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Dorfleben

Vom Huhn und vom Ei

9. Januar 2019 von

Foto: pixabay

«Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn» – wie schön ist das Hühnerleben wirklich?

Von

Online seit
9. Januar 2019

Printausgabe vom
10. Januar 2019
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Eier gehören in der Schweiz zu den Grundnahrungsmitteln – über 150 Eier konsumieren die Schweizer*innen nach Angaben des Bundesamtes für Landwirtschaft jährlich pro Kopf, Tendenz steigend. Doch wie leben die Legehennen hierzulande und welchen Wert hat ein Ei? Ein Höngger Hühnerhalter hat sich Gedanken gemacht – und schreibt einen Wettbewerb aus.

«Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn», ob die Schweizer Hühner diese Liedzeile wohl unterschreiben würden? Zumindest im Lied und in manch romantischen Vorstellungen vom Landleben sieht das Leben eines Huhns sehr beschaulich aus: Jeden Tag das obligate Ei legen und dazu lauthals gackern, auf der Wiese nach Würmern suchen, ein wenig im Mist scharren und sich bei Einbruch der Dunkelheit mit den Artgenossinnen in den sicheren Stall zurückziehen.

Nach 1,5 Jahren ist Schluss

Doch die Realität der meisten der rund drei Millionen Legehennen, die nach Angaben des Bundesamtes für Landwirtschaft in der Schweiz leben, sieht natürlich ganz anders aus. Wie sehr das Leben dieser Hochleistungstiere von der Bauernhofidylle abweicht und wie wenig Platz für Natur noch im durchrationierten Leben dieser Tiere ist, darüber hat Christian Marcan, ein passionierter Hühnerhalter aus Höngg, viel nachgedacht. Vom Schlupf in der Brüterei, dem Heranwachsen in Aufzuchtbetrieben bis zum Leben in den Grossbetrieben in Massentierhaltung bleibt bei der Eierproduktion nichts dem Zufall überlassen. Dabei ist es nicht nur die Tatsache, dass in den Brütereien alle männlichen Küken direkt nach dem Schlupf vernichtet werden oder die Zustände, die in der Massentierhaltung herrschen, die Marcan zu schaffen machen, sondern vor allem der Umstand, dass in den gewinnorientierten Betrieben, ganz egal, ob bio oder konventionell, die Legehennen nach rund 1,5 Jahren allesamt ausgetauscht und ersetzt werden. «Weil die Hühner nach einer ersten Legeperiode, die ungefähr im Alter von einem halben Jahr beginnt und ein Jahr andauert, eine Pause in der Eierproduktion einlegen, sind sie nicht mehr wirtschaftlich», erklärt Marcan. In diesem ersten Jahr legen die auf Hochleistung gezüchteten Tiere rund 300 Eier – also tatsächlich annähernd jeden Tag eines – und nutzen die anschliessende Pause, die «Mauser», um sich zu regenerieren und ihr Federkleid zu erneuern. Nach der rund zweimonatigen Pause setzt die Eierproduktion wieder ein – doch das erleben die Hennen in der Regel nicht mehr.

Biogas oder Suppenhuhn?

Seine eigenen 50 Hühner, die im Rütihof in einem umfunktionierten Wohnwagen mit direktem Weidezugang leben, hatten da mehr Glück: Auch sie waren einst in einem Grossbetrieb für die Eierproduktion zuständig, wurden jedoch durch den Verein «Rettet das Huhn» nach der Legeperiode übernommen und an Marcan weitervermittelt. Allerdings ist es nur ein geringer Prozentsatz der alten Legehennen schweizweit, die über derartige Initiativen und Vereine an private Hühnerliebhaber weitergegeben werden kann, die allermeisten dagegen, jährlich rund 1,7 Millionen Tiere, werden geschlachtet. Doch für ihr Fleisch besteht kein wirklicher Markt. «Es macht mich traurig, dass die Legehennen zwar geschlachtet, ihr Fleisch aber oft nicht mehr verwendet wird», sagt Marcan. «Zwar wird ein Teil von ihnen als Suppenhuhn verkauft oder zu Chicken Nuggets und Würstchen verarbeitet», so Marcan weiter, «doch die Nachfrage nach diesen Produkten ist vergleichsweise gering und die Verarbeitung wenig lukrativ.» So werden, wie Informationen von KAG Freiland zu entnehmen ist, alljährlich rund 500 000 Tiere am Ende ihres kurzen Lebens ganz einfach vergast. Oft werden sie noch auf dem Hof selbst mittels mobiler Gastanks getötet und anschliessend zur Stromgewinnung zu Biogas verarbeitet.

Zum Nachdenken anregen

Auf diesen Missstand möchte Marcan gerne aufmerksam machen und sein Wissen, das er sich als Hühnerhalter angeeignet hat, weitergeben. «Ich möchte gerne dazu anregen, sich mehr Gedanken darüber zu machen, wie die Eier produziert werden, die von uns gegessen werden und unter welchen Umständen die Hühner leben und vor allem auch sterben müssen», erläutert er. «Vielen Eierkonsumenten ist es gar nicht bewusst, welch kurzes Leben den Hennen beschieden ist, bevor sie sozusagen als «Abfall» enden. Der Preis, den die Eier im Laden heutzutage haben, ist viel zu niedrig, um den Hühnern ein artgerechtes Leben zu ermöglichen», so führt er weiter aus. Vielleicht liesse sich ja, so Marcans Hoffnung, am Schicksal der Hühner etwas ändern, wenn die Konsumenten bereit wären, mehr für ihre Eier zu bezahlen.

Wer richtig rechnet, gewinnt

Er hat daher eingehend recherchiert und kalkuliert und errechnet, wie teuer ein Ei sein müsste, wenn die Henne bis zu ihrem natürlichen Tod – der bei den hochgezüchteten Hybridhühnern einiges früher eintritt als bei den älteren Hühnerrassen – auf dem Bauernhof verweilen und mehrere Mauserperioden durchleben dürfte. In einem Wettbewerb (siehe letzte Seite) sind nun alle Leser*innen aufgefordert, selbst einmal den Produktionspreis eines solchen Eis zu berechnen – noch ohne die Kosten für Arbeit und Handel zu berücksichtigen. Den drei Einsender*innen, die dem von ihm selbst errechneten Preis am nächsten kommen, spendiert Marcan einen Gewinn im Warenwert von je 100 Franken. Und wer Lust hat, sich über das Leben der Hühner und artgerechte Tierhaltung auszutauschen, ist selbstverständlich jederzeit herzlich eingeladen, im Rütihof beim Hühnerwohnwagen vorbeizuschauen.

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