Rütihof: Vom Weiler zum Satelliten-Quartier

Lange Zeit war der Rütihof ein idyllischer Bauernweiler. Erst Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte er sich zum Satelliten-Quartier.

Alte Landkarte 1956-1965
1969 Berchtold Schreinerei, dahinter sichtbar sind die drei Häuser Im oberen Boden und links die Bauernhäuser an der Hurdäckerstrasse
Im oberen Boden, um 1950.
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Lange ging man davon aus, dass das Gebiet, das heute als Rütihof bekannt ist, noch bis ins Jahr 900 unberührt, respektive Wald, gewesen war. «In diesem (…) standen offenbar auffallend viele Birken, was dann zum Namen (…) <Birkenrüti> [führte]», ist in der Mitteilung Nr. 49 der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg zu lesen. Erst 2016 kamen bei Rettungsgrabungen durch Archäolog*innen der Stadt Zürich verschiedene Funde und Befunde zu Tage, die beweisen, dass sich schon viel früher Menschen in diesem Gebiet niedergelassen hatten. So zeigten Holzkohlereste, dass die älteste steinzeitliche Besiedlung im Zeitraum von 3500 bis 3100 vor Christus erfolgt sein muss. «Um einen äusserst seltenen Fund handelt es sich bei einem sogenannten <Glockenbecher>, der in einer Grube gefunden wurde. Die Scherben aus der Steinzeit (um 2400 vor Christus, Radiokarbondatierung) sind Zeugen einer europaweit verbreiteten kulturellen Erscheinung im dritten Jahrtausend vor Christus, die in der Schweiz nur mit wenigen Funden repräsentiert ist und hiermit in Zürich erstmals belegt werden konnte», schreibt die Abteilung Archäologie des Hochbaudepartements auf ihrer Homepage. Auch Funde aus der spätkeltischen Zeit (Eisenzeit) zwischen 170 und 350 vor Christus und römische Brandgräber mit Urnen aus dem zweiten Jahrhundert kamen bei den Grabungen zum Vorschein.

Aus Birchrütihof wird Rütihof

Das ganze Büchlein «Der Rütihof bei Höngg» in einem Artikel wiederzugeben, ist weder möglich noch sinnvoll, aber wer mehr dazu erfahren möchte, ist gut beraten, sich das Büchlein vorzunehmen. So stützt sich auch dieser Artikel in weiten Teilen auf die detaillierte Geschichte. Dass auf dem Rütihof ein Hof stehen musste, ist 1280 erstmals belegt, als ein gewisser Ulrich Meier von Birchrüti, 60 Jahr alt, zu einer Zeugenaussage berufen wurde. Meier, auch eine andere Bezeichnung für Gutsverwalter, stand im Dienste eines Lüdold von Regensberg. Gemäss der Hypothese der Autoren könnte der Rütihof bereits seit mindestens 1250 bestanden haben. Irgendwann zwischen 1280 und 1282 verkaufte von Regensberg den Rütihof an Rudolf von Opfikon. Später wurde das Fraumünster von Zürich grundzinsberechtigt. Bis 1399 sah dieses aber keinen Rappen Zins für den Rütihof, und um 1400 stand wohl auch kein Haus mehr im Weiler. Im Dunkel des Mittelalters bleiben die Gründe für die Verwaisung des Hofs verborgen. Gemäss Autoren könnte ein Pestzug oder auch ein Brand Schuld daran gewesen sein. Ab 1400 taucht ein «Jeger von Höngg» in der Buchhaltung des Fraumünster auf, später zahlen mehrere Männer aus dem Birchrüti Zinsen ein. Interessanter Fakt: 1418 verzeichneten die Männer neben ihrem Getreide auch erstmals Hühner – «meist zähe Suppenhühner, nicht zarte Poulets», wissen die Autoren – und Eier als Zinsabgabe, später auch halbe Hühner. Die heute noch beliebte Hühnerhaltung im Rütihof hat also bereits lange Tradition. Schliesslich kaufte 1586 Heinrich Geering von Rümlang den Hof. Bis 1828 standen sieben Häuser im Rütihof, fünf davon von Geerings bewohnt. Zuvor, im Jahr 1820, muss sich die «Civilgemeinde Rütihof» gegründet haben. Zwar existiert keine Gründungsakte, die Autoren der Mitteilung «Der Rütihof bei Höngg» schliessen aber aus einer Gutsrechnung mit Nummer 43 aus dem Jahre 1863 – die vorausgegangenen Rechnungen sind nicht erhalten – dass, rechnet man zurück, 1820 die erste Gutsrechnung gemacht wurde und ergo eine Gemeinde existiert haben muss. Der «Präsident Rütihof» Josef Geering wurde schliesslich am 21. Mai 1822 im Kleinen Rat in Zürich offiziell gewählt – «Effektiv war diese Wahl offenbar nur eine Bestätigung» schreiben die Autoren. «Die eigentliche Wahl hatten die Rütihöfler in ihrer altbekannten Selbstherrlichkeit längst unter sich geregelt, (…).» 1870 lebten 77 Personen in zwölf Häusern. Der Anschluss an Höngg erfolgte im Jahr 1886, obschon sich ein Grossteil der Rütihöfler*innen noch im Jahr 1877 lieber Oberengstringen angeschlossen hätte. Zum Zeitpunkt der Eingemeindung 1934 standen 14 Wohnhäuser und einige Gewerbegebäude im Weiler. Auf der Karte von 1977 ist zu sehen, dass sich die Anzahl Gebäude bis dahin nur marginal erhöht hatte. Dies sollte sich in den darauffolgenden 15 Jahren jedoch grundlegend ändern.

Quelle:
«Der Rütihof bei Höngg», von Georg Sibler, Mitteilung Nr. 49 der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg, 2009. 25 Franken. Erhältlich im Infozentrum, Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2.

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