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Dossier Kunst

Vom Stoffmuster entwerfen zum Malen auf Jute

11. Mai 2020 von

Die Ausstellung der Künstlerin Heidi Dürst ist noch bis zu den Sommerferien zu sehen.

Die Ausstellung der Künstlerin Heidi Dürst ist noch bis zu den Sommerferien zu sehen.

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Online seit
11. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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Ab dem 11. Mai kann die Ausstellung der Künstlerin Heidi Dürst in den Redaktionsräumen des «Hönggers» wieder besucht werden. Doch was machte die eigenwillige und neugierige Frau eigentlich, bevor sie Kunst machte?

«Mein Sekundarlehrer meinte, ich solle studieren, an die Kunsthochschule würde ich es ohnehin nicht schaffen», erzählt Heidi Dürst, und ihre Augen blitzen spöttisch hinter den runden Brillengläsern. Unschwer zu erraten, wer danach die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs bestand, und dies ohne Vorkenntnisse in perspektivischem Zeichnen, ein Fach, das damals den Jungen vorbehalten war. Geboren am 10. Januar 1938 und am Fusse des Uetlibergs aufgewachsen, waren ihr schon als Kind zwei Dinge klar: Erstens sollte ihr Beruf einmal mit Zeichnen zu tun haben und zweitens würde sie auf keinen Fall in einem Büro arbeiten. Von ihrem Vater, einem Feinmechaniker, hatte sie das gestalterische Talent geerbt und von der Mutter, die eine schwierige Kindheit durchlebt hatte, den starken Willen und die Wehrhaftigkeit. Gerne hätte Dürst die Kunstschule absolviert, doch das Geld der Familie reichte nur für den Vorkurs. Also bewarb sie sich erst als Grafikerin, wo man der damals noch schüchternen, jungen Frau nicht zutraute, sich gegen die Kunden durchsetzen zu können. Stattdessen fand sie eine Lehrstelle als Dessinatrice. Sie entwarf Muster für den Stoffdruck. «Eigentlich wäre ich gerne Modedesignerin geworden, aber dafür musste man erst die Damenschneiderausbildung machen – und die Handarbeitsschule war mir immer ein Gräuel», lacht die stets elegant gekleidete Dame. Nach der vierjährigen Lehre zog es sie nach Kent, England, wo sie auf einem Landgut arbeitete und Englisch lernte. Auf dem Hof gab es viele Tiere und einen grossen Klostergarten, wenig Freizeit, aber die Familie war sehr nett. Gerne wäre sie im Norden geblieben, doch zu dieser Zeit erhielten Ausländer*innen keine Arbeitsbewilligungen. Bevor sie wieder abreiste, durfte sie ein Tor für den Garten entwerfen – das schmideiserne Werk steht heute noch.

Für den Textilhandel nach Asien

Zurück in der Schweiz musste sich die mittlerweile fast 30-Jährige nach einer neuen Arbeit umsehen und kam dabei nicht umhin, sich kaufmännisch weiterzubilden. Das Büro, in das sie nie wollte, wurde schliesslich doch ihr Arbeitsort. Doch das Thema Textil blieb: Sie heuerte bei einer internationalen Handelsfirma an, welche damals unter dem Namen Sieber-Hegner mit allerlei Waren handelte, darunter auch mit textilen Rohstoffen wie Rohseide, Rohbaumwolle und Kunstfasern. Obwohl sie bereits in der Lehre, aber auch in späteren Anstellungen selbstständig hatte arbeiten dürfen, wurde sie in diesem hierarchischen Betrieb wieder zur Protokollschreiberin und Befehlsausführerin degradiert – wie die meisten Frauen zu dieser Zeit. «In der Probezeit hätte ich am liebsten gekündigt», erinnert sie sich. «Doch ich war nicht mehr das schüchterne Mädchen von früher, sondern wehrte mich und hatte das Glück, dass es einen Vorgesetzten gab, der mich förderte», so Dürst. Als er pensioniert wurde, wollte sie seine Aufgabe übernehmen – er war verantwortlicher Einkäufer von Seide in China und Japan. Doch das wurde ihr anfänglich verwehrt. Als sich kein Mann finden liess, der sowohl Textil- als auch kaufmännische Kenntnisse mitbrachte, kriegte sie den Job schliesslich doch. Von da ab reiste sie zweimal jährlich nach Asien. «Im kommunistischen China waren viele Führungspositionen auch von Frauen besetzt, das war sehr interessant und auch ungewöhnlich, wenn man aus der Schweiz kam». Anfänglich war es nicht möglich, mit den Stoffhändlerinnen über private Dinge zu sprechen, weil immer jemand von der Partei anwesend war. Mit den Jahren wurde jedoch eine leichte Öffnung spürbar und die Frauen gaben mehr von sich preis, erinnert sich Dürst. Tagsüber verhandelte sie mit den Produzentinnen, abends schickte sie die Verträge mit dem Fax in die Schweiz. Viel gelernt habe sie in diesen Jahren, und als man ihr endlich die Prokura ausstellte, konnte sie sich freier bewegen und Entscheidungen selbstständig treffen, so wie sie sich das gewünscht hatte. «Früher hiess es immer, dass Frauen keine Verantwortung übernehmen wollen», meint Dürst mit einem spöttischen Unterton, «Es war doch wohl eher so, dass man sie uns einfach nicht geben wollte». Nach einiger Zeit sollte sie auch den Markt in Indien für den Rohstoffhandel berücksichtigen. Ein Land, das sie zuvor nicht wirklich interessiert hatte und vor dem man sie gewarnt hatte – «viel zu gefährlich für eine Frau». Bei ihrem ersten Besuch verliebte sie sich in dieses «wunderbare Land» mit seinen gastfreundlichen Menschen, in die Farben, die Landschaften und das Essen. Sie kehrte später einige Male dahin zurück. «Diese Jahre im Textil-Einkauf waren die spannendste Zeit meines Lebens», meint Dürst mit leuchtenden Augen.

Genug ist genug

Inzwischen hatten die Webereien und Spinnereien in der Schweiz ihre Produktion jedoch längst ins Ausland verlagert und ihre Fabriken in der Schweiz geschlossen. Die einst so erfolgreiche Textilindustrie war untergegangen. Den Beruf, den sie ursprünglich gelernt hatte, gab es gar nicht mehr. Mit 56 Jahren sagte man ihr, es gäbe keine Arbeit mehr für sie, ein Mitarbeiter aus Mailand werde künftig die Einkäufe in Asien erledigen. Stattdessen bot man ihre eine Stelle in der Abteilung für Hundefutter, «die Promotionen selber waren nichts für mich, dieses offensive Verkaufen-Müssen», sagt die zierliche Künstlerin, «aber ich konnte auch die Promotionsbroschüren und -Blätter gestalten, da war ich wieder in meinem Element». Dennoch hiess es nach einer Weile – es war gerade Weihnachten – die Angestellte sei zu teuer, es gäbe keine Anstellung mehr für sie. Als allerletzte Möglichkeit wurde sie noch in eine Abteilung für Nahrungsmittel und Chemie verschoben. Nach einem schwierigen Jahr mit sehr schlechten Erfahrungen sagte sich die wehrhafte Frau: «Nein, das tue ich mir nicht länger an» und liess sich ein Jahr vorzeitig pensionieren.

Das Malen auf Jute für sich entdeckt

«Während der Berufstätigkeit war das Zeichnen etwas in den Hintergrund geraten, ich hatte einfach weder Zeit noch Musse dazu, und wahrscheinlich fehlte mir auch etwas der Mumm». Doch nach der Pensionierung konnte sie ohne Schwierigkeiten wieder dort anknüpfen, wo sie als junge Frau aufgehört hatte. Die Grundlagen hatte sie an der Kunstgewerbeschule gelernt, nun wollte sie alles noch einmal ausprobieren und herausfinden, was ihr am besten behagt. Sie besuchte Malkurse und -Ferien und sog alle Eindrücke auf wie ein Schwamm. «In diesen Kursen lernt man so vieles, von Leiter*innen und anderen Teilnehmer*innen», sagt sie und strahlt. Vor etwas mehr als einem Jahr konnte die Künstlerin einen Raum im Haus, in dem sie wohnt, dazu mieten. Mit Hilfe ihrer Patentochter hat sie dort ihr Atelier eingerichtet und ein Regal aufgebaut, in dem ihre vielen Bilder Platz finden. Nun ist das Malen wieder in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt. Wenn sie reisen, sich mit anderen Menschen austauschen und Neues dazu lernen kann, ist Heidi Dürst glücklich. Eine persönliche Offenbarung war das Malen auf Jute, welches sie an einem Malkurs in einem Kunstatelier an der Langstrasse zum ersten Mal ausprobierte. Das Arbeiten mit dem Spachtel auf dem groben Stoff entspricht Dürst sehr, auch wenn sie daneben auch durchaus feine Bilder aus Aquarell und Acryl malt, die in der Ausstellung zu sehen sind. Als junges Mädchen entwarf sie Muster für grosse Webereien, heute malt sie wieder auf Textil. So könnte sich der Kreis schliessen, aber ein Ende ist glücklicherweise noch lange nicht in Sicht.

Die Bilder von Heidi Dürst sind noch bis zu den Sommerferien in den Redaktionsräumen der Höngger Quartierzeitung am Meierhofplatz 2 zu sehen. Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr.

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11. Mai 2020

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28. Mai 2020
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