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Dorfleben

Leben im Lockdown

28. April 2020 von

Erika Ehing und E. A. geniessen die Sonne auf der Riedhofterrasse trotz der Krise.
Foto: Dagmar Schräder

Erika Ehing und E. A. geniessen die Sonne auf der Riedhofterrasse trotz der Krise.

Foto: Dagmar Schräder

Das Ehepaar Pfister ist glücklich, zusammen im Riedhof leben zu können.

Foto: Dagmar Schräder

Käthi Raduner, Ruth Niederer, Giovanna Albrecht und Annemarie Sommerhalder halten zusammen.

Von

Online seit
28. April 2020

Printausgabe vom
30. April 2020
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Die Bewohner*innen der Alters- und Pflegeheime durchleben besondere Zeiten: Besuchsverbot, «Social distancing», Spaziergänge nur noch auf dem Areal. Wie meistern Belegschaft und Bewohner*innen diese spezielle Situation? Ein Augenschein im Alterswohnheim Riedhof.

Es ist wieder einer der unzähligen sonnigen, warmen Tage in diesem aussergewöhnlichen April. Die Parkbänke laden zum Verweilen ein, die Grünflächen zum Spazieren, doch vor dem Alterswohnheim Riedhof sind die Bänke abgesperrt, die Grünanlagen verwaist. Überall Hinweise auf das Besuchsverbot, die Eingangstüre verschlossen, Einlass nur nach Rücksprache mit dem Empfang. Normalität in Zeiten von Corona. Seit dem 16. März gelten die verschärften Massnahmen für alle Alters- und Pflegezentren zur Prävention von Ansteckungen. Von aussen schwer vorstellbar, wie das Team und die Bewohnenden damit umgehen, sich hier im Riedhof von der Aussenwelt quasi «abzuschotten». Nicolai Kern, Leiter des Alterswohnheims, Erika Ehing, Leitung Pflege und Betreuung, sowie einige der Bewohner*innen gewähren dem «Höngger» an diesem Nachmittag trotz Krise einen kleinen Einblick in ihren Alltag.

Gute Stimmung statt Panik

Kern und Ehing wirken trotz Krise sehr positiv und entspannt. «Wir haben von Anfang an versucht, keine Panik zu verbreiten», erklärt Ehing. «Wir halten uns strikt an die Auflagen der Gesundheitsbehörden, versuchen aber dennoch, unseren Humor und die gute Stimmung nicht zu verlieren.» Der Alltag geht weiter – in einer etwas anderen Form. So wurde etwa der Speisesaal bis in den Bereich der Cafeteria ausgeweitet, die ja im Moment sowieso für die Öffentlichkeit geschlossen ist. Damit konnten die Tische weiter auseinandergestellt werden, damit die Distanz gewahrt bleiben kann. Einkäufe im Dorf erledigen nun die Mitarbeitenden für die Bewohnenden, diese können ihre Bestellungen beim Personal aufgeben. Externe Mitarbeiter*innen dürfen das Haus nicht betreten, das dadurch wegfallende Angebot wird intern abgedeckt. Die Bewohnenden sind angehalten, sich nur noch im und auf dem Gelände rund um das Haus aufzuhalten. Arztbesuche im Zentrum Hönggs sind zwar noch möglich, die Bewohner*innen werden jedoch mit dem Auto zu ihrem Termin gebracht. Und überall dort, wo der Abstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann, bei der Pflege und beim Service, tragen die Mitarbeitenden Mundschutz. Doch sonst, so Ehing, «hat sich für uns im Alltag gar nicht so viel verändert. Bei der Pflege bedeuten die neuen Massnahmen keine grosse Umstellung, wir achten ja generell auf Hygiene und Schutz der Bewohnenden vor Infektionen.» Und auch das Angebot der Aktivierung, die Freizeitangebote und die normalen täglichen Strukturen werden selbstverständlich weiterhin aufrechterhalten. «Die Stimmung», so betont sie, «ist nach wie vor sehr gut. Das Team funktioniert ausgezeichnet und auch die Bewohnenden und ihre Angehörigen zeigen sehr viel Verständnis für die Situation und verlieren den Mut nicht.»

Warten auf die nächste Seerundfahrt

Im Gespräch mit den Bewohner*innen bestätigt sich dieser Eindruck. So geniesst etwa die 93-jährige E. A. das im Alterswohnheim vorhandene Angebot nach wie vor: «Wir haben recht viel Abwechslung hier, es werden Märchen vorgelesen, wir basteln, können turnen und Gedächtnistraining machen.» Auch die Musikbox, das tägliche Angebot, in der Musikwünsche abgespielt werden, wird von ihr gerne genutzt. Das Besuchsverbot schränkt sie nicht allzu sehr ein, denn, wie sie sagt, «telefonieren geht immer». Einen Bekannten hat sie vor einigen Tagen auf ein kurzes Gespräch vor der Haustüre getroffen, ihr traditionelles Familientreffen im September wird – so hofft sie – wieder ganz normal stattfinden können. Was sie jedoch vermisst, sind die Spaziergänge ins Dorfzentrum zum Einkaufen sowie die Möglichkeit, auf dem Zürichsee eine Rundfahrt mit dem Schiff zu machen: «Wenn die Krise vorbei ist, dann möchte ich als Erstes wieder einmal eine Seerundfahrt machen, in Küsnacht aussteigen und im Restaurant Sonne ein paar Fischknusperli essen», gesteht sie, «auch meine alte Wohnung in Höngg müsste ich unbedingt mal wieder aufräumen. Dieser Stillstand ist schon ein wenig mühsam».

Gute Gesellschaft hilft durch die Krise

Auch Annemarie Sommerhalder, Käthi Raduner, Ruth Niederer und Giovanna Albrecht haben sich mit der Situation arrangiert. Sie geniessen die schöne Lage des Riedhofs, die grosszügige Dachterrasse und vor allem die nette Gesellschaft, die sie aneinander finden. Richtig kennengelernt haben sie sich erst, seit sie hier wohnen – und verbringen nun viel Zeit miteinander. Selbst in dieser schwierigen Zeit können sie noch viel zusammen lachen, erklären die vier Damen, alle über 80 Jahre alt. Langweilig werde es ihnen jedenfalls nicht, sind sie sich einig – und Angst vor dem Virus hätten sie ebenfalls keine. «Natürlich passen wir auf», erklären sie, «aber in Angst zu leben bringt ja nichts. Uns geht es gut hier – und einmal muss man halt sowieso gehen, das ist uns sehr bewusst.» So geniessen sie lieber die Zeit, die sie hier verbringen können. Einzig das Besuchsverbot macht ihnen zu schaffen, vor allem Ruth Niederer, deren Tochter in der Nähe wohnt und sonst regelmässig vorbeikommt. «Ich telefoniere mit ihr, aber es wäre schon sehr schön, sie mal wieder persönlich zu sehen. Das nervt schon, sich nie treffen zu können», so Niederer.

Folgen vor allem für die Jungen

Ein wenig einfacher hat es da das Ehepaar Pfister: Sie sind in der glücklichen Lage, zu zweit im Riedhof zu leben. Daher, so erklären die beiden über 90-Jährigen, «trifft uns die Situation gar nicht so stark», obwohl vor allem Herr Pfister mit nur einem Lungenflügel und seinem fortgeschrittenen Alter natürlich ein starker Risikopatient ist. Doch die beiden halten sich aneinander und meiden, wo möglich, den Kontakt zu anderen. Die Tochter, die ganz in der Nähe wohnt, darf momentan zwar nicht mehr vorbeikommen, trifft die beiden aber zwischendurch kurz im Park, der das Gebäude umgibt, so dass sie sich wenigstens auf Distanz begrüssen können. «Ausserdem», so das Ehepaar augenzwinkernd, «telefonieren wir zweimal täglich, einmal morgens, um uns gegenseitig einen guten Tag zu wünschen, einmal abends, um uns zu verabschieden.» Ein wenig belastend finden die beiden die Allgegenwart des Themas, «den ganzen Tag hört man nichts anderes als Corona», bemerkt Pfister, «doch uns tangiert das nicht mehr so, für uns ist hier ja gut gesorgt. Ausbaden müssen das die Jungen, die wirtschaftlichen Folgen, das wird die jüngeren Generationen noch eine Weile beschäftigen», so die Meinung der Pfisters. «Wir aber sind hier eh auf der «Abschussrampe», der letzten Station unseres Lebens und geniessen die freundliche Stimmung und den guten Geist, der hier im Haus herrscht, ohne uns allzu grosse Sorgen machen zu müssen.»

Bis jetzt keine Krankheitsfälle

Zur guten Stimmung trägt nicht zuletzt wohl auch bei, dass der Riedhof bis anhin vom Virus komplett verschont geblieben ist. Weder bei den 93 Bewohner*innen noch unter den rund 100 Mitarbeitenden gab es einen Corona-Fall. Wohl hätten in den letzten Wochen einige der Senior*innen Erkältungssymptome und erhöhte Temperatur aufgewiesen, alle daraufhin durchgeführten Corona-Tests seien jedoch negativ ausgefallen, wie Ehing erklärt. Das Vorgehen bei Symptomen und Verdacht auf Corona ist aber klar definiert: «Wenn jemand Symptome aufweist, wird der oder die Betroffene natürlich sofort isoliert, muss im eigenen Zimmer verbleiben und erhält auch die Mahlzeiten auf das Zimmer geliefert», führt Ehing aus. Alle Bewohnenden haben zu Beginn der Pandemie einen Patientenwillen ausgefüllt, in dem sie erklären, welche medizinischen Massnahmen sie im Falle eines schwereren Verlaufs der Erkrankung wünschen. «Rund 80 Prozent haben angegeben, dass sie möglichst hier im Riedhof verbleiben und nicht in ein Spital verlegt werden möchten», so Ehing. Intensivpflege und künstliche Beatmung lehnen die meisten Bewohnenden im Ernstfall also ab. «Unser Hausarzt kann die Patienten hier im Haus pflegen, auch Sauerstoff ist vorhanden. Wir werden versuchen, diesem Wunsch der Patienten wo immer möglich zu entsprechen. Kritisch könnte es allerdings werden, wenn zu viele Bewohner*innen gleichzeitig erkranken oder wir erkennen, dass wir die Pflege hier vor Ort nicht mehr verantworten können, beispielsweise wenn die Person zu starke Schmerzen hat», erläutert Ehing.

Baldige Lockerungen?

Doch solche Entscheidungen müssen im Moment glücklicherweise nicht getroffen werden. Im Gegenteil: Anfang Mai wird die Geschäftsleitung erste Gespräche darüber führen können, wie das Corona-Regime gelockert werden könnte. Einen genauen Zeitplan dafür gibt es allerdings noch nicht, «bis mindestens zum 30. April bleibt der Riedhof wie alle anderen Alterszentren geschlossen, wahrscheinlich wird die Massnahme von den Behörden danach noch verlängert. Wir werden in der Geschäftsleitung jedoch in den kommenden Wochen gemeinsam anhand der Vorgaben der Gesundheitsdirektion einen für unser Heim individuellen Fahrplan für eine schrittweise Öffnung erarbeiten», führt Ehing aus. Gut vorstellbar, dass in den nächsten Wochen in einem kontrollierten Rahmen wieder Besuche ermöglicht werden. Dann kehrt wieder ein Stückchen Normalität in den Riedhof ein.

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