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Dorfleben

Sozialer Pazifist und unbequemer Zeitgenosse

23. September 2021 von

Pfarrer Paul Trautvetter mit der Konfirmandenklasse 1939 vor der Kirche.
Foto: Foto: R. Lattmann, Ortsmuseum Höngg, Ortsgeschichte Höngg.

Pfarrer Paul Trautvetter mit der Konfirmandenklasse 1939 vor der Kirche.

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23. September 2021

Printausgabe vom
23. September 2021
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Der Höngger reformierte Pfarrer Paul Trautvetter (1889-1983) wusste zu begeistern, eckte aber auch immer wieder an. Ein kurzes Porträt.

Früher waren die Kirchen voll, auch in Höngg, dem Weinbauerndorf bei Zürich, das bekanntlich im Jahre 1934 eingemeindet wurde. Der Pfarrer galt etwas im Dorf, war eine Respektsperson, wenn auch nicht alle Pfarrgenossinnen und Pfarrgenossen die Ideen des Pfarrers teilten, im Gegenteil: Stand er politisch weit rechts, legte er sich mit den Arbeitern und deren Familien an, stand er weit links, drohte Widerstand aus bürgerlich-gewerblichen Kreisen. Einer, der trotzdem wenig Rücksicht nahm auf solche Machtverhältnisse, war der im Jahre 1889 in Pfäffikon ZH geborene reformierte Pfarrer Paul Trautvetter, der aneckte, aber seine Schafe auch zu begeistern wusste.
Paul Trautvetter wohnte mehr als drei lange Jahrzehnte, von 1918 bis 1953, im Höngger Pfarrhaus und wirkte von dort aus intensiv in die Gemeinde hinein. Er war Anhänger des «religiösen Sozialismus» des ehemaligen Bündner Professors für Theologie und Aussersihler «Armenpfarrers» Leonhard Ragaz. Leonhard Ragaz vertrat pazifistische und sozialistisches Ideengut, dem sich auch sein Schüler Paul Trautvetter verschrieb. Trautetter und Ragaz predigten ein soziales, antikapitalistisches Christentum, mutig, entschlossen, nicht nur die Jugend begeisternd. Doch Pfarrer Trautvetter predigte auch die Alkoholabstinenz, ganz so wie sein Vorbild Leonhard Ragaz, denn im Alkoholismus sah er einen Hauptgrund für die soziale Verelendung der Arbeiterschaft. Auch mit diesen Gedanken eckte er im Winzerdorf an, fand aber auch begeisterte junge Anhängerinnen und Anhänger die sich in der Jugendgruppe Iduna (für Mädchen) formierten.
Paul Trautvetter benützte die Kanzel als Medium. Er predigte feurig gegen den Militarismus, gegen den Schiessbefehl Genfer Rekruten im Jahre 1932, die mehrere streikende Arbeiter getötet hatten, indem sie in die Menge schossen. Die Armee war mehr noch als heute eine heilige Kuh in der Eidgenossenschaft. Kein Wunder also, dass sich Höngger Armeebefürworter formierten und gegen den Pfarrer intrigierten. Sie forderten sogar dessen Absetzung vom Pfarramt.
Doch die Gemeinde hielt ihrem Hirten treu die Stange und bestätigte diesen mit über 70 Prozent der Stimmen im Amt. Pfarrer Paul Trautvetter war also trotz oder wegen seiner unbeugsamen Art äusserst beliebt beim Kirchenvolk. Er las auch gerne, er war ein echter Intellektueller, der in späteren Jahren als Redaktor der Zeitschrift «Neuen Wege» publikumsnahe wirkte und somit eine breite Leserschaft erreichte. Das war eine religiös-soziale Zeitschrift, begründet von Leonhard Ragaz, die noch heutzutage existiert und ein wichtiges Gefäss der politischen Opposition darstellt.

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