Va-sek-to-wie-bitte?

Vasektomie, die Unterbindung des Mannes, ist eine der sichersten Empfängnisverhütungen. Wie Stefan diesen Eingriffe erlebte und was der Urologe Dr. Ladislav Prikler zu berichten weiss.

1/2

Vasektomie war für Stefan* schon länger ein Thema. Mit über 40 und als Vater zweier Kinder betrachtete er seine Familienplanung als abgeschlossen. Und obwohl er geschieden war, konnte er sich nicht vorstellen, mit einer neuen Partnerin erneut Babys zu wickeln. Doch konkrete Gedanken an eine Unterbindung rüttelten zu seinem eigenen Erstaunen immer an den Grundfesten seiner Männlichkeit. Würde er, den man als Vorzeigemodell eines modernen Familienmannes bezeichnen durfte, der sich also überdurchschnittlich an der Kindererziehung und im Haushalt beteiligte, würde er durch die Sterilisierung nicht zum Eunuchen? In seinen Ohren sassen zwei sich zankende kleine Männer und sein Hirn wusste nicht, welchem es glauben sollte. Dem aufgeklärten im einen oder diesem Prototypen eines Ur-Machos im anderen? Er sah sie bildlich vor sich und das war nicht minder irritierend, denn der Aufgeklärte – er nannte ihn Sven – trug Selbstgestricktes und Birkenstocksandalen und der Macho, den er bald Sandro taufte, glich irritierend einer Bauarbeitercharaktere des Comiczeichners Ralf König, was gleich doppelt irritierend war, denn diese waren für gewöhnlich homosexuell. Oder waren das blosse Kastrationsängste? Wenn, dann grundlose, denn anders als bei einer Kastration werden bei einer Vasektomie weiterhin Spermien und das männliche Sexualhormon Testosteron produziert. Letztere gelangen direkt vom Hoden ins Blut, während die Spermien nicht mehr in den Samenleiter gelangen können und vom Körper noch im Hoden resorbiert werden, wie ihn Sven belehrte.

«Die meisten Vasektomien werden zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr vorgenommen», sagt der Urologe Dr. Ladislav Prikler. Nur rund 20 % der Männer hätten zum Zeitpunkt des Eingriffs noch gar keine Kinder. «Je jünger ein Mann ist, desto zurückhaltender sind wir.» Eine Zustimmung der Lebenspartnerin sei allerdings nicht notwendig. Fast schon klassisch sei es, dass gerade das letzte Kind gesund geboren wurde und dann eine Vasektomie durchgeführt werde. Dass manche Männer ihre Integrität als Mann gefährdet sehen, ist der psychologische Aspekt einer Vasektomie. Frauen, so Dr. Prikler, würden damit viel pragmatischer umgehen. (siehe auch Info-Box)

In Stefans Freundeskreis kam das Thema dann und wann zur Sprache. So als einer in geselliger Runde ein «Nesthäkchen» ankündigte oder ein anderer seinen «Fehltritt mit Folgen», sprich Alimentenzahlungen, beichtete. Immer war das die Stunde jener, die süffisant lächelten und sich mit einem «Das kann mir nicht mehr passieren» dem nächsten Schluck Bier widmeten. Was sie über den Eingriff selbst berichteten, reichte von «absolut problemlos» bis zu Komplikationen irgendwo zwischen zwei Wochen blaue Eier, happigen Entzündungen und einer spontanen Refertilisation, dem Zusammenwachsen der Samenleiter − die dann eben wieder ein Kind zur Folge gehabt hatte.

In seltenen Fällen, also irgendwo im tiefen einstelligen Prozentbereich, kann es zu einem spontanen Zusammenwachsen der durchtrennten Samenleiter kommen. Das geschieht aber meistens früh nach dem Eingriff: «Wenn nach drei Monaten keine Spermien mehr im Ejakulat nachweisbar sind, dann ist die Chance, zweimal nacheinander im Lotto zu gewinnen, wahrscheinlich grösser als dass eine spontane Refertilisation geschieht», beruhigt Dr. Prikler. Gründe, sich später regelmässig testen zu lassen, sieht er jedenfalls keine.

Als Stefan in seiner neuen Beziehung, nach einem «Betriebsunfall» mit einem defekten Kondom, nur mit Glück einer erneuten Vaterschaft entging, fand er sich eine Woche später im Wartezimmer der urologischen Praxis wieder. Sven und Sandro versuchten, die Gedanken der jungen Praxishilfe zu ergründen und gaben erst Ruhe, als sie im Besprechungszimmer dem Arzt gegenübersassen, der Stefan alle Fragen beantwortete.

Die meisten Männer kommen bereits gut informiert die Praxis: «Sie haben im Internet recherchiert und sich mit Freunden besprochen», so Dr. Prikler. Ein Thema seien aber immer die Schmerzen und die Operationstechnik, denn gerade für junge Männer sei es oft der erste operative Eingriff überhaupt. Wie sicher (sicher!) und definitiv (mit Vorbehalt!) der Eingriff sei, werde er gefragt und natürlich auch, wie der Sex danach sei. Auf die Potenz hat eine Vasektomie keinerlei Einfluss, wie bereits Sven Stefan erklärte. In Befragungen gaben zwei Drittel aller Männer an, der Sex sei danach gleich wie zuvor, für die anderen ist er sogar besser. Auch beim Ejakulat nimmt man weder farblich noch geruchlich einen Unterschied war und von der Menge her schon gar nicht, denn auch wenn plötzlich Millionen von Spermien fehlen, mengenmässig sind sie kaum auszumachen.

Freitag, der Tag der Operation. Stefan lag auf dem OP-Tisch. Abgedeckt mit grünen Tüchern. Selbst jetzt kam er nicht umhin noch zu denken, dass er alsbald so steril wie diese sein würde. Doch dann betrat der Arzt den Raum und versprühte zu Stefans Erleichterung echte Lockerheit. Die Praxishilfe hielt sich diskret etwas abseits, als würde sie sonst eine intime Männerrunde stören. «Nun spüren Sie zwei kleine Stiche», sagte der Arzt und setzte die lokale Anästhesie. Vom ersten Schnitt spürte Stefan nichts mehr und entspannte sich. Er würde sich ja melden können, wenn es unangenehm werden würde.

Dr. Prikler setzt zwei Schnitte seitlich am Hoden. In diesem «unebenen» Gewebe bleiben später nur kaum sichtbare Narben zurück. Von den beiden freigelegten Samenleitern werden drei Zentimeter entfernt, die Enden verödet und abgebunden. Ein selbstresorbierbarer Faden verschliesst die Operationsstelle.

Das Gefühl, als der Arzt den ersten der beiden Samenleiter mit der Klemme zu fassen bekam und etwas daran zog, erinnerte Stefan an damals auf dem Pausenhof, als ihn ein Fussball in die Weichteile getroffen hatte – und es paarte sich mit der Vorstellung, jemand zöge an seinen Eingeweiden. Eine Übelkeit zwei Stockwerke unter dem Magen. Unangenehm, ja. Aber war das ein Schmerz, bei dem ein Mann bereits wehklagt? Stefan fand, er dürfe das in Anbetracht der Umstände, und zudem hatte der Arzt offenbar seine Mimik beobachtet, denn er bot ihm eine weitere Schmerzspritze an, die Stefan dankend annahm. Danach fühlte er nur noch, dass an ihm «etwas manipuliert» wurde. Eine knappe Stunde später stand er im Tram. Die weiten Hosen verbargen die dicke Mullbinde in seinem Schritt bestens.

«Körperliche Anstrengungen sollte man generell nach Operationen meiden», erinnert Dr. Prikler, «denn allgemeine Schonung unterstützt die Wundheilung.» Zwei Ruhetage sind empfohlen, deshalb werden Vasektomien gerne auf einen Freitag eingeplant. Für zehn Tage sollte man schwerere körperliche Anstrengungen meiden, Alltagsaktivitäten kann man aber normal nachgehen. «Blutergüsse sind am häufigsten, das weiche Gewebe ist dafür fast prädestiniert: Vom Hoden bis zum Penis kann dabei alles blau werden. Da erschrickt man dann, eine Komplikation ist das aber eigentlich nicht, eher eine Nebenwirkung und die geht ganz von selbst wieder vorbei. Nur wenn übermässige Schwellungen auftreten oder sich etwas rot verfärbt, was auf eine Entzündung hindeuten würde, kann man von einer Komplikation sprechen. Das kommt aber im tiefen einstelligen Prozentbereich vor.» Gegen Schmerzen, wie sie nach jeder Operation auftreten können, wirken normale Schmerztabletten. Geschlechtsverkehr könne man dann wieder haben, wenn man sich selbst dazu in der Lage fühle – und erfahrungsgemäss sei Mann von selbst etwas zurückhaltend, bis die Wunde wirklich verheilt sei.

40 Orgasmen braucht es, um die letzten Spermien aus den Samenleitern zu spülen. Danach wäre Stefan bereit für den Labortest und den Nachweis der Unfruchtbarkeit. Auf den ersten Orgasmus nach dem Eingriff war er noch gespannt. Wäre wirklich alles wie vorher? Es war. Also begann er zu zählen – und vergass es irgendwann. Wie überhaupt den ganzen Eingriff. Bis er zufällig auf das Teströhrchen stiess, das ihm die Praxishilfe am Operationstag mitgegeben hatte. Anderntags brachte Stefan den Test ins Labor. Einige Tage später kam der Bescheid: Keine Spermien mehr gefunden. Was aber, wenn Stefan allen Überlegungen zum Trotz doch nochmals Kinder möchte?

Der Eingriff kann mit Mikroskopischer Chirurgie rückgängig gemacht werden. «Bis zehn Jahre nach dem Eingriff sind die Erfolgschancen heute relativ hoch. Man erreicht nahezu 100% Durchgängigkeit, die Kinderrate danach ist auch sehr hoch», sagt Dr. Prikler. Auch könnten Samen vor dem Eingriff tiefgefroren oder später direkt aus dem Hoden punktiert werden – beides ist teuer, aufwändig und wie lebhaft gefrorene Spermien nach 20 Jahren seien, wisse man auch nicht sicher – und deshalb sage er im Vorgespräch immer deutlich, dass eine Vasektomie endgültig sei.

Heute denkt Stefan, er hätte den Eingriff schon Jahre früher vornehmen sollen. An seinem Mannsein hat diese knappe Stunde auf dem OP-Tisch nichts verändert. Manchmal vergisst er sogar, dass er unterbunden ist. Einzig etwas erschreckt ihn manchmal: Sobald er gegenüber neuen sexuellen Kontakten erwähnt, dass er unterbunden ist, seien Präservative kein Thema mehr. Ein Déjà-vu-Erlebnis für alle wie ihn, die ihre ersten sexuellen Erfahrungen in der Prä-HIV-Zeit erlebt hatten. Seine eigene Unbekümmertheit sei erschreckend, aber auch jene der Frauen − speziell jener, die im HIV-Zeitalter gross geworden sind. Ganz davon abgesehen, dass ein Präservativ auch Schutz vor allen anderen sexuell übertragbaren Krankheiten bedeutet. «Diese Bereitschaft zum ungeschützten Sex», sagt Stefan mit Blick auf sich selbst, «zeigt nur, dass das männliche Steuerorgan manchmal tatsächlich nicht zwischen den Ohren einquartiert ist.» Und was wurde aus Sven und Sandro? Sie versöhnten sich und liessen Stefan einfach Mann sein.

*Name geändert

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten der definitiven Verhütung: Die Unterbindung des Mannes oder jene der Frau. Beim Mann ist es ein viel kleinerer Eingriff, eine Vollnarkose ist selten nötig. Somit sind die intra- wie postoperativen Risiken viel kleiner. «Weltweit lassen sich pro Jahr 180 Millionen Frauen, aber nur 43 Millionen Männer unterbinden. Dieses Verhältnis ist eigentlich schockierend», betont Dr. Ladislav Prikler. Deutlich sind auch länderspezifische Unterschiede: Während sich zum Beispiel in Holland mehr Männer als Frauen sterilisieren lassen, standen 1995 in der Schweiz 14 % Frauen 8 % Männern gegenüber. Am anderen Ende der Statistik stehen Länder wie Brasilien mit 40 % Frauen- und nur 3% Männeranteil. Es gibt also kulturell bedingte Unterschiede: In männerdominierten Gesellschaften lassen sich öfters Frauen unterbinden. Doch, so vermutet Dr. Prikler, auch die Geschichte hat einen Einfluss: «Die Frau war immer schon für die Geburtenkontrolle verantwortlich und übernimmt deshalb diesen Part häufiger – ungeachtet dessen, dass der Eingriff für sie gefährlicher ist.» Dr. Ladislav Prikler arbeitet in der Praxis Uroviva – Urologie Höngg Frankentalerstrasse 1, 8049 Zürich Telefon 044 340 00 33 www.uroviva.ch