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Terra Verde: Die nächste Generation übernimmt

23. September 2021 von

Aufhören ist leichter, wenn jemand Gutes nachrückt.
Foto: Patricia Senn

Aufhören ist leichter, wenn jemand Gutes nachrückt.

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23. September 2021

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23. September 2021
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Nach 25 Jahren ist es für die Bio-Pioniere Verena und Jürg Weber Zeit, sich aus dem täglichen Geschäft zurückzuziehen. Sie übergeben ihr Label «Terra Verde» in die besten Hände.

Die Erfolgsgeschichte des Bio-Gourmet-Labels «Terra Verde», beheimatet in der alten Fabrik Am Wasser, begann vor mittlerweile 26 Jahren mit einem Besuch im Cilento Nationalpark in der Region Kampagnen in Süditalien. Das Ehepaar Verena und Jürg Weber starteten gemeinsam mit einem befreundeten Professor das sozial-ökologische Projekt «Nuovo Cilento», das zum Ziel hatte, die Olivenproduktion der einheimischen Bauern anzukurbeln und gleichzeitig durch den biologischen Anbau die Natur und Biodiversität zu erhalten. Ein Jahr später waren das Label und der Laden «Terra Verde» geboren. Kaum zu glauben, dass die Bio-Pioniere bereits ein Viertel Jahrhundert lang an der Umsetzung einer nachhaltigen und fairen Landwirtschaft arbeiten. Terra Verde. Das ist kein Geschäft, es ist eine eigentliche Lebenseinstellung. Auch jetzt, wo die Zeit gekommen ist, sich altersmässig etwas aus dem täglichen Geschäft zurückzuziehen. Das eigene Kind aus den Händen zu geben, mag nicht einfach sein. Aber es fällt sicherlich leichter, wenn auf der anderen Seite jemand steht, der zupacken kann und mit demselben Feuer für die Sache brennt. Und hier zeichnet sich schon ab, dass mit Martin Schiller und Giuseppina Visconti zwei Menschen für die Geschäftsleitung gefunden wurden, die dieselben Werte teilen, die auch das Ehepaar Weber immer schon gelebt haben. Man kommt nicht umhin zu denken: ja, das passt.

Dieselben Werte zu teilen, verbindet

Martin hatte Jürg schon einige Male zu anderen Gelegenheiten getroffen – man kennt sich in der Szene bald. Mitten im Studium zum Umweltingenieur hatte er unter anderem den Verein grassrooted, der durch Gemüse-Rettungsaktionen bekannt wurde, mitbegründet. Als Jürg ihn wissen liess, dass sie jemanden für die Geschäftsleitung suchen, bewarb er sich – und setzte sich gegen 39 Mitbewerber*innen durch. «Er war zwar der Jüngste, aber sein Wissen und sein Engagement, das er bereits vorweisen konnte, überzeugte uns sofort», erinnert sich Jürg. Er gerät ins Schwärmen, ein bisschen wie ein stolzer Vater. «Er teilt mit uns nicht nur dieselben Werte, sein Fachwissen ist bemerkenswert. Dazu besitzt er eine Sozialkompetenz, die mich immer wieder beeindruckt». Die Sympathie ist ganz offensichtlich gegenseitig. «Im Frühling sind wir gemeinsam durch Italien gereist, um die Produzenten zu treffen», erzählt Martin. «Das war wie ein Roadtrip mit einem alten Freund». Im Herbst stehe nochmals eine Reise an, dort werde die ganze Familie inklusive Eltern mitreisen. Die Familie spielt eine zentrale Rolle. Giuseppina Visconti, seit mittlerweile fünf Wochen verantwortlich für Marketing und Verkauf, schätzt das sehr. «Ich komme ursprünglich aus der Werbung, habe als letztes aber im Marketing und Fundraising für eine NGO gearbeitet», erzählt die gebürtige Italienerin, die wie Martin auch in Zürich lebt. «Was mir neben dem guten Arbeitsklima besonders gefällt, ist die Ganzheitlichkeit, mit der das Team ihren Anspruch an Nachhaltigkeit lebt. Das sind nicht nur schöne Worte, sie halten sich in jedem Bereich ihres Lebens an ihre eigenen Massstäbe», sagt Giuseppina anerkennend. Sie hält für sich dieselben Werte hoch, nun freut sie sich darauf, sich so viel Fachwissen wie möglich anzueignen.

«Wir alle können Teil der Lösung sein»

Seit Beginn der Corona-Krise ist die Nachfrage nach biologischen Produkten stark angestiegen. Auch Terra Verde wurde mit Anfragen eingedeckt und musste neues Personal einstellen, um die Aufträge bewältigen zu können. Es kam zu Engpässen bei den Lieferanten. «Den Mut zu haben, auch mal zu sagen, dass es ein Produkt gerade nicht zu kaufen gibt, finde ich richtig und wichtig», meint Martin. In Zukunft noch wichtiger werden soll die Wissensvermittlung im Bereich nachhaltige Landwirtschaft, Umgang mit Nahrungsmitteln und der Grundsatz, dass die Wertschöpfung an der Quelle geschieht, nämlich bei den Produzent*innen. «Wir Menschen können Teil der Lösung sein», davon ist der neue Geschäftsführer überzeugt. «Die Zeit ist wieder reif dafür», meinen auch Verena und Jürg. Es sei deutlich spürbar, dass die Bevölkerung, Institutionen und die Gastronomie für die Thematik sensibilisiert sei, was sich auch in der steigenden Nachfrage nach Bio- oder Fairtrade-Produkten zeige. Angst vor Konkurrenz hat der Nachwuchs keine: «Wir werden uns unsere Nische bewahren können, weil wir keine Kompromisse machen».

Mehr Zeit für Hobbies

Und wie sieht die Zukunftsplanung der mittlerweile stolzen Pensionär*innen aus? «Wir werden uns ganz langsam in eine beratende Funktion, ähnlich eines Verwaltungsrats zurückziehen», meint Verena. Loslassen ist für beide nicht ganz einfach, auch schätzen sie die Gesellschaft der Jungen sehr. «Irgendwann nervt es vielleicht aber auch, wenn wir jeden Tag hier unser Gipfeli in den Kaffee tunken», sagt Jürg lachend. Noch sei er eigentlich recht froh darum, sich ab und zu Rat holen zu können, entgegnet Martin. Auswandern ist für das Ehepaar kein Thema: «Unsere Familie und Freunde sind hier, wir sind in Höngg stark verankert, es gibt keinen Grund, hier wegzuziehen», meint Verena. Neben dem Musizieren im Sinfonie-Orchester Sinfonietta Höngg möchte sie sich wieder intensiver dem Malen widmen, ein Hobby, das lange etwas brachlag. Jürg träumt davon, seine begonnene Radtour Zürich-Ragusa fertigzuführen, «diesmal aber wahrscheinlich mit dem E-Bike», meint er augenzwinkernd.

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