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Höngger Wald

Im Wald geht es immer auch um den Menschen

5. Dezember 2018 von

Foto: Grün Stadt Zürich

Wildhüter Erwin Nüesch mit seinen beiden Diensthunden, der Dackelhündin Diva und ihrer Nachfolgerin Jaika vom Falkenstamm der Rasse Langhaar-Weimaraner, die sich noch in Ausbildung befindet.

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5. Dezember 2018

Printausgabe vom
05. Dezember 2018
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Der Wildschonrevieraufseher Zürich Nord, Erwin Nüesch, ist Tierhüter, Seelsorger, Metzger und Lehrer zugleich. Während seiner zwanzig Jahren im Beruf sind einige Geschichten und Einsichten zusammengekommen.

Erwin Nüesch hat einen Händedruck, den man nicht so leicht vergisst. Starke Finger umschliessen die Hand und ganz sicher könnten sie die Knochen darin ohne Anstrengung zersplittern lassen. Der Wildhüter braucht Kraft, schliesslich ist er manchmal auch Metzger. Doch dazu später.
Wildhüter ist eigentlich die falsche Bezeichnung. Richtig heisst es «Wildschonrevieraufseher» und der Weg zu diesem Titel ist kein Spaziergang: Fünf Jahre dauert die interkantonale Wildhüterausbildung, die mit der eidgenössischen Berufsprüfung endet. Wer die Ausbildung antreten will, muss bereits über fünf Jahre Berufserfahrung im Feld verfügen. Dass die Jagd- und Jagdaufseherprüfung Voraussetzung sind, ist selbstredend. In der ganzen Schweiz gibt es aktuell nur 72 vollamtlich angestellte Wildhüter – vier davon in der Stadt Zürich. «Die Bewirtschaftung und das Wildmanagement sind sehr anspruchsvolle Aufgaben», sagt Erwin Nüesch, seit 20 Jahren Aufseher des Wildschonreviers Nord. Wer nicht gut ausgebildet ist, kann grossen Schaden anrichten. Zum Beispiel, wenn er aus einer Kolonie Steinböcke oder Gämsen das falsche Tier rausnimmt. Oder einen gesunden Fuchs tötet, der lebend dafür sorgt, dass der Mäusebestand nicht zu gross wird.

Ja, das Töten von Wildtieren ist ein Bestandteil der Arbeit eines Wildschonrevieraufsehers. Sei es, um verunfallte oder kranke Tiere von ihrem Leid zu erlösen, oder um die Überpopulation einer Art zu verhindern. «Die wenigsten Tiere in diesem Gebiet haben einen natürlichen Feind, da die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette, wie Wolf, Bär oder Luchs, fehlen», erklärt Nüesch. Zürich ist die Stadt mit der grössten Fuchsdichte in Europa, «es gibt hier Füchse, die noch nie einen Wald gesehen haben». Eine wilde Jagd auf einem so dicht besiedelten Gebiet ist zu gefährlich, das hat man früh erkannt und die Stadt, bis auf drei Regionen an den Rändern, zum Wildschonrevier erklärt. Auf diesem Gebiet sind die Wildhüter die einzigen, die ein Tier erlegen dürfen. Nüesch spricht nicht davon, Tiere zu erschiessen, sondern nennt es «dem Tier einen Schuss antragen». Auch sonst sei die Sprache der Jagd eine blumige: Man schickt das Tier in die «ewigen Jagdgründe» und es gibt Jagdhornlieder, die er zu Hause spielt, er hat sie in «Für das Reh» oder «Für die Sau» umgetauft. Obwohl er von Gesetzes wegen die Erlaubnis hat, Nachtzielgerät und Wärmekamera einzusetzen, nutzt er diese Hilfsmittel wenn möglich nicht, «jedes Tier soll das Recht haben, flüchten zu können», meint er. Wenn er eines erlegt hat, zeichnet er es mit einem Zweiglein und auch er und sein Hund kriegen «den letztem Bruch», ein abgebrochenes Tannenzweiglein. «Das klingt für manche seltsam, ist für mich aber ein wichtiges Ritual», sagt der Wildhüter. «Die ursprüngliche Idee dahinter ist, dass der Jäger für 24 Stunden gekennzeichnet wird. Sollte er einen Fehler begangen haben, der den Zorn der Natur auf die Stadt zieht, wird er bestraft und nicht die ganze Bevölkerung», erklärt er. Zöge also ein Unwetter über Höngg, würde nicht das Quartier verwüstet, sondern lediglich der Jäger vom Blitz getroffen. Nüesch ist kein gläubiger Mensch, aber der Gedanke, auf diese Weise Verantwortung zu übernehmen, entspricht ihm.
Danach folgt das Ausnehmen und Zerlegen oder Zerwirken des Kadavers, wofür er das Metzger-Handwerk beherrschen muss. Meist bringt er die Stücke ins Restaurant Grünwald, Wirt und Gäste schätzten es jeweils sehr, wenn es Wild vom Hönggerberg gäbe, meint Nüesch. Wie viele Tiere in einem Jahr erlegt werden müssen, hängt von den Unfall- und Verbisszahlen des Gebietes ab. Der Abschussplan, der auf den Wildzählungen im Frühling basiert, wird von der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung geprüft, wenn nötig korrigiert und dann bewilligt. Die Zahlen sind für die Wildhüter verpflichtend. Würde man nun die Rehe sich selbst überlassen, wären die Bäume durch den Verbiss noch mehr unter Druck als sie es heute schon sind. Gleichzeitig soll es möglich bleiben, auf einem Spaziergang auch einmal ein Wildtier zu entdecken. Diese Balance zu finden und zu halten, ist eine der grossen Herausforderungen seiner Gilde.
Als Wildschonrevieraufseher begleitet Nüesch auch grosse Projekte, wie den Ausbau der Autobahn. Er berät die Stadt, damit Wildkorridore und Übergänge angelegt werden können und der Wildwechsel nicht unterbrochen wird. Die Tiere legen teilweise grosse Strecken zurück und ziehen über den Gubrist Richtung Bachsertal und weiter über die Lägern bis in den Jura.

Anwalt der Tiere

Dass sein Job so vielseitig sein würde, hätte sich der frühere Berufsfeuerwehrmann selbst nicht ausgemalt: «Ich bin Metzger, Seelsorger, Wildhüter, Lehrer und manchmal ein bisschen Polizist», meint er. Die Menschen hätten vergessen, wie man mit Wildtieren umgeht, sie romantisierten sie. Besonders im Winter gäbe es immer wieder Leute, die das Gefühl hätten, man müsse die armen Füchse und Rehe füttern. Dabei gibt es in der Natur genügend Futter und die Tiere wissen, wie sie sich in dieser Jahreszeit verhalten müssen. Durch das Anfüttern gewöhnen sich die Tiere jedoch an die Menschen, Füchse werden handzahm, Wildsäue verirren sich bis in die Siedlungen, und irgendwann kommt es zu einer unangenehmen Situation. Wie kürzlich, als sich die Anwohner*innen nicht mehr zu ihrem Haus trauten, weil eine Rotte Wildsäue im Garten auf sie wartete. Sie hatten Essen aus dem Fenster geworfen und die Tiere damit angelockt. So wendet sich die falsch verstandene Tierliebe schnell in ihr Gegenteil, weil Tiere, wenn sie ihre natürliche Scheu verlieren und aufdringlich werden, erlegt werden müssen. Oft komme es auch vor, dass sogenannte Tierfreunde Rehe mit Esswaren füttern, an denen sie dann verenden. Er sehe sich als Anwalt der Tiere, meint Nüesch. Wenn jemand dumm genug sei, einer Wildsau mit dem Handy nachzurennen, um ein Selfie zu machen, dann sei es nicht die Schuld der Sau, wenn er am Ende verletzt werde. Natürlich liebt er Tiere auch und selbst wenn er pragmatisch ist, aus Stein ist er nicht. Obwohl er überzeugt ist, dass man keine Beziehung zum Wild aufbauen sollte, ist es ihm auch schon einmal passiert, dass er eine Art Freundschaft mit einem Rehbock geschlossen hat, der ihn täglich an derselben Stelle im Käferberg begrüsste. «Eines Tages habe ich bemerkt, dass er hinkt», erinnert sich Nüesch. «Ich wusste, ich musste ihn von seinen Schmerzen erlösen, aber ich konnte es nicht. Ein anderer Wildhüter musste die Aufgabe übernehmen».

Im Wald lebt die 24 Stunden Gesellschaft

Von der Dämmerung bis Sonnenuntergang, das seien seine Arbeitszeiten, nachts herrscht Hahn in Ruh. Sehr oft passieren aber die Unfälle nachts, dann rückt er natürlich auch aus, wenn er von der Polizei oder direkt vom Verunfallten kontaktiert wird. Obwohl er sich als Anwalt der Tiere sieht: Sein häufigster «Klient» ist mit Abstand der Mensch. Der Hönggerwald, so nah an der Autobahn und an der Stadt, beherbge eine 24-Stunden-Gesellschaft. Nachts verkehren hier Leute, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen will. In seiner Anfangszeit verging keine Woche, in der er nicht einen aufgebrochenen Tresor fand. «Der grösste wog über vier Tonnen, den müssen sie mit einem Lastwagen und einem Kranen dort deponiert haben», meint Nüesch. Es seien wohl Anfänger gewesen: Überall im Umkreis von 20 Metern lagen Münzen und Papierfetzen, meint er lachend. Der Wald ist aber auch Zufluchtsort für Menschen in schwierigen Situationen. In den vergangenen zwanzig Jahren sind ihm viele traurige, verrückte, aber auch interessante Schicksale begegnet. Eine suizidale Frau bat ihn einmal, sie doch mit seinem Gewehr zu erschiessen, einen anderen überredete er, sich nicht in einem Teich zu ertränkten. «Man muss erst mal zuhören, gar nicht viel sagen», sagt der grosse Mann. «In diesen Momenten konnte ich Schlimmeres verhindern, aber was später geschieht, liegt nicht mehr in meiner Hand. Solche Geschichten gehen mir lange nach, auch wenn ich in meinem Berufsleben schon viel gesehen habe», meint der Wildhüter nachdenklich.

Aufklärung ist die Lösung

Sorgen macht dem Wildschonrevieraufseher mit welcher Geschwindigkeit der Mensch die Natur verändert. «Der Lebensraum für die Wildtiere wird immer enger», beobachtet er. Das Reh lebte früher auf dem Feld und suchte sich nur die guten Gräser. Durch die dichte Besiedlung wird es aber in den Wald gedrängt, wo es junge Bäume frisst, was wiederum ein Problem für die Förster darstellt. «Wenn die Schäden überhandnehmen, müssen wir den Bestand reduzieren, was wiederum bei der Bevölkerung auf Unverständnis stösst. Mit Führungen und Schulkursen versuchen wir deshalb, die Leute aufzuklären, wie man der Natur Sorge trägt. Dieses Verständnis zu fördern, sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben». Wenn Schulklassen zu ihm kommen, erklärt er ihnen, dass der Wald für die Tiere wie eine Wohnung sei, das können sie gut nachvollziehen. «Am Schönsten ist es für mich, wenn ich sehe, wie sie sich über das Gelernte austauschen und sich gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn sich jemand nicht richtig verhält. Dann weiss ich: Ich habe meine Arbeit gut gemacht».

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