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Wir sind Höngg

Seit 25 Jahren im Dienste der älteren Menschen

29. Mai 2020 von

Ist aus dem Alterswohnheim Riedhof nicht mehr wegzudenken: Shahar Rajab.
Foto: Dagmar Schräder

Ist aus dem Alterswohnheim Riedhof nicht mehr wegzudenken: Shahar Rajab.

Von

Online seit
29. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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Shahar Rajab lebt seit einem Vierteljahrhundert in Wipkingen und arbeitet bereits genauso lange in Höngg. Sie ist die dienstälteste Mitarbeiterin des Alterswohnheims Riedhof und mit Leib und Seele bei der Sache, wenn es um die Betreuung der älteren Menschen geht.

Ich bin 1961 in Afghanistan geboren und aufgewachsen. Meine Kindheit und Jugend habe ich dort verbracht, lange konnte ich jedoch nicht in meiner Heimat bleiben, denn 1979 kam es zum Krieg. Die Mudschaheddin und die sowjetischen Truppen kämpften um die Macht, die Sicherheitslage im Land wurde immer prekärer. Damals hatte ich noch nicht mal meine Schule abgeschlossen und zog mit meinem Mann, der Koch im diplomatischen Dienst war, nach Moskau, wo er eine Stelle an der afghanischen Botschaft übernahm. Da konnte ich meine Ausbildung beenden und studierte Kinderpädagogik und -psychologie an der dortigen Universität – mit einigen Unterbrüchen, weil in dieser Zeit auch drei meiner insgesamt vier Kinder geboren wurden.
1992 änderten sich die politischen Verhältnisse in Afghanistan wieder, der Islamische Staat Afghanistan wurde gegründet. Die neuen Machthaber wechselten das Botschaftspersonal aus, so dass mein Mann seine Stelle verlor und wir erneut unsere Zelte abbrechen mussten. Eine Rückkehr kam aufgrund der politischen Lage nicht in Frage, was zur Folge hatte, dass wir uns darum bemühen mussten, in einem anderen Land unterzukommen. Verschiedene europäische Staaten boten uns Asyl an – wir entschieden uns für die Schweiz. Die Schweiz als neutrales Land war für uns schon immer ein Wunschziel gewesen und wir waren glücklich, hier leben zu dürfen. Wir landeten in Zürich und lebten hier zunächst in einem Asylzentrum, bekamen jedoch schnell Asyl und wollten und konnten uns schon bald eine eigene Wohnung suchen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Oerlikon fanden wir eine schöne Wohnung in Wipkingen, wo wir nun auch schon seit 25 Jahren leben. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Quartier, die Nachbarn, die Lage und die Verkehrsanbindung sind super. Die Schweiz und Zürich sind seither für mich zu meiner neuen Heimat geworden.
Einen Job in meinem Beruf zu finden, war für mich sehr schwierig – einerseits wurde die russische Ausbildung hier in der Schweiz nicht anerkannt, andererseits sprach ich zu Beginn kein Wort Deutsch und konnte nicht als Pädagogin arbeiten. Deshalb suchte ich ein anderes Berufsfeld, das mir entsprechen könnte. So kam ich auf die Altenbetreuung. Ich fand eine Stelle im Alterswohnheim Riedhof, wo ich nun bereits seit 25 Jahren beschäftigt bin. Hier bin ich im Service im Speisesaal und der Cafeteria tätig und bin mit meiner Tätigkeit rundum zufrieden. Nie hätte ich gedacht, dass ich so lange am gleichen Arbeitsort bleiben würde, aber mittlerweile sage ich mir: «Der Riedhof ist wohl meine erste und letzte Arbeitsstelle.» An meiner Tätigkeit schätze ich das Arbeitsklima und insbesondere den Kontakt zu den Bewohner*innen. Sie bedeuten mir alle sehr viel, fast fühlt es sich so an wie das Leben in einer grossen Familie. Es ist für mich sehr wichtig, den älteren Menschen den Respekt zu zollen, den sie verdienen – für all das, was sie in ihrem Leben geleistet haben. Im Gegenzug erhalte ich selbst Respekt, Anerkennung und Dankbarkeit, es ist ein Geben und Nehmen. Nun habe ich fest vor, jetzt auch noch die letzten fünf Jahre bis zu meiner Pensionierung hier zu bleiben, sofern es möglich ist und denke, dass ich anschliessend meine Arbeit bis an mein Lebensende in guter Erinnerung behalten werde.
Hier in der Schweiz ist unsere Familie nach der Ankunft in Zürich noch einmal gewachsen: Mein jüngster Sohn ist 1992 geboren, zwei Wochen, nachdem wir aus Moskau hierhergekommen waren. Nun sind alle vier Kinder erwachsen, haben ihre Ausbildung abgeschlossen und Berufe gefunden, die sie erfüllen. Drei meiner Kinder haben mittlerweile selbst eine Familie gegründet. Bis auf eine Tochter, die momentan im Ausland lebt, wohnen alle in Zürich, ganz in der Nähe von uns. Normalerweise verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie, einmal wöchentlich treffen wir uns alle, und auch die Enkelkinder sind regelmässig bei mir und werden von mir betreut. Momentan geht das natürlich wegen der aktuellen Situation mit Corona nicht, das macht mich schon ein wenig traurig. Es ist mir sehr wichtig, Zeit mit der Familie zu verbringen und ich hoffe sehr, dass es bald wieder möglich sein wird, sich zu treffen.
Auch in Afghanistan habe ich noch Familienangehörige, mit denen ich hauptsächlich per Telefon in Kontakt bleibe. Persönlich sehen wir uns leider kaum, ich reise nur sehr selten dorthin. Während wir noch in Moskau lebten, fuhren wir einmal jährlich zurück nach Afghanistan, um die Familie zu besuchen, doch seit wir in der Schweiz wohnen, ist das nicht mehr so einfach. Für uns als Angehörige der Hazare-Minderheit ist es leider nach wie vor nicht ganz problemlos, zurückzukehren. Während der Zeit der Taliban haben wir in unserer Familie Gewalt und Diskriminierung erlebt und bis heute dauern die kriegerischen Auseinandersetzungen und die Gewalt an. Deswegen war ich in den 28 Jahren, die ich nun hier lebe, erst zweimal in Afghanistan und unsere Kinder kennen das Land überhaupt nicht. Es ist sehr traurig zu sehen, dass unser Land seit über 40 Jahren keinen wirklichen Frieden mehr erleben durfte. Die Menschen sind erschöpft und müde von den ewigen Auseinandersetzungen und der Angst und wünschen sich eigentlich doch nichts anderes als ein schönes Leben in Sicherheit. Ich hoffe inständig, dass sich die Situation bald einmal verändert.

In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Un-scheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft. Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögli-che Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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29. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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