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«Man muss sein Herz voraus werfen»

8. März 2021 von

Gerd Folkers an der Endhaltestelle der Tramlinie 13 im Frankental, wo er auch zuhause ist.
Foto: Patricia Senn

Gerd Folkers an der Endhaltestelle der Tramlinie 13 im Frankental, wo er auch zu Hause ist.

Auszug aus dem Buch "Linie 13 - ein Skizzenbuch von Gerd Folkers"

Von

Online seit
8. März 2021

Printausgabe vom
25. März 2021
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Auf dem dunkelblauen stoffigen Buchdeckel ist mit Golddruck die Zeichnung eines e-Tuk-Tuks eingestanzt, das die Nummer 13 trägt. Eine Hommage an die Tramlinie, die Höngg mit der ganzen Stadt verbindet. Gezeichnet, geschrieben und aquarelliert von Gerd Folkers aus Höngg.

Ein Jahr lang hat Gerd Folkers an diesem Buch gearbeitet. Ist der 13er Linie entlanggefahren, ausgestiegen, hat vor Ort Notizen, Skizzen und Fotos gemacht und zu Hause nach Orten und Bauten recherchiert, die er zuvor entdeckt hatte. Das Projekt kam in vielerlei Hinsicht sehr gelegen. Einerseits schaffte Corona viel freie Stunden, und gerade die Recherchen waren wie kleine Fluchten, gedankliche Ausflüge und Erkundungsreisen, etwas, das man im vergangenen Jahr besonders vermisste. Andererseits befand sich der ehemalige ETH-Professor für Pharmazeutische Chemie und später Leiter des Collegium Helveticum im dritten Jahr seiner Pensionierung und auf der Suche nach neuen Inhalten und Erlebnissen. Nicht, dass es ihm zu schaffen macht, nicht mehr «wichtig» zu sein – er hält es mit Friedrich dem Grossen: «Servir et disparaître» – dienen und dann verschwinden. Dinge abzuschliessen sei schön und wichtig. Die ETH und auch die Schweiz hätten ihm eine grossartige Welt eröffnet, welche er nicht missen möchte. Aber für Nostalgie ist er nicht der Typ. Er ist eher einer, der Dinge sagt, wie «Man muss sein Herz voraus werfen» und damit meint, man muss mutig sein, oder auch: mit Leidenschaft bei der Sache. Und leidenschaftlich verfolgt er seine zahlreichen Hobbys, ob es nun das Zeichnen, das Kochen oder das Sammeln von Büchern und Messgeräten ist.

«Etwas nicht einfach so zu können, ist eine grossartige Erfahrung»

Auf der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für seine Tochter, die Chemie studiert hat und inzwischen an der Technischen Universität in Dresden arbeitet – «es sollte etwas Persönliches sein, und das Kind ist ja auch schon bald 30» – fiel ihm auf, dass der «13er» ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens gewesen war. Ob sie ins Zentrum an die Uni fuhr oder abends mit Freundinnen noch feiern ging: Immer stand zuerst die Fahrt in diesem Tram. Also zeichnete er die verschiedenen Haltestellen, einmal quer durch die Stadt, und klebte die Zeichnungen in ein Album. Seine Tochter war begeistert. Kurz darauf erreichte Corona die Schweiz und der Bewegungsradius schränkte sich ein. Doch Tramfahren durfte man noch, Zeichnen und Malen auch. Also nahm Folkers die Idee wieder auf und begann, sein Wissen über Architektur, Soziologie und Geschichte rund um die Linie 13 und auch Höngg zu vertiefen, während sich sein Aquarellblock zusehends füllte. Eines Tages warf der Besitzer der Buchhandlung Kapitel 10, in der Folkers Stammkunde ist, einen Blick darauf und sagte: «Hör mal, könntest Du nicht 200 Stück davon produzieren lassen für das Weihnachtsgeschäft?». Es war Oktober und das Vorhaben recht ambitiös. Die Buchbinder, die Folkers erst anrief, lachten nur, «für eine Auflage von 200 Stück lassen wir keine Maschine laufen». Doch schliesslich stiess er bei Benjamin Schreyer in der Grünau auf offene Ohren. Da die Zeit langsam knapp wurde, bot er dem Meister an, «Gehülfenarbeiten» zu übernehmen, um ihm den Rücken freizuhalten. Während er putzte und klebte, mal kochte und Hunderte von Bostitches aus Karton und Papier klaubte, fertigte Schreyer mit Hilfe einer Buchbinderin tatsächlich 90 Exemplare, die es rechtzeitig in die Buchhandlung schafften. Das Werk war vollbracht. Doch der Büchernarr hatte Blut geleckt und blieb. Mittlerweile absolviert er so etwas wie eine Buchbinderlehre im Betrieb des jungen Meisters. Es sei kein leichter Beruf und erfordere grosse Konzentration, sagt Folkers. Wieder einmal etwas von Grund auf lernen zu müssen und es nicht einfach so zu können, sei eine grossartige Erfahrung. Die Exemplare für sein persönliches Umfeld hat der Professor selber produziert, und man erkennt sie an den Fehlern. Es sind Unikate, lacht der Novize. Zwei davon sind für besonders gute Freunde reserviert, die auch den Wert eines seitenverkehrt gebundenen Buches zu schätzen wissen.

Nichts ist, wie man denkt

Für den 1953 im Nachkriegsdeutschland als Sohn von «einfachen Leuten» geborenen, war klar: Du lernst etwas, womit Du möglichst bald auf eigenen Füssen stehen kannst. Deshalb studierte Folkers auch nicht sein Herzensfach Chemie, sondern Pharmazie. Nach dem Abschluss fing er an zu arbeiten, um seine Dissertation zu finanzieren. In dieser Zeit lernte er seine Frau kennen, mit der er heute noch zusammen ist. Sie hat ihn immer unterstützt. 1990 klingelte das Telefon in der Wohnung des jungen Pharmazeuten. Am Apparat war der Präsident der ETH. Ein Jahr später fing Folkers in Zürich als Professor für Pharmazeutische Chemie an. Drei Wochen zuvor war seine Tochter zur Welt gekommen – «doch wenn die ETH ruft, lässt man sich nicht lange bitten». Zwei Jahre blieb er alleine in Zürich, bis seine Familie nachziehen konnte. Obwohl der junge Folkers gerne und gut zeichnete und malte – «eine Mischung aus guten Genen und Training» – war ein Kunststudium für ihn nie eine Option. Dennoch fühlt er sich der Kunst auch heute noch nah. «Wissenschaft und Kunst sind sich tatsächlich ähnlicher als man denkt», sagt er. Wieso betreibt man denn überhaupt Wissenschaft? Ist es von Bedeutung zu verstehen, woher man kommt, wieso etwas existiert und wie alles entstanden ist? Auch in der Kunst werden diese existenziellen Fragen gestellt, und Wissenschafter*innen wie Künstler*innen kämpfen mit den Widersprüchen, denen sie auf ihrer Suche begegnen. Zweifel und Kritik seien zwei der wesentlichen Eigenschaften, die Kunst und Wissenschaft miteinander verbinden würden. Und Selbstzweifel. «Weil nichts so ist, wie man denkt», sagt Folkers, und diese Feststellung scheint ihn nicht zu beunruhigen, im Gegenteil: Sie scheint ihm grosses Vergnügen zu bereiten. «Unser Gehirn bildet ständig Weltmodelle und macht uns die Umgebung passend, für jeden individuell». Das mache es schwierig, überhaupt miteinander über etwas zu sprechen, weil keine zwei Menschen die Dinge identisch sehen würden. Man könne sich einander höchstens in langen Diskussionen annähern, meint Folkers. Als Leiter im Collegium Helveticum widmete er sich schliesslich zwölf Jahre lang der herausfordernden Aufgabe, Dingen auf den Grund zu gehen. Gemeinsam mit Fachleuten aus Physik, Chemie, Medizin, aber auch aus Philosophie, Literatur, Kunst, Soziologie und Religionswissenschaften versuchte er, richtig schwierige Probleme interdisziplinär anzugehen. Fragen wie «wie entsteht eine Emotion und wie daraus eine Handlung und dann daraus eine soziale Interaktion» zu beantworten. Aber auch weltliche Themen interessieren ihn. Wieso schmeckt der Malanser im Bündnerland so viel besser als die Flasche desselben Weines, die man aus den Ferien mit nach Hause bringt? Weil der Geschmackssinn von vielen anderen Faktoren beeinflusst wird, von der Euphorie, weggefahren zu sein, von der wunderbaren Landschaft, vom herrlichen Salsiz, den man dazu isst und von der netten Gesellschaft, mit der man anstösst. Die Schwierigkeit, etwas zu messen und eine allgemeingültige Aussage dazu zu machen, fasziniert den Mann. So sehr, dass er bereits ein neues Projekt in Angriff genommen hat, das gleich mehrere seiner Leidenschaften zusammenbringt. Als Sammler von skurrilen Messgeräten, die er meist auf Flohmärkten und in Brockis findet, besitzt er einen grossen Fundus an Materialien und Geschichten, die er in einem Tagebuch festhalten möchte. Den passenden Buchbinder dafür hat er bereits gefunden. Und wer weiss, vielleicht ist er bis dahin so weit, dass er sein nächstes Buch ganz alleine herstellen kann.

Das Buch «Linie 13 – ein Skizzenbuch von Gerd Folkers» ist in der Höngger Buchhandlung «Kapitel 10» an der Limmattalstrasse 197 erhältlich.

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8. März 2021

Printausgabe vom
25. März 2021
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Kommentare

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500
5. April 2021 um 16:52 Uhr von Dähler Richard

Großartiges Buch, wie es ein Eingeborener nicht besser hätte zeichnen, malen und schreiben können!Verdient den Zürcher Literaturpreis.