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Dossier Kunst

Im Zeichen des Kreises – weit über Höngg hinaus

2. Februar 2012 von

Foto: Fredy Haffner

Heinz Müller-Tosa vor seinem «potemkinschen Dorf». Unten auf diesem Foto ein Teil des beschriebenen Bildes «Zwei gleiche Kreise».

Foto: Fredy Haffner

Kreise oder deren Fragmente prägen Müller-Tosas Werk.

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2. Februar 2012

Printausgabe vom
02. Februar 2012
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Der Höngger Künstler Heinz Müller-Tosa und das zentrale Element seiner Kunst, der Kreis, haben eine Gemeinsamkeit: Beide sind sie Sonderfälle. Der Kreis als solcher der Ellipse, Müller-Tosa innerhalb der konkreten Kunst. «Beurteilen wir, was wir sehen oder was wir wissen?» – der «Höngger» suchte eine Antwort.

Anlass für den Besuch im Atelier von Heinz Müller-Tosa war das Buch «Im Zeichen des Kreises» über sein umfassendes Werk, das Ende letzten Jahres erschienen ist (siehe Kasten). Der Schreibende hatte bislang wenig Verständnis für die konkrete Kunst, die abstrakt und auf den ersten Blick eher einengend monoton wirkt – doch nach dem Atelierbesuch erkannte er das Befreiende in ihr. Heinz Müller-Tosa lebt seit 25 Jahren in Höngg. Seit einigen Jahren hat er auch sein Atelier im Rütihof. Der Raum spiegelt seine Kunst: Er ist peinlichst genau aufgeräumt – bis hin zum einzelnen Bleistift ist alles exakt im rechten Winkel, der richtigen Flucht ausgerichtet. Müller-Tosa lacht verschmitzt: «Wenn hoher Besuch kommt, kreiere ich ein potemkinsches Dorf. Wenn ich aber arbeite, sieht es hier ganz anders aus.» Eine Ahnung davon erhält, wer ein Werk des Triptychons «Drei gleiche Kreise» betrachtet, das noch im Atelier steht: Während die Gründerväter der Konkreten meistens flächig und opak, also lichtundurchlässig, malten, stiess Müller-Tosa längst in die Welt der Strukturen vor. Mit tausenden von «Pinselhieben», wie er die einzelnen Striche bezeichnet, entstand im betrachteten Bild Schicht um Schicht aus Gelb, Violett, Grün, Weiss und Blau, eine lebendige Fläche, ein Raum. Die meisten der aufgetragenen Farben sind im fertigen Bild physisch nicht mehr erkennbar – und dennoch fühlbar präsent wecken sie Assoziationen zu Himmel und Wasser. Oder was auch immer – der Künstler will beim Betrachter gar nicht die gleichen Assoziationen wecken, die er hatte. Nein, er lässt ihn frei.

Von der naturalistischen Malerei in die Abstraktion

Fliessend gelang der 68-Jährige von der naturalistischen Malerei seiner Jugendjahre in die Abstraktion. Sein beruflicher Weg führte ihn aus seiner Heimatstadt Winterthur – daher das «Tosa» in seinem Namen – über die Kunstgewerbeschule Zürich und zur Ausbildung zum Schaufensterdekorateur. «Ein Brötliberuf», den er seinen Eltern zuliebe gelernt habe, sagt er heute. Doch er lernte Max Bill und Richard Paul Lohse, die Überväter der Zürcher Konkreten, kennen, deren Arbeiten ihn faszinierten. Er war 27, als ihn Beruf und Malerei, die er nebenbei betrieb, beinahe die Energiereserven kosteten. Seine Frau sprach ein Machtwort: «Wenn du Künstler sein willst, dann musst du das auch ganz sein.» Sie ermunterte ihn nicht nur, sondern half seither tatkräftig mit. Finanziell blieb es für die Familie mit Tochter bis heute ein Wagnis. «Kunst ist 10 Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration», blickt Tosa zurück, «das muss man wissen, wenn man davon leben will.» Doch nach 45 Jahren konkretem Schaffen zählt Müller-Tosa mit 35 Einzel- und 120 Gruppenausstellungen sowie zahlreichen, oft gewonnenen Wettbewerben und Stipendien ebenfalls zu den grossen Namen mit einer konsequenten Entwicklungslinie. Die Kunsthalle Winterthur widmete ihm 2000 eine Einzelausstellung. Zum erwähnten «Sonderfall» macht sich Müller-Tosa, da er sich unter den Konkreten, die 1910 ihre Anfänge nahmen, konsequent dem Element Kreis gewidmet hat. «Quadrat und Dreieck wurden oft gebraucht», macht er einen Ausflug in die Kunsthistorik, «vor dem Kreis dagegen scheute man sich oft, weil er sehr schwer anzubringen ist, sei es innerhalb eines Bildträgers oder an Bauten.» Der Kreis ist weniger kontrollierbar. Dabei ist er die vollkommenste Form, ein Sonderfall der Ellipse, ohne Anfang und Ende. Diese Hintergründe faszinierten den Künstler und verleiten ihn zu – der geometrischen Form gleichen – Gedankengängen über das Leben und wie man es wahrnimmt. «Schauen Sie dort die Deckel der Konfitürengläser», weist er auf den Arbeitstisch hin. «Von hier aus sehen Sie optisch eine Ellipse, Ihr Verstand weiss aber, dass dies ein Kreis sein muss – das fasziniert mich! Auf das Leben bezogen, wenn wir etwas beurteilen, einen Gegenstand, eine Person: Urteilen wir über das, was wir sehen, oder über das, was wir wissen? Das ist verrückt und schon Goethe beschäftigte sich damit.» Diesen Gedanken lässt er immer wieder in seinem Werk anklingen, mit klaren, einfachen Mitteln. Konkret und mit einer unheimlichen Exaktheit an, nein, auf der Grenze des von Hand Machbaren. Geometrie ist ihm kein Selbstzweck, sondern Hilfsmittel, um die Botschaft zu übertragen.

Vom Emotionalen zum Konstrukt

Die konkrete Kunst gibt vor, dass vieles an ihr konstruiert ist. Würde man eine Form auf dem Bild verschieben, Müller-Tosa würde es sofort bemerken. Spätestens eine Nachmessung würde die Manipulation aufdecken. Doch nicht alles ist Konstrukt, wie der Künstler erklärt: «Der Ursprung der Bilder liegt in emotionalen Skizzen. Was Form ist, habe ich dann mit dem Intellekt geplant. Die Farbe aber hat nichts mit Intellekt zu tun – sie ist rein emotional.» Zwei Hemisphären, analog zu den beiden Hirnhälften: Die linke ist zuständig für analytisches Denken, Sprache, Mathematik. Die rechte dagegen für alle Emotionen – erst im Zusammenspiel ergeben sie ein Ganzes. Auch das etwas, was Müller-Tosa fasziniert, die Neurologie und ihre philosophischen Auslegungen. Mit konstruierter Form und emotionaler Farbgebung vereint er beide Hemisphären in seinen Bildern.

Kunst ist Auseinandersetzung

«Damit kann ich nichts anfangen» – mit dieser Haltung werden Konkrete oft konfrontiert. Auch Heinz Müller-Tosa. Er sagt dazu, dass jede Kunst Auseinandersetzung brauche. Natürlich könne man einen Hodler oder einen Cézanne oberflächlich betrachten, doch erst die Auseinandersetzung mit ihnen bringe eine neue Erfahrung, einen Gewinn für den Betrachtenden: «Jedes Buch, jede Musik, Filme, was auch immer – man kann sie einfach über sich ergehen lassen oder sich auf sie einlassen. Was bringt mehr?» Natürlich, um konkrete Kunst zu verstehen, braucht es ein minimales Grundwissen. Doch das ist überall so: «Wenn Sie die Regeln nicht kennen, begreifen Sie selbst einen Tennismatch nicht», gibt Müller-Tosa zu bedenken. Doch wichtiger als Wissen ist ihm die Offenheit des Betrachters, der sich vor ein Bild stellt und es einfach wirken lässt – bis es zu ihm «spricht», denn Kunst ist wie Sprache. Der Besuch im Atelier war vorbei, der Stundenkreis vollendet. Wie um seine Endlosigkeit aufzuzeigen, sagte Müller-Tosa zum Abschied: «Man muss vielseitig sein im ganzen Leben, in vielen Kreisen denken, sich vielseitig interessieren. Hören Sie den Vogel da draussen? Was ist es? Eine Kohlmeise. Ich hatte mein Atelier lange in Affoltern und spazierte täglich von Höngg durch den Wald dorthin. Ich notierte ein Jahr lang jeden Vogel, 56 verschiedene Arten. Ich kenne alle. Und dieses Geschenk ist einfach so hier, es braucht nur etwas Aufmerksamkeit.» Der Künstler als Betrachter – nicht von ungefähr sagt er: «Ich muss nochmals 20 Jahre arbeiten, meine Schubladen sind voller Ideen.»

Müller-Tosa, «Im Zeichen des Kreises», Scheidegger und Spiess 2011, 24 x 28 cm, gebunden, 144 Seiten, 120 Abbildungen. ISBN 978-3-85881-336-7, erhältlich im Buchhandel. Das nächste öffentlich zugängliche Werk, «Sonnenbogen», ist an der Glasfront des Foyers des Kirchgemeindehauses Höngg zu betrachten. Ein Artikel dazu ist unter www.höngger.ch/Archiv, PDF-Ausgabe 22. Februar 2007, abrufbar.

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