Schreie und ein Rap in der Kirche

Für einmal wurde in der reformierten Kirche nicht nur gepredigt und gebetet, sondern auch gerufen, geschrien und gerappt und gar auf den Taufstein gesprungen: Schauspieler Christian Klischat rezitierte auf diese Art und Weise Psalmenbearbeitungen und hinterliess ein begeistertes, bewegtes Publikum.

Der Schauspieler auf dem Taufstein: Christian Klischat tat in der Kirche Dinge, die man sonst nicht tut – und erhielt dafür tosenden Applaus.

Wozu Kirchgemeindeferienwochen gut sind, zeigte sich am letzten Donnerstagabend in der reformierten Kirche: Pfarrer Markus Fässler erzählte in seiner Begrüssung, dass sich die Communität Don Camillo sozusagen selbst eingeladen habe: «Diese Gemeinschaft, in welcher wir zeitweise unsere Ferien verbringen, fragte uns an, ob wir einmal ein anderes Psalmenrezital erleben wollten – klar wollten wir!» Und so stand der Berliner Schauspieler Christian Klischat, ein Freund der Kommunität, in der Höngger Kirche. Wobei, stand ist falsch: Er hing sozusagen über dem Geländer der Kirchengalerie, die Bibel in den Händen, die nackten Füsse über dem Geländer.

Der Komiker voller Fehler

Mit diesem Erscheinen hatte er das Publikum sofort im Griff. Behende wie ein Äffchen sprang er nicht über, sondern hinter das Geländer und rannte in den überaus vollen Kirchensaal und rief dabei: «Ich Komiker Deiner Gnade bin voller Fehler – Du erkennst sie alle! Sei mir gnädig!» Ob man wollte oder nicht, die Kombination des Auftrittes und der Worte brachte einen zum Lachen. Die Aufmachung des Vortragenden war ebenfalls nicht ohne: Weisse Leinenhose, weisser Leinenblazer, nackte Füsse, nackte, behaarte Männerbrust – «und das in einer Kirche?» – mag sich wohl der eine oder andere Zuschauer gefragt haben. Doch nicht zu viel des Nachdenkens, denn: «Heute ist kein Tag für das Gericht, heute ist nur Singen und Tanzen!», gab Christian Klischat den Ton an und ein Rezital zum Besten. Psalmenbearbeitungen von Arnold Stadler, Hanns Dieter Hüsch, Ernesto Cardenal und weiteren standen auf dem Programm – so wurden auch aktuelle Themen eingeflochten: «Selig der Mensch, der nicht hört, was die Börse berichtet», warf der Schauspieler in den Raum, was erneutes Lachen mit sich brachte. Sowieso sei heutzutage «Der Rat der Ratlosen» an der Arbeit, «Glücklich die Kirche, für Jung» – Blick ins Publikum – «und etwas älter», die Rat wisse. Es sei Zeit, dass die Menschen, einem Baum gleich, «Er-wachsen» würden, so der Berliner.

Aufwühlende Worte

In einer weiteren Psalmenbearbeitung war die Rede von denaturierten Geschöpfen, was nachdenklich machte, weil es so wahr ist. Genau so wie das: «Feierabend machen kurz vor dem Schlafengehen? Umsonst! Denn der Herr gibt es den seinen im Schlaf!» Und was die Politik und ihre Macher angeht: «Ich vergöttere keine Diktatoren – ihre blutigen Trank- Opfer werde ich nicht schlürfen!» Auch dies ist gut nachvollziehbar, sollte man sich doch nicht verführen lassen von blumigen Aussagen und leeren Versprechen. Nicht nur Christian Klischat, der am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert ist, bestritt diesen Abend, sondern auch eine Band: Vier Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, E-Piano, Vibraphon und E-Bass spielten nach jedem Rezital ein Stück, das im Gegensatz zu den teils heftigen Aussagen harmonisch und leicht perlend daherkam: eine Wohltat für die zuweilen grüblerischen Gedanken, die einem Christian Klischat in rasendem Tempo bescherte. Doch auch er wurde nachdenklich, so schien es zumindest, und «böpperlete» mit den Fingern an die Wand. Aus dem Geklopfe wurde nach kurzer Zeit ein Rhythmus, dazu rappte Christian Klischat den Psalm «Der Herr ist mein Hirte», angereichert mit Human-Beatbox-Tönen, rhythmischen Mundgeräuschen, die einiger Übung bedürfen, und seiner vermeintlichen Nachdenklichkeit ein Ende setzten. Das Tüpfchen auf dem i waren seine Luftgitarren-Einlage und die Luft-Schlagzeug-Session – unglaublich, was man ohne ein einziges Requisit zum Besten geben kann.

«Kommt zur Besinnung!»

Schwer verdaulich wurde es mit «Meine Seele ist durch dieses elende Leben am Ende. Ich bin eine Vogelscheuche: Wer mich zu sehen bekommt, der fliegt davon.» Doch nicht lange gärten die negativen Gedanken: «Die Engel tragen Dich auf Händen, damit Dein Fuss nicht an einen Stein stösst!» «Im Leben gehören die Armen den Reichen, die Schwarzen den Weissen, die Friedfertigen den Streitsüchtigen» – leider nur allzu oft wahr. «Die Erde könnte allen gehören, wenn Dein Glück auch mein Glück, wenn Dein Leid auch mein Leid! Wähle, tausche und herrsche nicht. Ihr, die Ihr Leute das Sagen habt, kommt zur Besinnung! » – ob gläubig oder nicht, diesem Satz sollte grosse Beachtung geschenkt werden. Das Klatschen des Publikums zum Schluss wollte nicht mehr aufhören, so gut gefiel ihm der Abend und die Leistung aller Beteiligten. Beim offerierten Apéro, unter den sich die Musiker und der Schauspieler dann ganz ungezwungen mischten, waren nur lobende Worte zu hören: «Das war ein tiefschürfendes Theater, welches mir noch lange nachgehen wird», erzählte eine Besucherin. «Wie ein geschmeidiger Gummiball ist Christian Klischat in der Kirche umher gehüpft, und dies eine Stunde lang – was für eine Leistung», fand ein begeisterter Besucher. Der Schauspieler selbst erzählte dem «Höngger», dass er vor einigen Jahren für eine Psalmenrezitation angefragt worden war und dass daraus dieses Programm entstanden sei. «Ich komme ja ursprünglich aus der Rock- Ecke, und so habe ich das Programm nicht nur mit Jazzmusikern wie heute gezeigt, sondern auch schon mit einem Heavy-Metal-Gitarristen oder einer Harfenistin. Es funktioniert mit allem!» Ein Psalm sei eine Beziehung: «Es ist ein Ich und Du.»

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