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Dorfleben

Politisch in Zürich, unterwegs in der Welt

25. Februar 2019 von

Sile Mattenberger in ihrer Wohnung in der Kraftwerk-Genossenschaft beim Heizenholz.
Foto: Anne-Christine Schindler

Sile Mattenberger in ihrer Wohnung in der Kraftwerk-Genossenschaft beim Heizenholz.

Von

Online seit
25. Februar 2019

Printausgabe vom
28. Februar 2019
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Die Porträt-Stafette «Wir sind Höngg» geht in die zweite Runde. Dieses Mal gewährt Sile Mattenberger Einblick in ihr Leben über die Quartiergrenzen hinaus.

Ich wohne seit sieben Jahren in Höngg, in der Kraftwerk-Genossenschaft beim Heizenholz. Meine Partnerin und ich sind hier eingezogen, als die Siedlung gegründet wurde. Wir wussten, dass wir nicht mehr zu dritt wohnen wollten wie bisher, aber auch nicht in einer isolierten Zweierkiste. Mit dem Kraftwerk hatten wir grosses Glück. Es leben ungefähr hundert Leute hier und alle zwei Wochen essen wir miteinander. Wir haben auch ein Lädeli, eine Bibliothek, einen Musikraum, eine Werkstatt und neuerdings sogar eine kleine Sauna.
Vorher haben wir bei Langnau am Albis in einem alten Bauernhaus gewohnt, wo wir eine kleine WG hatten. Dazu sind wir per Zufall gekommen, als wir 1987 aus unserer Wohnung in Wipkingen ausziehen mussten. Es war schon damals schwierig, Wohnraum zu finden – eigentlich wollten wir gar nie aufs Land. Am Schluss sind wir 25 Jahre lang geblieben. Das Haus war wirklich uralt, es gab dort viele kleine Zimmer mit niedrigen Decken, in der Küche floss kein heisses Wasser und wenn wir heizen wollten, mussten wir Holz hacken. Irgendwann haben wir dann angefangen, das Holz zu bestellen, aber das muss ja trotzdem noch verladen und angefeuert werden. So stellte sich an Sonntagabenden, wenn wir vom Wandern zurückkamen, die Frage: sollen wir noch anfeuern oder lieber ins Bett gehen? Heute haben wir es richtig gemütlich in unserer geheizten Loge.

Um das Bauernhaus herum gab es einen grossen Garten, dort habe ich viel Gemüse angebaut und die Freundin, die mit uns in der WG wohnte, viele Blumen. Jetzt bin ich bei der Gartenkooperative ortoloco. Dort helfe ich ungefähr zehnmal im Jahr mit und bekomme jede Woche einen Sack Gemüse. Ich koche auch gerne und bin berühmt für meine indischen Buffets. Manches habe ich aus Kochbüchern gelernt, aber auch beim Reisen habe ich viel mitgenommen, indem ich den Menschen zugeschaut habe.

Die Reiserei ging 1967 los, als ich drei Monate lang per Autostopp im Balkan unterwegs war. Später ging ich oft nach Indien und Nepal, dort habe ich insgesamt wohl etwa drei Jahre verbracht. In Nepal bin ich viel gewandert, allein oder zu zweit, Reisegruppen mag ich nicht besonders. Einmal war ich ein halbes Jahr in Südamerika und ein andermal bin ich für ein paar Monate nach Kanada ausgewandert. Dort habe ich in einem elsässischen Restaurant gearbeitet, nachdem ich gesagt hatte, ich sei trilingue. In Elsässertracht. Leider gibt es davon keine Fotos! Auch in Syrien war ich schon, habe Afrika bereist, war mit dem Töff in der Türkei. Dort dachten alle, ich sei ein Mann, weil ich ein Motorrad hatte.

Dazwischen bin ich immer wieder in der Schweiz gewesen und habe gearbeitet. Ich hatte nach dem KV eine Psychiatrieschwesternlehre angefangen, aber die machte ich nicht fertig. Als Lernschwester hatte ich auf der Nachtwache zwölfstündige Schichten, während derer ich für drei Stockwerke mit 80 Patient*innen verantwortlich war. Ich war 19 Jahre alt und bald völlig ausgebrannt. Danach arbeitete ich ein paar Jahre lang in einem grossen Heim für geistig Behinderte. Im analogen Zeitalter war ich auch mal Börsentelefonistin und in Wipkingen war ich etwa 15 Jahre lang als Hauspflegerin tätig, was heute die Spitex tut.

1968 war lässig in Zürich. Aufgewachsen bin ich in Neuaffoltern in einer Büezerfamilie und damals dachte ich mir: ich muss Leute aus der Szene kennenlernen. Also ging ich ins Niederdorf in die Bodega und lernte Leute kennen. Ich war lange Zeit auch Frauen- und Lesbenpolitisch ziemlich aktiv. Zusammen mit anderen habe ich die Lesbenberatungsstelle gegründet. In den 1980ern waren wir im Kanzleischulhaus, das uns die Stadt zusammen mit anderen alternativen Gruppen zur Verfügung gestellt hatte. Es gab dort eine Frauenetage, wo wir Veranstaltungen organisierten. Die SVP hat irgendwann eine Abstimmung durchgedrückt und jetzt ist es wieder ein Schulhaus. Was geblieben ist, sind das Kino xenix und die Turnhalle. In der Turnhalle haben wir früher Lesben- und Frauenfeste veranstaltet, die «Tanzlaila». Das war anfangs schwierig. Die Männer haben sich nicht eingekriegt, dass es jetzt einfach ein Weiberfest gibt. Frauen und Lesben mussten sich damals selbst behaupten, ohne Männer, die immer alles besser wussten.

Von 1974 bis 2008 gab es in Zürich ein Frauenzentrum. In den 80er-Jahren habe ich fünf Jahre lang dort gekocht, für das Beizli «Pudding Palast», das nur für Frauen offen war. Daneben gab es verschiedene Beratungsstellen, Zeitschriftenredaktionen, ein Ambulatorium, eine Frauenbibliothek und diverse Treffpunkte. An der Türe hing ein Schild: «Kein Zutritt für Männer». Das sahen viele als riesigen Affront. Aus dieser Zeit habe ich noch Kontakte zu vielen Frauen – einmal im Jahr veranstalten wir bei uns in der Genossenschaft ein «Wiiberfäscht» und auch Sylvester verbringen wir immer noch zusammen.

Ich war übrigens immer offen lesbisch. Als «Lesbe» noch ein Schimpfwort war, begannen wir den Begriff selbst zu benutzen. Indem wir ihn uns so aneigneten, nahmen wir den Leuten den Wind aus den Segeln.

Heute bin ich pensioniert. Meine Partnerin arbeitet noch, aber bald reisen wir zusammen für ein paar Wochen nach Indien. Früher habe ich auf Reisen eben das gelesen, was sich unterwegs fand. Heute habe ich ebooks. Ich lese sehr gerne und viel und kann so ganz einfach jede Menge Bücher mit mir herumtragen. Auch bei uns im Kraftwerk bin ich zusammen mit einer anderen Frau für die Bibliothek zuständig. Wir hatten wirklich Glück, dass es uns ins Heizenholz verschlagen hat. Nach unserer Indienreise werden wir sehr gerne dorthin zurückkehren.

In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg portraitiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich».

So funktioniert’s: Die zuletzt portraitierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Portrait-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft.
Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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