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Menschen mit Behinderung

«Ich konzentriere mich auf das, was ich kann»

10. Juni 2019 von

Der Austausch mit seinen Mitmenschen ist ihm sehr wichtig: Diego Chiavi auf dem Sitzplatz seiner Wohngruppe.
Foto: Patricia Senn

Der Austausch mit seinen Mitmenschen ist ihm sehr wichtig: Diego Chiavi auf dem Sitzplatz seiner Wohngruppe.

Von

Online seit
10. Juni 2019

Printausgabe vom
13. Juni 2019
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Delio Chiavi lebt seit vier Jahren im Wohnzentrum Frankental. Am Anfang fühlte er sich hier nicht am rechten Ort, bis es irgendwann «Klick» gemacht hat.

Als ich vor vier Jahren ins Wohnzentrum Frankental kam, dachte ich, nein, hier bin ich nicht daheim. Mein Zuhause war die Fabrikstrasse in Altstetten, wo ich 19 Jahre lang gelebt habe. Ich dachte, ich gehöre einfach nicht dazu. Ich war fast der einzige ohne Rollstuhl. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die anderen akzeptieren mich nicht. Ich verbrachte viel Zeit für mich alleine im Zimmer. Eines Abends, das war etwa nach drei Jahren, kam ich verspätet zum Abendessen und hörte, wie der Betreuer sagte: «Lasst noch etwas übrig, der Delio kommt auch noch!». Da hat es bei mir «Klick» gemacht: Ich bin ihnen nicht egal. Sie nehmen mich wahr. Das ist nicht so einfach zu erklären, aber seither bin ich hier angekommen.
Mit zehn Jahren hatte ich einen Unfall. Ich rutschte zum Spass das Treppengeländer hinunter und landete unglücklich auf dem Kopf. Hirnschädeltrauma, ich war linksseitig gelähmt. Sechs Jahre lang musste ich einen Sturzhelm tragen. Diese Zeit verbrachte ich im Kinderspital Affoltern am Albis, wo ich auch eine Spezialschule besuchen konnte. Später haben sie mir einen Rippenknochen als Schädeldecke implantiert. Die erste und zweite Sekundarschule besuchte ich in einer gewöhnlichen Schule in Poschiavo. Danach konnte ich in Basel in einem Zentrum für Behinderte verschiedene Berufe ausprobieren. Die Handweberei hätte mich sehr interessiert, aber nur mit einer funktionierenden Hand ist das sehr anstrengend. Mit 18 versuchte ich es an der Kunsthochschule, aber da hatte ich keine Chance. Erst viel später klappte es schliesslich an der F+F Schule für Kunst und Design. Da war ich fast 30 Jahre alt. Die haben mich nicht trotz meiner Behinderung genommen, sondern wegen. Das war ein grosses Glück, ich habe sehr davon profitiert. Auch heute male und zeichne ich noch, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Ein Atelier habe ich hier natürlich keines mehr, das Frankental ist ja nicht für einen Kunstbetrieb eingerichtet.
Bevor ich hierherkam, lebte ich acht Jahre lang mit meiner Freundin zusammen, aber irgendwann ging das nicht mehr. Ich weiss nicht, vielleicht haben wir uns auseinandergelebt. Nach der Trennung war ich am Boden zerstört, verbrachte vier Monate in der Psychiatrischen Klinik. Danach lebte ich eine Zeitlang in einer Zweier-WG im Kreis 3. Ich bin ein sozialer Typ, ich könnte nicht alleine leben, nicht nur, weil ich auf Hilfe angewiesen bin, sondern vor allem, weil ich den Austausch mit anderen Menschen brauche. Mein Mitbewohner war aber ständig unterwegs, wir haben nie zusammen gekocht und uns auch nicht oft unterhalten. Das war keine gute Zeit.
Aber nun bin ich hier und versuche, das Beste daraus zu machen. Meine Erinnerung ist nicht so gut und das Rechnen fällt mir schwer. Vielleicht gefällt mir deshalb das neurologische Training so gut. Wir lösen zum Beispiel gemeinsam Kreuzworträtsel. Da geht es nicht darum, wer der Beste ist, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Das sind teilweise schwierige Fragen, nach einem Training hat man wirklich das Gefühl, wow, heute habe ich gearbeitet! Klar, jeder hat so seine Schwierigkeiten. Aber ich konzentriere mich auf das, was ich kann. Meine Devise ist: «Ich gehe so weit wie möglich». Ich versuche positiv zu bleiben, auch wenn ich mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen bin, wenn wir Ausflüge machen. Dank einer Hirnoperation sind meine epileptischen Anfälle schwächer und seltener geworden, ich stürze nicht mehr so oft, das ist eine grosse Verbesserung. Auch die Spaziergänge, die wir gemeinsam im Quartier unternehmen, sind wertvoll. Man sieht neue Dinge, hat Bewegung und frischen Gesprächsstoff. Nur rumzusitzen tut niemandem gut. Früher war ich noch im St. Jakobs Chor, Singen ist gut für das Gemüt, aber man muss natürlich auch üben. Zurzeit bin ich in keinem Chor mehr. Mittlerweile habe ich auch wieder Kontakt mit meiner Ex-Freundin, erst dachte ich, ich müsste sie einfach vergessen. Doch heute unternehmen wir gemeinsam Sachen, gehen in die Stadt. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Aber, was ist schon Alter? Es gibt junge Menschen, die uralt aussehen, und alte Menschen, die noch völlig jung wirken. Es ist alles eine Frage der Einstellung und der Ausstrahlung. Manchmal fragen sie mich, ob ich nicht wieder eine Freundin haben möchte, und es gab schon Verkupplungsversuche. Wenn ich so weit bin, suche ich mir schon selber eine. Sex, die schnelle Liebe, das ist mir heute nicht mehr so wichtig. Viel lieber habe ich gute Gespräche und dass man voneinander lernen kann. Heute muss alles so schnell lebbar sein, das gibt mir schon zu denken. Auch die Filme sind viel hektischer geworden, da ziehe ich die alten Fellini oder Hitchcock Filme vor.

Vor Kurzem hatten wir einen Begegnungstag im Wohnzentrum Frankental und bekamen Besuch von Jugendlichen. Die wussten gar nicht, wie wir hier leben. Es war richtig toll, sie kennenzulernen, sie waren sehr offen und haben uns später auch noch Briefe geschrieben und sich bedankt. Ich denke, es ist wichtig, dass man schon in jungen Jahren mit Menschen wie uns in Kontakt kommt. Früher hat man die Behinderten versteckt, es war ein Tabu, man sprach nicht darüber. Aber wenn die Kinder schon wissen, dass es auch andere Menschen gibt, dann wird es etwas Natürliches, sie verlieren die Scheu im Umgang mit ihnen. Das kommt am Ende allen zugute.

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10. Juni 2019

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13. Juni 2019
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