasse und, bezeichnenderweise, dem Rodungsweg wurde abgeholzt – und erst lange nach dem Krieg wieder aufgeforstet, wie die Luftaufnahme von 1964 zeigt, wo die Fläche noch immer gut als Wiesland zu erkennen ist.

Quelle:
– «Erinnerungen aus dem alten Höngg», Mitteilungen Nr. 28 der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg.
– Ortsgeschichte Höngg, Georg Sibler.
– Stadt Zürich, «Geschichte des Zürcher Waldes», www.stadt-zuerich.ch

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