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Letzte Zigarette und Lebensqualität bis zuletzt

12. August 2019 von

Eine Zigarette am Lebensende noch selbst anzünden.
Foto: Slavisa Marjanovic

Eine Zigarette am Lebensende noch selbst anzünden.

Foto: Slavisa Marjanovic

Pflegezentrum Bombach – Skulptur im Garten.

Von

Online seit
12. August 2019

Printausgabe vom
15. August 2019
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Wann ist die Würde des Menschen noch gegeben? Was ist Lebensqualität für den einzelnen Menschen? Mit diesen und anderen ethischen Fragen setzen sich die Pflegezentren der Stadt Zürich täglich auseinander.

Ein eher dürftig bekleideter, älterer Herr sitzt in seinem Rollstuhl vor dem Pflegezentrum. Mit zittriger Hand zieht er unruhig und sichtlich angestrengt an seiner Zigarette bis zum letzten Zug bevor er den Zigarettenstummel kaum ausgedrückt im Aschenbecher liegen lässt und sich wieder eilig auf den Weg zurück in sein Zimmer macht. Ungekämmt und unrasiert wirkt der Mann. Das Bild des ungepflegten Mannes, der immer wieder um Hilfe ruft, erregt die Gemüter der Besucher*innen und auch mancher Angestellten des Pflegezentrums. Warum ist der Mann in einem Pflegezentrum ungepflegt? Kann sich ein Mensch in der Öffentlichkeit so zeigen? Ist da die Würde des Menschen noch gegeben?
In den Pflegezentren der Stadt Zürich werden solche Frage in Ethikgruppen oder Ethikkommissionen sowie auch in den interprofessionellen Palliative-Care-Fallbesprechungen diskutiert und analysiert.

Stellenwert

Der betroffene ältere Herr leidet an einer schweren Lungenerkrankung. Die Lebensqualität ist durch die erschwerte Atmung und die Atemnot stark eingeschränkt. Jede Bewegung raubt ihm ein Stück Lebensenergie. Der Mann leidet an schwerer Erschöpfung. Nachdem er eine Zigarette geraucht hat, kehrt er völlig erschöpft auf die Abteilung zurück und versinkt in seinem Bett. Das Rauchen hat einen hohen Stellenwert für den schwer kranken Mann. Es motiviert ihn, noch aus dem Bett aufzustehen und sich mit dem Rollstuhl nach draussen zu bewegen. Die Energie reicht gerade noch aus, um dies zu machen. Da verzichtet der Mann lieber auf die energieraubende Pflege und geht seiner Sucht nach – die Sucht ist im Moment sein Hauptbedürfnis.

Wie ist das mit der Würde des Menschen?

Mit Palliative Care ist man bemüht, die bestmögliche Lebensqualität für Menschen am Lebensende und in der Sterbephase zu ermöglichen. Die Lebensqualität ist aber auch für jeden Menschen in dieser Phase anders. Wichtig ist, sich in die betroffenen Menschen hineinzuversetzen. In diesem Fall muss man sich vorstellen, was es bedeutet, wenn der Mann kaum mehr Luft bekommt und wenn jedes Kleidungsstück beengend wirkt. Beim Duschen wurde der Mann bewusstlos, weil die Anstrengung zu gross war.
Und wie ist das mit der Würde des Menschen? In der Ethikgruppe, die von Ruth Dr. Baumann-Hölzle, Institutsleitung der Stiftung Dialog Ethik, begleitet wird, wurden Fragen der Würde diskutiert und geklärt. Die Menschenwürde ist dem Menschen gegeben, sie ist nicht davon abhängig, wie ein Mensch bekleidet oder ob er gepflegt ist. Sie ist grundsätzlich nicht abhängig von Eigenschaften und Fähigkeiten eines Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Für den betroffenen Mann bedeutet es, dass er noch selbst bestimmen darf, was für ihn wichtig ist. Es ist für ihn wichtig zu entscheiden, wann er aus dem Bett aufstehen will und dass er noch selbstständig mit dem Rollstuhl hinausfahren kann. Es gibt ihm ein Stück Autonomie und das ist in dieser Situation die bestmögliche Lebensqualität. Die Pflege muss kreativ mit der Situation umgehen und sich auf den Bewohner einlassen. Die notwendige Grundpflege muss zu einem Zeitpunkt durchgeführt werden, die für den Bewohner als am wenigsten störend empfunden wird.

Lebensqualität ist individuell

Dieser Fall zeigt, wie komplex sich das Thema Palliative Care in einem Pflegezentrum gestaltet. Es tauchen viele Fragen auf. Die Gesellschaft nimmt andere über das Äussere wahr. Und so könnte das Bild eines ungepflegten, offensichtlich schwer kranken Menschen vor dem Eingang eines Pflegezentrums schnell zu einem verfälschten Bild des Pflegezentrums führen und den Ruf schädigen.
Die Lebensqualität ist ein Begriff, der sehr individuell und sehr breit aufgefasst werden kann. Was die Lebensqualität in einem Pflegeheim ausmacht, ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar. Nicht die schöne Kleidung oder ein cooles Auto und auch nicht die Ferien in der fernen Welt machen die Lebensqualität am Lebensende aus. Es sind die unsichtbaren und für den Menschen dennoch wichtigen Dinge wie Autonomie und Selbstbestimmung, die einen hohen Wert am Ende des Lebens haben.
In den Pflegezentren der Stadt Zürich wird Palliative Care so individuell wie möglich gelebt. Instrumente zur Erfassung von Schmerzen oder anderen belastenden Symptomen gehören zum Standard in der Palliative Care, die individuelle Situation der Betroffenen steht jedoch immer im Vordergrund. Deshalb ist es wichtig, sich Fragen zu stellen und diese in den geeigneten Fachkreisen zu diskutieren. Im Pflegezentrum Bombach haben die Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, ihre Fragen zum Thema Palliative Care, Ethik oder Demenz in den regelmässigen Fallbesprechungen zu klären. So können Probleme aus mehreren Perspektiven betrachtet werden. Somit ist die Qualität der klinischen Entscheidungsfindung gesichert und die Individualität der den Mitarbeitenden anvertrauten Menschen ist bis ans Lebensende gewährleistet.

Eingesandt von Slavisa Marjanovic, Pflegeexperte Pflegezentrum Bombach

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12. August 2019

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15. August 2019
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