Und wie war die Jugend früher?

«Die Jugend von heute …» hört man ja immer wieder einmal, meist folgt nicht viel Nettes nach diesem Anfang. Doch war die Jugend früher denn so anders?

1965: Nach der Matur reiste Peter Näf per Autostopp nach Israel. Hier bewacht er das Kibbuz Hanita an der libanesischen Grenze.
1979: Pascale Suter wollte früh unabhängig sein und die Welt entdecken.
1987: Jürg Hangartner machte einen steilen Einstieg in die Jugend und verbrachte viel Zeit im Jugendforum Höngg. Die Ähnlichkeit mit Sänger Sting ist frappant.
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War die Zeit zwischen 14 und 25 Jahren früher anders als heute? Gingen in den 70er Jahren alle gegen den Krieg auf die Strasse? Wie waren die 80er Jahre in Zürich? Welche Themen waren wichtig in welchen Zeiten? Drei Personen erzählen aus ihrer Jugend. Es sind individuelle Geschichten und dennoch zeigen sie Zeitgeschichte. Oder was es heisst, jung zu sein.

Peter Näf – der Entdecker

In der Kindheit verbrachte ich viel Zeit auf dem Hönggerberg. Ein Freund und ich durchstreiften gemeinsam den Wald, fanden tote Wildtiere, sammelten Trophäen. Zu dieser Zeit waren die Karl-May-Bücher meine Welt. Später wurden diese Streifzüge durch den Sport abgelöst: Wir übten Hoch- und Weitsprung auf dem Sportplatz. Im Lachenzelg lehrte damals der Zehnkämpfer Walter Tschudi, den verehrte ich sehr. Am Gymnasium habe ich dann auch Leichtathletik gemacht und Handball gespielt. Sport und die Berge, das hat uns unser Vater mitgegeben, er war Dauerläufer im Militär. In den Ferien ging es nach Klosters, wo wir bei einem Bauern wohnten und Bergtouren unternahmen. Damals gab es noch keine Skilager im heutigen Stil. Immer ein grosses Thema waren natürlich die Mädchen. Im Mathematischen Gymnasium waren wir eine reine Bubenklasse, Mädchen waren dort noch gar nicht zugelassen. Also haben wir die Schülerinnen von der Tochterschule zu einem Fez im Gymi eingeladen. Einmal im Monat gab es ausserdem ein «Teen-Meet», wo sich alle Kantonsschülerinnen und -Schüler am Gymi Freudenberg trafen. Der Eintritt kostete fünf Franken, wir verkauften Coca-Cola und durften dafür gratis rein. Die ganze Sexualität war aber ein Tabuthema, die Kirche bläute uns ein, dass das eine schlechte Sache sei. Mein erstes Mal hatte ich erst mit 21, da sind die heutigen Jugendlichen schon viel früher dran.

Früher traf man sich in Höngg am Sonntag nach der Kirche und ging zusammen kegeln oder machte einen Ausflug auf den Uetliberg. Auch die Pfadi war ein Treffpunkt, dort gab es irgendwann eine Mädchengruppe, so habe ich meine erste Frau kennengelernt. Schon früh zog es uns in die Ferne, wir wollten die Welt entdecken. Fliegen kam damals noch nicht in Frage, ein Auto konnten wir uns nicht leisten. Also fuhren wir mit 16 Jahren mit dem Velo nach Italien. Um Mitternacht erreichten wir todmüde den Julierpass – wir hatten die Strecke völlig unterschätzt. Später fuhren wir per Autostopp bis nach Liverpool oder mit der Vespa nach Südfrankreich. Wir waren sehr abenteuerlustig und naturverbunden. Die Eltern liessen uns machen. Ein einziges Mal hat sich meine Mutter Sorgen gemacht. Da brachen ein Freund und ich auf, um per Autostopp um das Mittelmeer zu reisen. Sonst sagte sie eigentlich nie etwas, ob wir jetzt am «Chindlistei» am Uetliberg klettern gingen oder uns mit dem Autopneu die Limmat hinuntertreiben liessen, ohne schwimmen zu können. Natürlich erzählten wir ihr auch nicht immer, was wir genau gemacht hatten.

In der katholischen Kirche existierte damals noch die Jungmannschaft, ich gehörte noch der letzten Gruppe an. Als sich diese auflöste – ich war damals 22 – gründeten Felice Suter und ich das Jugendforum, das es heute noch gibt. Als Erstes organisierten wir ein Gründungsskilager. Später mussten wir zwei Gruppen machen, weil der Andrang so gross war. Zur selben Zeit ging es mit den Demonstrationen los. Die Zürcher Jugend wollte ein Jugendzentrum, dort wo heute der Carparkplatz ist. Auch ich lief dort mit, teilweise aus Überzeugung, teilweise, weil man halt dabei sein wollte. Es war auch ein Kampf gegen das Establishment. Auf Flugblättern riefen die Linken dazu auf, Dachlatten mitzunehmen, um ein symbolisches Jugendhaus aufzubauen, aber es war klar, dass die eher zum Prügeln dienen würden. Die Polizei reagierte darauf mit Tränengas und Gummischrott, es kam zu regelrechten Strassenschlachten. Schliesslich erhielten die Zürcher Jungen ihr «Drahtschmidli» und den Bunker.

Jürg Hangartner – der Tänzer

Meine Jugend in Höngg begann eigentlich erst mit 18 Jahren so richtig. Das war 1974. Zuvor hatte ich zuerst die Katholische Sekundarschule in der Stadt absolviert und war dann für zwei Jahre nach St. Gallen gezogen, um die Verkehrsschule zu machen. Als ich danach nach Höngg zurückkam, kannte ich fast niemanden mehr. Ein Kollege aus der Sek nahm mich mit ins Jugendforum der Pfarrei Heilig-Geist, das auch heute noch unter dem Namen Jufo bekannt ist, und ab diesem Moment verbrachte ich jede freie Minute dort. Das war sozusagen mein Steileinstieg in die Jugend. In Zürich gab es damals nicht viele Angebote für Jugendliche. Drei, vier Diskotheken im Zentrum, die wir uns aber nicht leisten konnten. Deshalb war das Jufo bei vielen beliebt. Es kamen immer etwa 30 bis 50 Leute. Jeden Freitag- und Samstagabend wurde laute Musik gespielt und getanzt. Heute scheint tanzen nicht mehr so angesagt zu sein, aber für uns war das sehr wichtig. Das Team der katholischen Kirche, das den Raum zur Verfügung stellte und das Programm betreute, schuf ein Umfeld, in dem wir uns frei bewegen konnten. Vor allem Vikar Urs Boller verdankten wir viel, er wurde später auch zu einer wichtigen Person im Zusammenhang mit den Jugendunruhen der 80er-Jahre. Es gab noch andere Jugendgruppen im Quartier. Da war natürlich die Pfadi, die machten aber ihr eigenes Ding. Oder die reformierte Gruppe, Dynamis, mit denen hatten wir ab und zu Kontakt.

Die Eltern waren damals eher strenger als heute. Ich persönlich hatte aber immer ein gutes Verhältnis zu meinen. Nach den Jahren in St. Gallen besass ich bereits eine gewisse Unabhängigkeit. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater ein einziges Mal versuchte, mir vorzuschreiben, wann ich zu Hause sein sollte. Als das nicht klappte, hat er es akzeptiert und nie wieder etwas gesagt. Ich hatte das Gefühl, er musste es einfach tun, weil er ja die Vaterrolle hatte. Der Umweltschutz war ein Thema, es war die Zeit des ersten Ölschocks mit den autofreien Sonntagen. Das war schon prägend: Da ging die ganze Bevölkerung auf der Autobahn spazieren und velofahren. Unvergesslich. Wir diskutierten über Wehrdienstverweigerung, Atomkraft und die ersten Flugzeugentführungen durch Palästinenser. Aber es war jetzt nicht so, dass alle politische Aktivisten waren in dieser Zeit. Wie der heutigen Jugend war auch uns das Vergnügen wichtig – und das andere Geschlecht. In diesem Alter hat man das Leben noch vor sich, da ist man trotz aller Weltkrisen noch zuversichtlich.

Pascale Suter – die Freiheitsliebende

Die Jugend begann bei mir schon früh. Mit zehn, elf Jahren ist man zum ersten Mal verliebt, geht an den ersten Fez, macht den ersten Blödsinn. Als ich in die Pubertät kam, gab es einen rechten Bruch zwischen meinen Eltern und mir. Davor haben wir als Familie viel zusammen unternommen, gingen an den Wochenenden bräteln, Pilze suchen oder wandern. Bei uns zu Hause waren die Rollen traditionell verteilt, mein Vater war der Chef. Meine Mutter arbeitete teilzeit, war für die Kinderbetreuung und den Haushalt zuständig. Das stimmte so für die beiden, aber ich fand schon damals: Ich möchte selbstbestimmt sein. Dieses klassische Familienbild behagte mir nicht, ich habe nie verstanden, wieso ich als Frau nicht dieselben Freiheiten haben sollte wie die Männer. Was damals fehlte, waren Vorbilder, andere Lebensmodelle. Die gab es ja in Künstlerkreisen schon immer, aber in meinem Umfeld nur wenige. Ich sehnte mich richtiggehend danach. Die Gesellschaft und Arbeit, speziell die Geschlechterrollen interessieren und beschäftigen mich noch heute.

Gefeiert haben wir vor allem bei anderen zu Hause, aber auch im Jugendforum und im Sonnegg. In diesen Jugendräumen konnten wir ungestört Musik hören und tanzen oder einfach hängen. Das war in den 70er-Jahren. Die Jeans war ganz neu auf dem Markt, die Mode war farbenfroh. Mit meiner viereinhalb Jahre älteren Schwester durfte ich schon sehr früh am Wochenende nach Wipkingen ins GZ, ins «Thirteen», die Disco. Das war wichtig für mich: Ich wollte raus, dabei sein, etwas erleben. Ich gehörte wohl zu denen, die Angst hatten, etwas zu verpassen. Im Winter gingen wir zum Schlittschuhlaufen ins Heuried. Oder trafen uns am Hirschenplatz im Niederdorf und an der Bahnhofstrasse. Oft machten wir auch einfach am Meierhofplatz ab. Damals gab es noch das Restaurant Rebstock und ein Kino. Von dort zogen wir weiter, mal hinter die Kirche, mal an den Waldrand auf dem Hönggerberg oder auf die Werdinsel. Die war damals noch nicht so überbevölkert wie heute. An die Dorffeste wie das Wümmetfäscht oder den Martin Cup gingen wir auch. Da ging es aber oft darum, sich zu betrinken, seien wir ehrlich. Lange war auch in der Stadt nichts los. Es gab ja noch keine offene Gastro-Szene, lediglich eine Handvoll Clubs und die waren teuer und nicht so lange geöffnet und hatten ein Alterslimit.

Die 70er und 80er waren eine bewegte Zeit. Damals kamen die Drogen auf, Heroin war ein Thema unserer Generation. Viele Leute, die ich aus dieser Zeit kenne, sind auf Drogen abgestürzt, einige gestorben. Ich selber hatte glücklicherweise zu viel Respekt davor. Aber es gab klare Gruppierungen: Da waren die Poppers, die Teds, die Freaks, die politisch Aktiven, die Braven. Ich war ein Popper, aber die Kategorien waren mir zu eng. In den 80er-Jahren gingen wir an die AJZ-Demos, sammelten Gummigeschosse, aber richtig aktiv war ich da nicht. Obwohl man die Probleme wie die Ölkrise und die Umweltdiskussionen mitbekam, lebte ich eigentlich in meiner Teenager-Welt. In dieser waren Freunde, Musik und Tanzen immer elementar, über Jahrzehnte hinweg. Und ich wollte in die Welt hinaus und sie entdecken, andere, fremde Menschen kennenlernen. Mit 16 Jahren ging ich schliesslich für ein Jahr ins Tessin, danach nach Paris und Brasilien. Für mich war immer klar: Ich mache eine Lehre und stehe so bald wie möglich auf eigenen Beinen. Ich wollte unbedingt unabhängig sein. Das habe ich nie bereut.

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