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Kultur

«Tanzen auf der Erdkrümmung»

28. September 2020 von

Yves Baer, Präsident des ZSV, freut sich auf die Mammutlesung im Oktober.
Foto: Patricia Senn

Yves Baer, Präsident des ZSV, freut sich auf die Mammutlesung im Oktober.

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Online seit
28. September 2020

Printausgabe vom
01. Oktober 2020
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Am 24. Oktober findet die Mammutlesung des Zürcher Schriftstellerverbands (ZSV) im Rahmen von «Zürich liest 2020» im Fasskeller von Zweifel 1898 statt. Der «Höngger» hat mit dem Präsidenten, Yves Baer, gesprochen.

Der ZSV organsiert im Rahmen von «Zürich liest» eine Buchvernissage mit Mammutlesung im Fasskeller von Zweifel 1898. Wie kommt es dazu?

Der Fasskeller ist ein perfekter und traditioneller Ort für Literatur. Von 2002 bis 2012 engagierte ich mich im Vorstand des Forum Höngg, dessen Präsident damals mein Vater war. Wir veranstalteten Konzerte und Lesungen im Fasskeller. Auch Maja Zweifel wirkte bis zu ihrem viel zu frühen Tod im Vorstand des Forums mit. Damals lernte ich den Raum kennen und schätzen. Bei unseren Lesungen traten mit Roger Graf, Charles Lewinsky, Eveline Hasler, Maria Becker und Urs Widmer die Crème der Schweizer Literatur auf. In Erinnerung daran fragte ich mit dem ZSV für unsere Mammutlesung an und ob wir nicht die alte Tradition wieder aufnehmen könnten. Der ZSV wurde mit offenen Armen empfangen, was für mich eine grosse Freude ist.

Was erwartet die Gäste an der Mammutlesung?

Nur das Beste: Unser neues Jahrbuch, «Tanzen auf der Erdkrümmung», wird während «Zürich liest» veröffentlicht. Darin spiegelt sich das reiche literarische Schaffen Zürichs und der Ostschweiz wieder; 25 Autor*innen veröffentlichen darin Lyrik oder Prosatexte: Vom Haiku über die Nacherzählung eines Justizskandals in den 1990er-Jahren bis hin zur Science-Fiction-Kurzgeschichte und ersten Gedichten über den Corona-Lockdown in diesem Frühling. Gut die Hälfte der Autor*innen wird ihre Jahrbuchtexte vorlesen.

Früher dauerte die Mammutlesung einen Tag, jeweils vier Schriftsteller*innen lasen während einer Viertelstunde. Nun haben wir das Konzept geändert und stellen unser Jahrbuch ins Zentrum.

Der ZSV wurde 1942 geründet. Wie steht es um die Mitglieder?

Die Mitgliederzahl von 120 Schreibenden per se sagt nichts aus. Letztes Jahr war Res Perrot mit seinen in Zürich handelnden Grossenbacher-Krimis unser erfolgreichster Autor, dieses Jahr ist es die Liechtensteinerin Doris Röckle mit ihren beiden in diesem Jahr erschienenen historischen Romanen über das mittelalterliche Rheintal und Konstanz. Seit den 1980er-Jahren vertritt der ZSV auch die Autor*innen der Ostschweiz. Unsere Mitglieder stammen aber aus dem gesamten Zürcher Einzugsgebiet, von der Ostschweiz über Basel, Bern und Luzern. Zudem haben wir ein Vorstandsmitglied aus dem Vorarlberg.

Zu unseren bekanntesten Mitgliedern zählten Alfred A. Häsler («Das Boot ist voll») oder der in Höngg wohnhafte Otto Steiger (Der rote Steiger). Im 68er-Kulturkampf wurde der ZSV von der NZZ als links verteufelt. Was Blödsinn ist, denn der Verband ist politisch neutral, obwohl wir uns auch über profilierte Mitglieder freuen. Max Frisch sagte, dass man nicht gleichzeitig Schriftsteller und Politiker sein kann, bestenfalls politisierender Schriftsteller oder ein schriftstellernder Politiker. Unsere Mitglieder sind vieles, Arztgehilfin, Lehrer, Pfarrerin. Viele sind Rentner. Und einige geben ihre Bücher im Selbstverlag heraus.

Sie sind seit bald zwei Jahren Präsident des ZSV. Worauf freuen Sie sich in Ihrer neuen Position am meisten?

Als Verband sollten wir nur zu ausgewählten Gelegenheiten im Fokus stehen, sonst gebührt unseren Mitgliedern mit ihren Büchern die Aufmerksamkeit. Wendy Holdener wurde wegen ihres Talents Olympiasiegerin. Sie profitiert aber von den Strukturen und der Förderung durch den Skiverband. Wenn wir als Verband eine literarische Wendy Holdener entdecken und fördern können, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem ZSV?

Stelle ich mich jeweils als Präsident des ZSV vor, finden dies die Männer cool und die Frauen strahlen mich an, als ob ich sie als George Clooney um Rahm für meinen Nespresso gebeten hätte. So etwas habe in meinem Leben noch nie erlebt. Darauf lässt sich aufbauen. Mit unseren Publikationen, dem Jahrbuch und der Zeitschrift Wort sowie unseren Lesungen, schaffen wir unseren Mitgliedern Öffentlichkeit. Mein Ziel ist es, die Reichweite zu vergrössern, dass man den Verband kennt und weiss, was sein Angebot ist.

Was sind heute die Aufgaben eines Schriftsteller*innen-Verbandes?

Noch nie war es so einfach wie heute, auf Amazon oder anderen Online-Plattformen oder über Print On Demand als Eigenverleger seine Werke zu veröffentlichen. Doch was geschieht danach mit einer Autorenseite, die kaum jemand besucht oder dem Keller voller Bücher? Hier kommen wir ins Spiel.

Wie wirkt sich Corona auf die Lesung aus?

Es gelten die üblichen Schutzmassnahmen wie die temporäre Adresserfassung für das Contract-Tracing. Vielleicht gilt dann eine generelle Maskenpflicht. Als Veranstalter macht uns die Unplanbarkeit der Situation am meisten zu schaffen. Im März untersagten uns die Behörden nur einen Tag zuvor, die Lesung durchzuführen. Das kann wieder passieren. Weshalb ich unser Publikum nur bitten kann, sich am Veranstaltungstag auf unserer Webseite über den genauen Ablauf zu informieren.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

 

ZSV-Mammutlesung mit Jahrbuchvernissage «Tanzen auf der Erdkrümmung» im Rahmen von «Zürich liest 2020».

Samstag, 24. Oktober, ab 15 Uhr, Fasskeller Zweifel 1898, Regensdorferstrasse 20.   

Grosser Büchertisch. Eintritt frei, Kollekte. Es gelten die üblichen Covid-Schutzmassnahmen. Aktuelle Informationen unter zsv-online.ch

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28. September 2020

Printausgabe vom
01. Oktober 2020
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