Quartierleben
Visionen einer anderen Landwirtschaft: Auf dem Beckihof in Höngg
Auf dem Beckihof wird gepflanzt – und getanzt. Anina Gmür arbeitet dort nach dem Prinzip der Permakultur und vermittelt das Wissen in Kursen und Weiterbildungen weiter. Ihr Partner Andreas Tröndle lebt seine Leidenschaft zur Bewegung im «5Rhythmen»-Tanz aus.
17. April 2026 — Dagmar Schräder
Den Beckihof kennen wahrscheinlich nur die wenigsten in Höngg, denn er ist gut versteckt: Am schmalen Weg, der vom Schulhaus Rütihof hinunter zum Frankental führt, liegt das kleine Haus mit dem 5000 Quadratmeter grossen Landwirtschaftsland. Rund 100 Jahre lang war der Hof im Besitz der Familie Schwarzenbach, später Gnägi, die hier bis in die 80er-Jahre Landwirtschaft betrieb.
Im Jahr 2022 verkauften es die Nachkommen der Familie, doch da es sich nach wie vor um Landwirtschaftsland handelte, konnte es nur von Personen erworben werden, die eine entsprechende Ausbildung absolviert hatten. Ein Glück für Anina Gmür und Andreas Tröndle: Gmür war neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin und Kamerafrau auch Landwirtin und auf der Suche nach einem Hof. Sie wollte ihre Vision eines städtischen Permakultur-Pilotprojekts verwirklichen.
Ein Tanz mit der Natur
Mit ihrer Idee vermochten die beiden die Verantwortlichen zu überzeugen – das Projekt Beckihof konnte starten. Hier begegnen sich die beiden Leidenschaften von Gmür und Tröndle: die nachhaltige Landwirtschaft und der «5Rhythmen»-Tanz, eine freie, meditative Tanzpraxis, die Bewegung, Musik und Selbsterfahrung verbindet. Das sind zwei Dinge, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich und weit voneinander entfernt wirken.
Und doch, so erklären beide, sind sie näher beieinander, als man annehmen könnte: Denn Permakultur, so erklärte es bereits Bill Mollison, der Begründer dieser Landwirtschaftsform, ist wie Tanzen mit der Natur: «Permaculture is dancing with nature, and nature leads the dance.»
Beobachten und kopieren
Konkret gehe es bei der Permakultur darum, die Natur zu beobachten und von natürlichen Ökosystemen zu lernen, so Gmür. Vor dem Pflanzen werden daher der Boden, die Wasserflüsse, die vorhandenen Pflanzen und das Mikroklima studiert. Der Anbau erfolgt in mehrschichtigen Pflanzensystemen, die ähnlich wie der Wald aufgebaut sind: Kräuter, Gemüse, Beerensträucher und Obstbäume wachsen nicht getrennt, sondern ergänzen und unterstützen sich gegenseitig.
Solche Ökosysteme im Kleinformat sind, anders als Monokulturen, nachhaltig und auch in der Lage, schwierige Wetterverhältnisse wie Starkregen oder Trockenperioden zu überstehen – und haben als Systeme damit dauerhaften Bestand. Was Gmür erntet, verwertet sie bis anhin noch selber oder verkauft die Produkte an Anlässen.
In Zukunft kann sie sich jedoch auch vorstellen, diese vor Ort zu verkaufen – oder im Sinne einer solidarischen Landwirtschaft gemeinsam mit anderen Interessierten anzubauen und in Form von Abos abzugeben.
Idee soll überschwappen
Ihre Herangehensweise beschränke sich jedoch, so Gmür, keineswegs nur auf die Landwirtschaft, sondern lasse sich auf viele weitere Lebensbereiche ausweiten. So haben Gmür und Tröndle etwa das alte Bauernhaus im Sinne der Permakultur saniert und nachhaltige Baumaterialien verwendet, mit einer Regenwasserversorgung und einer nachhaltigen Heizung ausgestattet.
Und ganz generell ist es dem Paar ein Anliegen, eine Vision davon aufzubauen, wie ein Leben in Einklang mit der Natur in unserer Gesellschaft aussehen könnte. Das, so erklärt sie, «ist auch im Kleinsten möglich, auf dem Balkon, auf freien Flächen, Dächern in der Stadt oder in Gemeinschaftsgärten.»
Genau aus diesem Grund haben sie sich für das Projekt auch ein Haus in der Stadt ausgesucht: «Auf dem Land gibt es schon viele Permakulturprojekte. In der Stadt aber sind diese noch nicht so geläufig. Dabei ist hier das Potenzial besonders gross. Und wer weiss, vielleicht schwappt von unseren Ideen auch etwas in die Nachbarschaft über?»
Um über ihre Ansätze zu informieren, bietet Gmür deshalb verschiedene Weiterbildungen an: So kann man hier etwa einen Einführungskurs in die urbane Permakultur besuchen oder eine zweijährige Ausbildung in «Permakultur Design» absolvieren. Neben den theoretischen Inputs finden vor Ort auch gleich praktische Arbeitseinsätze statt, etwa der Bau einer Trockensteinmauer.
Musik hält alles zusammen
Just bei einem dieser Arbeitseinsätze wurde jüngst auch die Verbindung zwischen Tröndles musikalischer Passion und Gmürs Landwirtschaftsvision spürbar: Er begleitete die eher anstrengende Tätigkeit des Mauerbaus musikalisch – und damit wurde aus der Arbeit eine freudvolle Beschäftigung. «Das ist eine der grossen Qualitäten von Andreas», erklärt Gmür.
«Er kann mit der Musik und dem Tanz Räume für Hunderte von Menschen öffnen, sie zusammenführen.» Das sei auch der Grund, weshalb die beiden sich so gut ergänzten: «Ich bin die praktische, die sieht, was notwendig ist und das umsetzt, er gibt dem Ganzen mit seiner Musik und dem Tanz eine spielerische und bewegte Energie.»
Regelmässig finden deshalb auf dem Hof Tanzanlässe statt, immer mit Kopfhörern. So hat jeder Teilnehmende für sich sein eigenes intensives musikalisches Erlebnis, die Umgebung wird dadurch jedoch nicht gestört. «Tanzen», so erklärt der diplomierte Theologe Tröndle, der früher als Jugendseelsorger tätig war, «bedeutet für mich, mit der Natur und dem eigenen Körper in Verbindung zu gehen.»
Das habe etwas sehr Spirituelles. Genauso wie eine Landwirtschaft, die sich im Einklang mit der Natur befindet.





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