Stricken tut der Seele gut

Zum internationalen Tag des öffentlichen Strickens wurde auch in Höngg gemeinsam «glismet». Im Gärtchen vor dem Wolleladen «Unikat» trafen sich Handarbeiter*innen zum gemütlichen Beisammensein.

Dass Stricken eine entspannende und wohltuende Wirkung hat, ist an diesem «Tag des öffentlichen Strickens» ganz offensichtlich. (Foto: Dagmar Schräder)

Der 11. Juni ist der internationale «Tag des öffentlichen Strickens». Nicht gewusst? Das ist verzeihlich, denn angesichts der Vielzahl an internationalen Tagen  – vom Tag der Brailleschrift bis zum Tag des Vorlesens – kann man schon mal den Überblick verlieren. Über 100 derartige internationale Aktionstage lassen sich in der Literatur finden.

Unterschätztes Hobby

Und Mitte Juni widmet sich nun einer dieser Tage explizit der traditionellen Handarbeitskunst des Strickens. Es geht unter anderem darum, dieses Handwerk oder Hobby wieder etwas bekannter zu machen und gleichzeitig dessen sozialen Charakter zu stärken. Stricken ist nämlich viel besser als sein Ruf. Es ist nicht nur ein sinnvolles Hobby, aus dem im Idealfall etwas durchaus Brauchbares resultiert, von dem oftmals mehrere Generationen von Beschenkten profitieren können. Nachhaltigkeit garantiert. Es wirkt zudem, das haben Studien ergeben, auch entspannend und stressmindernd. Durch die Ausführung der immer gleichen Bewegungen, so wird in mehreren Journalen das Harvard Medical Institute zitiert, sei der Entspannungszustand beim Stricken demjenigen beim Yoga vergleichbar.  Und sogar politisch kann Stricken sein: so wurde es im 1. Weltkrieg etwa in Frankreich gar als Geheimcode verwendet, um dem britischen Geheimdienst Informationen über geplante Aktionen des deutschen Militärs zu übermitteln.

Gemeinsamkeit zelebrieren

So trifft man sich am internationalen Tag des öffentlichen Strickens an öffentlichen Plätzen zum gemeinsamen Maschenproduzieren. Auch in Höngg wird der besondere Tag begangen: im Garten vor dem kleinen Quartierladen «Unikat», direkt am Meierhofplatz, laden die Inhaberinnen zum Beisammensein ein. Ab zehn Uhr morgens bis zum Nachmittag sind sie vor Ort und heissen alle herzlich willkommen, die mitstricken möchten. Beim Besuch des «Hönggers» am Nachmittag sitzen sechs Frauen lauschig im Schatten des Lindenbaums rund um einen grossen Tisch, jede mit ihren Stricknadeln in der Hand, Kaffee oder ein Gläschen Weisswein gehört auch dazu.  Jede arbeitet an ihrem eigenen Projekt: da wird etwa ein Netz angefertigt, mit dem ein Baum ummantelt werden soll, ein Tuch mit einem komplizierten Muster oder ein Pullover. Auch gehäkelt wird am Tisch. Die Stimmung ist friedlich und ungezwungen, es wird geplaudert und gefachsimpelt – wobei es bei den Gesprächen durchaus nicht nur um die Handarbeit geht.   

Stricken gegen Einsamkeit

Denn gemeinsam strickt es sich einfach besser. Zwar lasse sich dem Hobby auch gut abends vor dem Fernseher nachgehen, lachen die Anwesenden, wobei man dann jeweils mehr Fernsehen höre als schaue. Doch mehr Spass mache es in Gesellschaft. Das wissen auch die Ladeninhaberinnen und bieten das gemeinsame Stricken deshalb nicht nur einmal jährlich, sondern auch zwischendurch immer wieder mal an. Bei diesen Gelegenheiten können nicht nur Wolle eingekauft und Tipps abgeholt werden, wichtig ist auch der Austausch und die soziale Komponente.
«Im November vergangenen Jahres ist mein Mann verstorben. Mir ging es danach nicht so gut. Meine Tochter hat die Information erhalten, dass hier im Höngg mittwochs jeweils gemeinsam gestrickt wird und mir vorgeschlagen, doch auch mal teilzunehmen. Ich muss sagen, das hat mir sehr gutgetan», erklärt etwa Verena Niklaus ihre Motivation. «Ich war als Witwe plötzlich ziemlich alleine – das Stricken hat mir aus meiner Einsamkeit herausgeholfen.»
Stricken ist zudem auch ein Hobby, das überall ausgeübt werden kann. Da braucht es keine komplizierte Infrastruktur, Nadeln und Wolle sind schnell eingepackt und nicht schwer zu tragen: «Ich gehe nirgends hin ohne mein Strickzeug», gesteht Silvia Eggli Christen, eine der vier Inhaberinnen des «Unikats». Auch in die Ferien kommt die Wolle natürlich mit.

Nur die Männer fehlen

Nur die Männer fehlen an diesem Nachmittag am Tisch. Auch zum Wollekauf kämen fast ausschliesslich Frauen in den Laden, erklärt Eggli Christen. Schade eigentlich, finden die Anwesenden. Dass das Stricken allgemein doch eher als Frauenangelegenheit wahrgenommen wird, ist übrigens eine neuere Erscheinung: noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als das Stricken als Handwerk galt, war es eine Männerdomäne. Erst später übernahmen zunehmend Frauen diese Tätigkeit, bis mit der industriellen Revolution und der Erfindung der Strickmaschine das Handstricken nach und nach zu einer  – vornehmlich weiblichen – Freizeitbeschäftigung wurde. Doch auch das kann sich wieder ändern. Denn, wie gesagt: stricken hat auch eine politische Komponente.

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