Höngger.ch

21°C16°C am 17. Juni 2019
Dorfleben 1 Kommentar

«Ich bin voller Geschichten»

4. Februar 2019 von

Serpentina Hagner, Comic Zeichnerin – Familienchronik „Der Märchenmaler von Zürich“, „Der Blechbauchmaier“
Foto: Claudia Below

Serpentina Hagner, Comic Zeichnerin – Familienchronik „Der Märchenmaler von Zürich“, „Der Blechbauchmaier“

Foto: Serpentina Hagner

Urgrossmutter Paulines Animierbeiz

Foto: Serpentina Hagner

Schokoladentaler Sprüngli

Foto: Serpentina Hagner

Cafe Du Pont und alter Globus aussen

Von

Online seit
4. Februar 2019

Printausgabe vom
07. Februar 2019
Beitrag bewerten

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (2 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...

Die Hönggerin Serpentina Hagner hat mit ihren beiden Comicbänden bereits international auf sich aufmerksam gemacht. Wie für die Tochter eines Märchenmalers selbst ein Märchen wahrwurde.

Der schwarze Kater miaut vorwurfsvoll, wer ist dieser ungebetene Gast, der sein Frauchen besucht? Das «Frauchen» heisst Serpentina Hagner und ist Comiczeichnerin. Sie sitzt am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung im Rütihof und wirkt so, als könne sie selber nicht recht glauben, was gerade in ihrem Leben geschieht. Vor einigen Monaten erreichte die 63-jährige eine Mail, Absender war Andreas Kaernbach, Kurator des Bundestags in Berlin. Er fragte sie an, ob sie zu Ehren des 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläums einen Comic zeichnen wolle. Ungewöhnlich ist dies vor allem, weil die Künstlerin erst vor zwei Jahren ihr allererstes Buch herausgegeben hat, und in der Szene eigentlich noch «neu» ist. «Ich dachte erst, da wolle sich jemand einen Scherz mit mir erlauben und habe ihn gegoogelt», sagt sie und lächelt beinahe verlegen. Als dann klar war, dass es ernst gemeint war, sagte sie natürlich zu, nicht ohne vorher einen befreundeten Autor um Hilfe zu bitten, denn sie wusste, alleine würde sie das Recherchieren, Texten und Zeichnen in der kurzen Zeit nicht stemmen können. Am Ende stand ein 20-Seiten starkes Buch, das die Frauenrechtsgeschichte seit 1849 erzählt. Gerade ist sie zurück von der Feier zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht in Berlin, wo sie Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth und Wolfgang Schäuble kennenlernen durfte. Doch wie kam es eigentlich, dass sich die Schweizerin gegen die vielen jungen – und talentierten, wie Hagner selber sagt – Zeichnerinnen durchsetzen konnte und nach Deutschland eingeladen wurde?

Von Märchen und anderen Geschichten

Erst 2017 hatte sie ihren ersten Comic «Der Märchenmaler von Zürich» veröffentlicht, den ersten Teil ihrer skurrilen Familiengeschichte, und die Geschichte über ihren Vater Emil Medardus Hagner, Märchenmaler, Künstler und Stadtoriginal. Im September 2018 folgte der zweite Band «Der Blechbauchmaier». Die Vorarbeiten für beide Bücher begannen vor zwanzig Jahren, doch Geschichten sammelt Hagner schon ein Leben lang. In eine Künstlerfamilie hineingeboren – Vater und Mutter malten beide, wenn auch sehr unterschiedlich – kannte sie schon mit fünf Jahren den Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus und konnte alle grossen Maler auswendig aufzählen. Das Zeichnen war immer ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens und prägte sie und ihre beiden Geschwister stark.

Die Kindheit war nicht einfach. Vater Emil oder Miggeli, wie man ihn nannte, kämpfte gegen innere Dämonen, war mal lieb und warmherzig, dann wieder eigenartig und depressiv. Als Älteste fand sich Hagner bald in der Vermittlerrolle zwischen den Eltern wieder und spielte auch für ihre Brüder und ihren Vater die Mutter. «Es geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn man als Fünfjährige den eigenen Vater daran hindern muss, aus dem Fenster zu springen oder sich auf eine andere Art umzubringen», erzählt sie. Ohne Sicherheit ein Urvertrauen zu entwickeln ist fast unmöglich. Erst viel später lernte sie, dass man sich auf Menschen auch verlassen kann. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Emil auch eine bezaubernde Seite, er zeichnete zum Beispiel das «Schlauraffenland», ein liebevoll gestaltetes Kindermärchen, in dem Zöpfe und Brötchen in Milchbächen schwimmen, die Fladen der Nilpferde aus Lebkuchen bestehen, Wiesel Kasperlitheater auf dem Rücken tragen und die Kinder auf dem Rücken der Libellen umherfliegen. «Er hat dieses Buch auch für sich gemacht, er hatte selbst das Gefühl, noch ein Kind zu sein», erinnert sich Hagner, während sie die Seiten umblättert. Die Welt sei ihm oft zu hart erschienen.

Während man in anderen Familien oft nichts über das frühere Leben der eigenen Eltern und Grosseltern erfährt, hatte das Geschichtenerzählen bei Hagners Tradition. Mit etwa vierzig Jahren begann Serpentina Hagner ihren Vater auf den Spaziergängen, die sie gemeinsam unternahmen, wenn es ihm gut ging, über sein Leben und auch das seiner Mutter und Urgrossmutter auszufragen. «Ich habe im Laufe der Jahre sicher 300 Seiten vollgeschrieben», sagt sie. Zum Beispiel – ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen – wie die Urgrossmutter Pauline, Tochter einer Fahrenden, 1899 mit einer Schiessbude ans erste Knabenschiessen nach Zürich kam, schwanger wurde und das Kind – das später der Kuckucksgrossvater von Serpentina Hagner wurde – bei der Familie des Vaters liess. Wie die Mutter von Emil Miggeli Hagner ebenfalls unehelich schwanger wurde, und sich ebendiesen Kuckucksgrossvater anlachte, ihm aber nie sagte, dass das Kind nicht von ihm war. Und wie schliesslich Serpentinas Vater mitten im Zürcher Milieu gross wurde. «Manchmal werde ich gefragt, wie viel davon erfunden sei, und die Wahrheit ist: Es ist alles so geschehen, so skurril es scheint. Und weil die Geschichten so aussergewöhnlich waren, sind sie mir wohl auch so gut im Gedächtnis geblieben». In ihren Comics hat die Zeichnerin die zu dunklen Episoden jedoch ausgelassen – «die wären höchstens für einen Psychiater interessant», meint sie mit einem Lachen. Das Zeichnen und Schreiben über ihre Familie habe ihr auch geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und Distanz dazu zu gewinnen. In ihren Recherchen an den Orten, in denen sich die Szenen abspielten, lernte sie ihre Heimatstadt noch besser kennen. Die Zeichnungen zeigen Zürich zwischen und während der Weltkriege, frivol und dekadent zugleich, aber immer mit einem humorvollen Unterton.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Wieso aber hat sie sich so viel Zeit gelassen mit ihrem ersten Comic? Als Jugendliche hatte sie erst ganz andere Pläne. Zwar zeichnete und malte sie immer nebenbei, aber ihr grosser Wunsch war es, Köchin zu werden. «Nach dem Vorkurs an der Kunstschule, einer abgebrochenen Ausbildung am Werkseminar und einer kurzen Zeit als Bohemien – im Nachhinein eine Spinnerei – versuchte ich, bei den grossen Köchen Zürichs eine Lehrstelle zu finden», erzählt sie. «Doch die Restaurants wollten damals keine Frauen in der Küche». Auch in einer Kulturbeiz, bei der sie anheuerte, sagte man ihr, sie hätte doch gar keine Erfahrung darin, grosse Gruppen zu bekochen. Was durchaus stimmte. Aufgeben wollte Hagner deswegen trotzdem nicht. Stattdessen brachte sie sich selber das Wursten bei und belieferte die Beiz fortan mit hausgemachten Würsten, an denen sie so gut wie nichts verdiente. Die Rechnung ging dennoch auf: Wenig später bot man ihr die Stelle in der Küche der Kulturbeiz an. «Und so begann meine Karriere als Köchin», erzählt sie, die Kochbücher liest, wie andere Krimis lesen. Zahlreiche Bänder im Regal zeugen von ihrer Leidenschaft, da steht die Pauli Kochbibel neben dem neuesten Ottolenghi-Wurf.

Der Wunsch, ihre Familiengeschichte in einem Comic festzuhalten, wurde langsam stärker, aber erst traute sie sich das Projekt nicht richtig zu. «Ich verglich meine Malerei mit der meines Bruders, der die technische Präzision meiner Mutter geerbt hat, während meine eigenen Arbeiten eine gewisse Naivität besitzen, ähnlich wie die meines Vaters», sagt sie. Dennoch reichte sie schliesslich eine Zeichnung am Comicfestival in Lenzburg ein und holte unverhofft den ersten Preis. Vom eigenen Erfolg überrumpelt, sagte sie ein Radiointerview ab und wandte sich schnell wieder dem Kochen zu. «Heute würde ich das nicht mehr tun», meint die Künstlerin rückblickend. «Das ist der Vorteil des Alters: Man sieht die Dinge etwas gelassener und lässt sich nicht so sehr aus der Ruhe bringen».

«Alleine ist es nicht zu schaffen»

Als sie sich schliesslich an die Arbeit machte, den ersten Band zu verfassen und erstmal nur Absagen von den Verlagen erhielt, riet ihr eine gute Freundin, am Comicbuch-Wettbewerb der Berthold-Leibinger-Stiftung teilzunehmen. Prompt wurde sie als einzige Schweizerin mit einem Finalistinnenpreis prämiert. «Diese Auszeichnung war einer der Gründe dafür, dass mich Andreas Kaernbach für die Arbeit zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläum anfragte». Aber irgendwie scheint sie immer noch überrascht zu sein über den unerwarteten Lauf der Dinge. «Es ist verrückt», sagt sie, «aber es stimmt wohl, wenn Menschen sagen, sie seien halt immer drangeblieben», überlegt sie. «Man muss sich stets einen kleinen Raum für seine Leidenschaft freihalten. Irgendwann klappt es – oder eben nicht, das Glück hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden». Was sie mit Sicherheit wisse, ist, dass es ohne die richtigen Menschen um sie herum nie so weit gekommen wäre. «Meine Freunde, die mich unterstützt haben, vielleicht andere Freunde hatten, die die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kannten, das alles spielt eine grosse Rolle. Alleine ist es nicht zu schaffen».
Sie geniesse jetzt den Moment, es sei eine schöne Erfahrung, die ihr sehr gut tue. Wenn sich alles ein wenig gesetzt hat, will sie sich dem dritten Band ihrer Saga widmen, «denn ich bin noch voll von Geschichten, die mir in den Sinn kommen, wenn ich durch die Stadt spaziere».

Die beiden Comic-Bände «Der Märchenmaler von Zürich» und «Der Blechbauchmaier» sind sowohl im Canto Verde am Meierhofplatz als auch im Infozentrum unserer Quartierzeitung für 29.80 Franken zu kaufen. Erschienen im Verlag Edition Moderne. www.editionmodern.ch. www.serpentina-hagner.ch

Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar.


500
10. Februar 2019 um 09:48 Uhr von Marie-Christine Schindler

Ein beeindruckendes Leben in einem wunderbaren Beitrag geteilt. Danke an beide Frauen.