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Kinder & Jugend

Lernende in der Krise

28. April 2020 von

Sari Robustelli muss Beruf und Schule von zuhause am Laptop bewältigen.
Foto: zvg

Sari Robustelli muss Beruf und Schule von zuhause am Laptop bewältigen.

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Flavio Lustenberger ist froh, dass er nicht im Homeoffice sein muss.

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Miriam di Brita hatte eine lange Berufspause in der Kosmetikbranche.

Von

Online seit
28. April 2020

Printausgabe vom
30. April 2020
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Die Coronakrise betrifft alle, nicht nur die älteren Leute. Wie wirkt sich die Pandemie auf Lernende aus, die sich gerade in einer Berufslehre oder gar kurz vor dem Abschluss befinden? Drei junge Höngger*innen erzählen über ihren neuen Alltag.

Sari Robustelli wird bald 17 Jahre alt und befindet sich im zweiten Lehrjahr als Kauffrau Immobilien. Die Coronakrise hat ihren Alltag komplett verändert. Sowohl die Schulausbildung als auch der Berufsalltag finden nun von zu Hause aus statt. Das ist eine doppelte Herausforderung und Umstellung. Die junge Hönggerin kämpft vor allem mit der Selbstdisziplin. «Ich bin in der Schule eigentlich sehr diszipliniert und aufmerksam. Aber wenn man plötzlich auf sich selbst gestellt ist und alles alleine zu Hause machen muss, erfordert das viel mehr Eigenverantwortung. Das ist nicht ganz einfach für mich», erzählt Robustelli. Die Schüler*innen haben keinen geregelten Stundenplan, bekommen lediglich Tagesziele, die sie erreichen sollten. Wie sie ihren Tag aufteilen und ihre Ziele erreichen, ist ihnen selbst überlassen.

Unterricht online

Der optionale Unterricht erfolgt über die Microsoft-Plattform Teams, auf der mittels Videochat mit den Lehrer*innen und den Mitschüler*innen kommuniziert werden kann. Auf der Plattform kann man auch Dateien verschicken, gemeinsam Aufgaben lösen und sich austauschen, Notizen schreiben und vieles mehr. So ganz auf sich alleine gestellt sind die Schüler*innen also doch nicht.
Neben der Selbstdisziplin birgt das «Homeschooling» auch andere Schwierigkeiten, ergänzt Robustelli: «Zu Hause ist es viel schwieriger, sich auf die Schule zu konzentrieren, da es viel mehr Ablenkung gibt und auch der Rest der Familie daheimarbeitet».

Schwierigere Prüfungen

Im zweiten Schuljahr werden in Robustellis Lehrgang bereits zwei Fächer abgeschlossen. Auf die 16-jährige warten auch schon bald Abschlussprüfungen in IKA und Englisch. Die neue Situation mit dem Schulunterricht von zu Hause kommt also zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Auch die Prüfungen selbst finden unter erschwerten Bedingungen statt. «Aus Angst, dass wir an den Onlineprüfungen spicken, wurde die Prüfungsdauer von 45 auf 30 Minuten verkürzt.» Die erschwerten Prüfungsvorbereitungen und der zusätzliche Zeitdruck bei den Prüfungen selber beschäftigen Robustelli: «Ich finde es sehr heikel, dass wir nun unter solchen Bedingungen unsere ersten Abschlussprüfungen schreiben müssen. Diese Prüfungen sind sehr wichtig und die Bedingungen sind definitiv nicht optimal.»
Besser haben es die Lernenden im dritten Lehrjahr. Gemäss den Vorgaben des Bundes müssen sie lediglich praktische Abschlussprüfungen absolvieren. Die schriftlichen Prüfungen entfallen und es zählt der Schnitt der Erfahrungsnoten für den Abschluss. Unverständlich für Sari Robustelli. Entsprechend beneidet sie die Lehrlinge im dritten Jahr: «Weshalb wir Prüfungen schreiben müssen und bei uns nicht auch der Schnitt der Erfahrungsnoten gewertet wird, ist für uns alle ein grosses Rätsel.»

Kein Homeoffice im Architekturbüro

Auch für den 18-jährigen Flavio Lustenberger gab es seit dem Lockdown einige einschneidende Massnahmen. Er arbeitet bei Knörr Architekten und ist im dritten Lehrjahr seiner vierjährigen Lehre. Das Büro hat Kurzarbeit beantragt und sein Pensum wird schrittweise von 100 auf 40 Prozent reduziert. Zurzeit arbeitet er aber noch mit einem 80 Prozent Pensum. Die Lehrlinge bei Knörr Architekten arbeiten nicht im Homeoffice, worüber der junge Höngger ganz froh ist: «So fällt es mir leichter, mein Privat- und Berufsleben weiterhin zu trennen und ich sehe noch ein bisschen mehr von der Aussenwelt, als wenn ich zu Hause bleiben würde».
Die Arbeit der Lernenden erfordert eine leistungsstarke Internetverbindung und spezielle Programme zum Zeichnen von Plänen. Auch das ganze Arbeitsmaterial und alle Unterlagen müssten nach Hause gebracht werden. Eine Umstellung zum Homeoffice für Lehrlinge wäre deshalb ziemlich komplex.

Herausforderung im Schulalltag

Wie im Fall von Robustelli war auch bei Lustenberger die Umstellung im Schulalltag schwieriger als die Änderungen bei der Arbeit. Lustenberger ging bis zum Lockdown jeweils einen Tag pro Woche in die BMS und einen in die Berufsschule. Nun ist für ihn sehr vieles unklar. «Für den Schulalltag gibt es keine verbindlichen Richtlinien. Die BMS und Berufsschule haben die Coronasituation unterschiedlich geregelt und selbst innerhalb der BMS haben alle Lehrer*innen unterschiedliche Vorgehensweisen und Unterrichtsformen etabliert. Die Situation ist sehr unübersichtlich», beklagt sich der Lehrling. Lustenbergers Frust ist verständlich. Die Lehrer*innen benutzen unterschiedliche Plattformen für die Kommunikation und Aufgabenverteilung. Jedes Fach erfordert individuelle Anpassungen. In gewissen Fächern findet teilweise Fernfrontalunterricht statt, während in anderen Fächern der Unterricht fast komplett eingestellt wurde und der Stoff über selbstständiges Lernen erarbeitet werden muss. Die Berufsschule hält sich nach wie vor an strenge Tagespläne und die vollständige Durchführung des Unterrichts, während die BMS für dieses Semester sogar die Prüfungen auf Eis gelegt hat. Für die Schüler*innen ist es extrem schwierig, sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Glück im Unglück

Flavio Lustenberger erzählt aber auch von seinem «Glück» in der aktuellen Lage: «Im dritten Lehrjahr haben wir keine Abschlussprüfungen. In meiner Lehre hat man bereits in den ersten beiden Lehrjahren gewisse Abschlussprüfungen und dann erst im vierten Jahr die letzten Prüfungen und die LAP». Für Lustenberger kommt die Krise deshalb gewissermassen zum perfekten Zeitpunkt: «Die Situation ist für mich so um einiges weniger stressvoll. Für viele meiner Freunde stehen jetzt im dritten Lehrjahr wichtige Prüfungen an. Das muss ich zum Glück nicht erleben.» Unbeschwert ist Lustenberger trotzdem nicht. Die Gedanken über den Übergang zurück in den gewohnten Alltag machen ihm Sorgen. «Es wird schwierig werden, nach dieser langen Phase, in der alles heruntergefahren wurde, den Weg zurück in die Normalität zu finden.» Manchmal versucht er, die Dinge einzuordnen und auch etwas Positives aus dieser Pandemie mitzunehmen: «Wichtig ist, dass wir alle etwas lernen aus dieser Situation und in Zukunft auf solche Krisen schneller und effizienter reagieren können.»

Keine Arbeit im Beautycenter

Miriam di Brita ist seit sechs Wochen zu Hause. Raus geht sie nur, wenn sie mit ihrem Hund einen Spaziergang macht. Die 18-Jährige ist im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Kosmetikerin im Wellness- und Beautycenter in Höngg. Im Unterschied zu Robustelli und Lustenberger konnte sie ihre Arbeit wie alle in der Kosmetikbranche nicht fortführen. Die einzige praktische Arbeitserfahrung der letzten Wochen hat sich darauf beschränkt, ihr Talent bei der Aufhübschung von Familienangehörigen anzuwenden. Den Stress der gleichzeitigen Umstellung von Beruf und Schule auf Homeoffice hat sie somit weniger intensiv erlebt: «Dadurch, dass der Arbeitsalltag in den letzten Wochen komplett weggefallen ist, hatte ich mehr als genug Zeit, mich auf die Schule zu fokussieren», erzählt die junge Kosmetikerin.

Zu viel Zeit für die Schule

Auch Miriam di Britas Schulunterricht findet nur noch online statt. Und auch bei ihr wird Selbstdisziplin grossgeschrieben: «Am Anfang der Stunde haben wir einen kurzen Videochat mit unseren Lehrer*innen, die uns sagen, was wir machen müssen. Danach liegt es an uns, die Aufgaben zu erledigen.»
Nicht immer werden die Aufgaben dann auch sofort pflichtbewusst gelöst. «Dadurch, dass in den letzten sechs Wochen die Arbeit wegfiel, hatte ich fast schon zu viel Zeit. Die Versuchung war gross, die Schularbeit auf den nächsten Tag zu verschieben». Auch ihre Prüfungen stehen erst im dritten Lehrjahr an. Mit ein Grund, warum es ihr zurzeit schwerfällt, sich voll auf die Schule zu konzentrieren: «Onlineunterricht ist eine grosse Umstellung. Wenn man den Lehrer nur auf einem kleinen Bildschirm sieht, ist es viel schwieriger, sich voll auf den Unterricht zu konzentrieren und motiviert zu bleiben.»
Dennoch gibt sie ihr Bestes, denn sie weiss, dass der Alltag wiederkommen wird. «Auch wenn jetzt gerade keine Prüfungen in Aussicht sind, weiss ich, dass ich den Stoff bis spätestens im nächsten Jahr beherrschen muss.»
Drei Lernende, drei unterschiedliche Geschichten. Die vor allem zeigen, dass die Coronapandemie je nach Branche und Lehrjahr ganz unterschiedliche Auswirkungen hat. Eines haben jedoch alle Lehrlinge gemeinsam – sie werden zu stärkerer Selbstdisziplin und Eigenverantwortung gezwungen.

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28. April 2020

Printausgabe vom
30. April 2020
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