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Leitartikel

Kultur in der Krise

18. November 2020 von

Adrian Bütikofer hat eine gewisse Resilienz entwickelt.
Foto: Adrian Bütikofer

Adrian Bütikofer hat eine gewisse Resilienz entwickelt.

Foto: Dagmar Schräder

Anouk Obschlager vermisst die Konzerte, geniesst aber auch die Tatsache, mehr Zeit zu Hause verbringen zu können.

Foto: zvg

Thomas Meienberg arrangiert sich mit der Situation und nimmt jeden Tag, wie er kommt.

Von

Online seit
18. November 2020

Printausgabe vom
19. November 2020
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Wie erleben Höngger Kulturschaffende die coronabedingte Krise, wie gehen sie damit um und welche Perspektiven sehen sie für die Zukunft?

Die Corona-Pandemie hat das Leben – zumindest für den Augenblick – stark verändert. Eine der Branchen, die die Auswirkungen der Pandemie besonders stark zu spüren bekommt, ist die Kultur. Abgesagte Veranstaltungen, Verdienstausfälle, fehlendes Publikum und die Ungewissheit, wie es weitergeht, sind nur einige der Punkte, mit denen die Künstler*innen zu kämpfen haben. Der «Höngger» hat sich mit drei Höngger Kulturschaffenden verschiedener Sparten darüber unterhalten, wie es ihnen beruflich und privat in der momentanen Situation geht.

Corona heisst auch verzichten lernen

Anouk Obschlager ist Musikerin. Rund die Hälfte ihres Lebensunterhalts verdient die Bratschistin mit dem Engagement in verschiedenen Orchestern und Ensembles für zeitgenössische Musik, Operetten und Chorbegleitungen. Zusätzlich arbeitet sie 50% als Buchhändlerin in einer grossen Buchhandlung. Als der Lockdown Mitte März begann, waren verschiedene Projekte in den einzelnen Ensembles geplant. Die letzten Konzerte spielte sie anfangs März in Kirchen, dann war schlagartig Schluss mit Proben und Auftritten. In welcher Form und Höhe die Musikerin in dieser schwierigen Situation unterstützt und für ihren Erwerbsausfall entschädigt wurde, das wurde in den einzelnen Ensembles ganz unterschiedlich gehandhabt. Während die grossen Orchester, in denen sie spielt, wie «Basel Sinfonietta», ihre Angestellten auf Kurzarbeit setzen und zumindest bis Ende der Saison im Juli 80 Prozent der Gage auszahlen konnten, war dies den kleineren Formationen, die keine Subventionen erhalten, nicht möglich. Einzelne der Ensembles haben mittlerweile Anwälte eingeschaltet, um überhaupt an staatliche Unterstützungsgelder zu gelangen. Musiker*innen, Sänger*innen und Dirigent mussten bis jetzt auf ihr Gehalt verzichten. Das machte sich auch in der Familienkasse der Höngger Musikerin natürlich durchaus bemerkbar. «Materiell musste ich mich in den letzten Monaten schon ein wenig einschränken», gesteht die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, «es ist aber auch erstaunlich, worauf man eigentlich alles verzichten kann, wenn es die Situation erfordert».

Es geht weiter – mit grossen Einschränkungen

Nach dem Sommer wurden der Probenbetrieb und die Vorbereitung auf Konzerte vorerst wiederaufgenommen. Einige der Konzerte, in denen sie als Begleitung für Chormusik tätig gewesen wäre, werden nun in rein instrumentaler Form durchgeführt, da die Laienchöre nicht mehr proben dürfen. So kommen immerhin die Musiker*innen noch zu ihrem Einsatz und die Veranstalter müssen nicht komplett auf das Konzert verzichten. Auch bei der «Basel Sinfonietta» geht der Betrieb weiter. Für die Proben mussten neue Räumlichkeiten gefunden werden, damit bei dem grossen Orchester mit 60 bis 80 Mitgliedern die Abstände zwischen den Musiker*innen eingehalten werden können. Livekonzerte wird das Orchester in diesem Jahr zwar nicht mehr geben, stattdessen wird Radio SRF 2 Kultur die aktuelle Produktion ausstrahlen.

Die Musik fehlt

Doch ansonsten sind mittlerweile die meisten Veranstaltungen bereits wieder abgesagt. «Persönlich fühle ich mich im Moment recht arbeitslos. Mir fehlt die Musik schon – auch wenn ich es geniessen kann, jetzt viel mehr Zeit zu Hause zu verbringen», erklärt Obschlager. «Ich denke, dass die Situation für alle sehr schwierig ist – nicht nur für uns Profis, sondern auch für die Laienmusiker*innen, die oft noch eine viel längere Vorbereitungszeit für ihre Konzerte haben.
Bis mindestens Frühling 2021 sind die Konzerte nun bereits abgesagt, das bedeutet, dass fast die ganze Saison ins Wasser fällt», bedauert sie. «Das ist für mich zwar in Bezug auf die Schutzmassnahmen nachvollziehbar, aber auch sehr schade. Gerade in diesen Zeiten halte ich die Kultur für sehr wichtig – für alle», ergänzt sie. Die Auswirkungen der Pandemie, da ist sie sich sicher, werden auf jeden Fall in ihrer Branche noch lange zu spüren sein.

Sich selbst zu helfen wissen

Unberechenbar ist die Lage auch für die Theater. Thomas Meienberg ist seit 30 Jahren als Schauspieler in Zürich tätig. Er arbeitet auf der Basis von Stückverträgen für die Zürcher Märchenbühne, das Bernhard Theater und das Sommertheater Winterthur. Als der Lockdown im März kam, lief auf der Märchenbühne gerade noch die «Pippi Langstrumpf»-Produktion. Das Theater am Hechtplatz, wo das Stück aufgeführt wurde, war aufgrund der sehr beengten Platzverhältnisse eines der ersten Häuser, das schliessen musste – noch vor dem Schauspielhaus und anderen Theatern der Stadt Zürich. Meienberg reagierte sofort und meldete sich beim RAV arbeitslos, trotz seiner bestehenden Stückverträge für die Saison. Er war daher auch nicht auf Kurzarbeit oder Entschädigungen von Seiten seines Arbeitgebers angewiesen. «Ich muss sagen, persönlich bin ich relativ glimpflich über die Zeit des Lockdowns gekommen», erklärt er. «Ich habe mich arbeitslos gemeldet, konnte dann aber glücklicherweise nach nur drei Monaten mit meinem Nebenjob, den ich normalerweise in der Spielpause während des Sommers ausübe, beginnen. Dort gab es genug zu tun. Ausserdem habe ich die Zeit genutzt, um meine eigene Homepage auf- und auszubauen und mich um mein zweites Standbein, den Gesang, zu kümmern», so Meienberg.

Märchen funktionieren auch in der Krise

Nach der Sommerpause, als sich die Situation vorübergehend entspannt hatte, holte die Märlibühne einen Grossteil der im Frühling ausgefallenen Vorstellungen von «Pippi Langstrumpf» im Bernhard Theater nach, die Zuschauer*innen, die ihre Tickets bereits gekauft hatten, mussten nicht auf den Märchenbesuch verzichten. Ab September liefen dann auch die Proben für das neue Stück «Räuber Hotzenplotz» an. Geprobt wurde mit striktem Schutzkonzept. Wenn einer der Schauspieler*innen Erkältungssymptome hatte, musste sofort der Produzent informiert und ein Test gemacht werden. Glücklicherweise war bis jetzt im Ensemble kein Corona-Fall zu verzeichnen. Ende Oktober haben nun die Aufführungen begonnen, mit jeweils nur noch 50 statt der möglichen 260 Zuschauer*innen. Ob die Zuschauer*innen aus Angst vor Ansteckung weniger häufig ins Theater gehen, kann Meienberg nicht wirklich sagen. «Bei der Märchenbühne füllen wir die verfügbaren Plätze auf jeden Fall ziemlich schnell. Ich glaube, bei den Kindern wird zuletzt gespart – Märchen geht man auch in der Krise noch gerne anschauen», überlegt er.

Existenzängste? Nicht wirklich.

Doch für das Theater ist die Situation natürlich schwierig: «Für so wenig Zuschauer*innen zu spielen, bedeutet grosse Einbussen bei den Einnahmen», erklärt Meienberg. «Viele Bühnen haben deswegen bereits wieder geschlossen, die Märlibühne spielt momentan noch weiter.» Auch für die Produktion im Bernhard Theater, die im Januar beginnen wird, fangen die Proben im Dezember an – ob die Aufführungen dann tatsächlich durchgeführt werden können, kann wohl niemand mit Sicherheit sagen.
Staatliche Subventionen erhalten die meisten Unterhaltungstheater nicht. Inwieweit die durch die Coronakrise verursachten Ausfälle durch Hilfe der öffentlichen Hand etwas kompensiert werden können, scheint Meienberg noch unklar zu sein. Existenzängste hat er deswegen jedoch nicht gross, «klar macht man sich Sorgen, aber ich denke, es gibt andere, die diese Krise noch viel härter trifft. Momentan muss man wohl einfach von Tag zu Tag leben und schauen, wie sich das alles entwickelt, viel weiter kann man ja gerade ohnehin nicht planen.»

Kreativität auch bei der Lösungsfindung

Der Höngger Adrian Bütikofer konnte gerade noch seine Kunstvernissage in Zürich feiern, als der Lockdown ausgerufen und die Galerie geschlossen wurde. Ein ziemlich herber Schlag für den bildenden Künstler. Doch er reagierte schnell – oder wie er es formuliert, hatte Glück im Unglück: Der Galerist liess einen Werkkatalog erstellen und Bütikofer produzierte kurzerhand einen Film zur Ausstellung. Gemeinsam stellten sie alles online. «So konnte ich schliesslich doch ein paar Werke verkaufen, obwohl niemand die Ausstellung besuchen durfte», erzählt Bütikofer. Nachdem die Museen wieder geöffnet hatten, durfte er seine Kunst noch länger in der Galerie belassen. «Aber irgendwann ist dann auch die Energie verpufft, man arbeitet ja meistens bereits an neuen Dingen und will sich nicht ewig mit Vergangenem beschäftigen.» Der grösste Frust sei jedoch gewesen, dass durch die Corona-Situation die zur Ausstellung gehörende Buchvernissage nicht hatte stattfinden können. «Das gelungene Werk an die Öffentlichkeit zu bringen wäre doch das Herzstück der Ausstellung gewesen», meint der Künstler noch immer etwas wehmütig. Glücklicherweise konnte dieser Anlass drei Monate später in seinem Atelier mit rund 60 Gästen nachgeholt werden, das sei schön und befreiend gewesen.

Mit Resilienz und Hoffnung durch die Krise

Für die Tage, in denen er während des Lockdowns nicht ausstellen konnte, hat er Erwerbsersatzentschädigung beantragt und war positiv überrascht darüber, wie unkompliziert und schnell diese ausbezahlt wurde. Als bildender Künstler lebt Bütikofer schon seit 20 Jahren in bescheidenen Verhältnissen und hat eine gewisse Resilienz entwickelt, um unsichere Zeiten besser zu verkraften. Durststrecken gab es immer. Dass die Ausstellungen wegfallen, bedauert er dennoch, «sie sind für uns Kunstschaffende wichtig, um präsent zu sein und unsere Arbeiten vorzustellen sowie die Menschen und damit natürlich auch potenzielle Kundschaft zu erreichen». Während er den Lockdown im März noch einigermassen glimpflich überstanden hat, merkt er nun, dass die Leute vorsichtiger und sparsamer werden. Kunst leistet man sich nicht als Erstes, wenn die Zukunft ungewiss ist. Doch die Gründe, wieso ein Werk schlussendlich doch nicht verkauft wird, sind vielfältig und auch für Bütikofer nicht immer absolut klar. Für das kommende Jahr hat der Höngger Künstler auf jeden Fall schon einmal weitere Ausstellungen geplant. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt er und macht am Telefon ein Geräusch zwischen Lachen und Räuspern, Ton gewordenes Achselzucken.

 

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