Jedem Tierchen sein Virchen

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute – eigentlich wenig originell – über Viren. Aber keine Angst, es geht nicht um Corona.

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Dagmar Schräder liebt es zu schreiben. (Foto: Jina Vracko)

Eigentlich haben wir ja langsam die Schnauze voll von all den Viren. Die letzten drei Jahre haben wir uns ihnen nun wirklich eingehend gewidmet. Doch das ist den Krankheitserregern völlig egal. Mit grossem Einfallsreichtum erfinden sie immer neue Varianten, um uns zu ärgern. Von Corona über Affenpocken bis zur Schweinepest.

War das früher eigentlich auch schon so? Oder sind die Viecher wirklich irgendwie auf dem Vormarsch? Kommt mir seltsam vor, wenn plötzlich eine Pandemie die nächste ablöst. Ist es unsere Lebensweise, die ihnen Tür und Tor öffnet, um sich immer weiter breit zu machen?

Jetzt also mal wieder die Vogelgrippe. Die ist ja eigentlich schon eine alte Bekannte. Seit Jahren geistert sie irgendwo zwischen Asien und Europa rum und hält vor allem die Geflügelhalter*innen immer wieder auf Trab. Meistens im Winter, wenn der Vogelzug stattfindet. Nun müssen unsere Hühner wieder Mindestabstände einhalten und sich gegenüber anderen Vogelarten isolieren.

Trotzdem steckt sich das «Nutzgeflügel» (fieses Wort) aber immer wieder mal mit der Grippe an. Und das endet ziemlich tödlich. Deshalb kann man auf den Agrarwebseiten jetzt auch regelmässig nachlesen, wie viele Tiere dran glauben mussten. Als kleine Randnotiz der Tierpandemie. Zum Beispiel in unserem nördlichen Nachbarland. Da steht dann: «In Betrieb X/Y ist die Vogelgrippe ausgebrochen 100 000 Legehennen wurden gekeult.» Klingt grauenhaft. Ist es auch. Werden die Tiere mit der Keule erschlagen? Wohl nicht. Ein bisschen sanfter werden sie hoffentlich schon eliminiert. Aber dennoch – das muss man sich mal vorstellen: 100 000 Tiere, die nun keinen Nutzen mehr haben.

Nur schon die Logistik, die es braucht, um so viele Vögel gleichzeitig zu töten. Und wohin mit den Kadavern? Essen darf man die ja wohl nicht mehr. Die sind bestimmt Sondermüll. Und dann warten, bis die Viren weg sind und schon können die nächsten Eierproduzentinnen einziehen. Die Masse macht’s. Überhaupt: Unter welchen Bedingungen leben so viele Tiere auf so engem Raum? Unvorstellbare Zahlen. Wieder mal ein Symbol für den ethisch sehr fragwürdigen Umgang mit unseren tierischen Mitbewohner*innen hier auf dem Planeten.

Gut, diese Zahlen stammen nicht aus der Schweiz. Hier ist alles eine Nummer kleiner, die Bestandsgrössen liegen maximal bei ein paar tausend. Hier gibt es schon lange keine Käfighaltung mehr für die Hühner. Und auch die Vogelgrippe wütet lange nicht so schlimm wie in unseren Nachbarländern. Wir haben bis anhin noch Glück gehabt. Bis jetzt erwischt es höchstens ein paar kleinen Hobbyhaltungen, warum auch immer.

Aber auch hier müssen alle Hühner sterben, wenn bei einem Tier die Seuche ausbricht. Aus seuchenpolitischer Sicht nachvollziehbar, die Grippe muss ja eingedämmt werden. Und anstecken würden sie sich ja wohl ohnehin. Aber traurig ist das schon. Ein bisschen zynisch auch, wie das hierzulande von der zuständigen Behörde genannt wird, wenn wieder ein Fall aufgetreten ist: «Der Betrieb wurde umgehend saniert.» Saniert. Klingt natürlich viel besser als «keulen.» Doch der Effekt für die Hühner ist derselbe.

1 Kommentare


Graziella del Bono

9. Februar 2023  —  15:29 Uhr

Liebe Dagmar Schräder, das haben Sie gut gesagt, «Mitbewohner hier auf dem Planeten». Es ist echt traurig, was Sie beschrieben haben und schockierend. Am besten man verzichtet auf tierische Produkte oder konsumiert viel weniger davon.
Vielen Dank für Ihren guten Input!
Besten Gruss
GdB

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