«Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert»

Milo Heuberger hat viele Pläne: Er möchte gerne Biologie studieren und ist ein ambitionierter Sportler. Der tragische Unfall, der zum Verlust seines rechten Armes führte, behindert ihn dabei keineswegs – ganz im Gegenteil: Er kann sogar das Positive daran sehen.

Milo Heuberger (rechts im Bild) spielt mit Leidenschaft Landhockey. (Foto: zvg)

Seit ich ein Jahr alt bin, lebt meine Familie hier in Höngg, unten an der Limmat. Ich habe zuerst die Primarschule Am Wasser besucht und war dann für zwei Jahre in der Sekundarschule Lachenzelg. Nach der zweiten Sek habe ich die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium bestanden. Nun besuche ich das Kurzzeitgymnasium Stadelhofen.

Was ich beruflich später einmal machen werde, weiss ich noch nicht so genau. Gerne würde ich mich zum Beispiel in Richtung Biologie orientieren und mich dann auf Verhaltensforschung konzentrieren. Es fasziniert mich sehr, wie Tiere miteinander kommunizieren und ich würde gerne mehr darüber erfahren. Ich könnte mir auch gut vorstellen, später mal viel zu reisen oder in einer anderen Stadt oder einem anderen Land zu leben.

Da meine Muttersprache Französisch ist, liegt mir der französische Sprachraum sehr nahe. Ich spreche aber nicht nur französisch, sondern singe auch gern in dieser Sprache. Deshalb habe ich vor Kurzem angefangen, Gesangsstunden zu nehmen.

Musik und Sport

Viel Zeit verbringe ich zudem beim Landhockey-Training. Viermal wöchentlich trainiere ich bei GC auf dem Hardhof, am Wochenende kommen manchmal noch Spiele dazu. Zu der Sportart bin ich durch einen Freund gekommen, ich hatte ursprünglich mal mit Fussball angefangen, aber die Atmosphäre im Fussballclub hat mir nicht so behagt.

Beim Landhockey war das anders, das hat mir von Anfang an grossen Spass gemacht. Ich war elf Jahre alt, als ich damit angefangen habe und hatte gerade ein halbes Jahr lang trainiert, als der Unfall passiert ist.

Unter den Zug geraten

Damals war ich auf der Geburtstagsparty eines Freundes im Technorama in Winterthur. Auf dem Heimweg mussten wir am Bahnhof in Oberwinterthur relativ lange auf die S-Bahn warten. Was danach genau passiert ist, weiss ich nicht mehr, ich kann die Ereignisse nur noch aus den Erzählungen der anderen wiedergeben.

Ich stand auf dem Bahnsteig wohl zu nahe an den Gleisen. Dabei bin ich vom heranfahrenden Zug erfasst worden, gegen die Lokomotive geprallt und unter den Zug geraten. Ich erinnere mich daran, dass ich auf den Schienen lag und ein Arzt mich nach meinem Namen und meiner Adresse gefragt hat. Schmerzen hatte ich in diesem Moment keine – im Gegenteil, ich habe eine angenehme Wärme im Arm verspürt. Danach wurde ich bewusstlos und fiel ins Koma.

Sofort wieder zurück ins Leben

Während drei Tagen war nicht klar, ob ich den Unfall überlebe. Ich hatte zahlreiche Knochenbrüche sowie einen mehrfachen Schädelbruch erlitten. Die gravierendste Verletzung aber betraf meinen rechten Arm: Er konnte nicht mehr gerettet werden und musste mit dem Schultergelenk amputiert werden.

Als ich schliesslich aus dem Koma erwachte, habe ich keinen Moment gezögert oder mit dem Schicksal gehadert. Ich hatte direkt die Motivation weiterzumachen: weiter zu trainieren, wieder in die Schule zurückzukehren. Nach vier Wochen Spitalaufenthalt habe ich deshalb darauf verzichtet, noch eine Reha zu besuchen und bin stattdessen nach Hause zurückgekehrt.

Nicht nur meine Familie, auch meine Trainer sowie meine Mannschaft haben mich bei der Genesung sehr unterstützt. Das Team hat mir Briefe geschrieben, mich besucht und mich ermutigt, das Training wieder aufzunehmen. Beim Landhockey braucht man für die Schlägerführung hauptsächlich den linken Arm, das war mein Glück.

Mit einer positiven Einstellung durchs Leben

Insgesamt muss ich sagen, dass ich das Positive an dieser ganzen Geschichte sehen kann. Vor dem Unfall habe ich nicht sehr bewusst gelebt, war irgendwie unzufrieden, schlecht in der Schule, hatte keine grossen Pläne für die Zukunft. Doch mit diesem Unfall bin ich so nahe am Tod vorbeigeschrammt, dass ich gelernt habe, mein Leben zu lieben. Ich habe es als Challenge angesehen, mit einem Arm zu leben und alles meistern zu können.

Es war zwar anstrengend und die Schmerzen waren gross, doch die Herausforderung habe ich gemeistert. Mittlerweile habe ich nicht mehr das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Zu Beginn haben die Menschen manchmal komisch gekuckt, wenn sie mich gesehen haben. Das passiert mir heute eigentlich nicht mehr – und wenn mal jemand fragt, was passiert ist, erkläre ich den Sachverhalt.

Seit ungefähr zwei Monaten trainiere ich nun im Landhockey bei der U18-Nationalmannschaft mit. Bei Länderspielen konnte ich bis anhin allerdings noch nicht mitmachen, da ich nicht lange genug dabei bin. Doch das kommt hoffentlich noch. Mein Ziel ist es ausserdem, es im Verein in die erste Herrenmannschaft zu schaffen. Ich denke, ich habe gute Chancen, dort aufgenommen zu werden.

Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

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