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Politik / Im Blickfeld

«Ich habe nach wie vor viel Energie und Motivation»

17. Dezember 2020 von

Die Friedensrichterin und die Lachmöve.
Foto: Eva Gut

Die Friedensrichterin und die Lachmöve.

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17. Dezember 2020

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17. Dezember 2020
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Seit bald drei Jahren ist Christine Stokar Friedensrichterin für die Stadtkreise 6 und 10. Im März stehen Neuwahlen an, diesmal muss sich das SP-Parteimitglied jedoch keiner Konkurrenz stellen. Dennoch ist es wichtig zu wissen, wer sich hinter dem Namen verbirgt, den die Wähler*innen im März in die Urne werfen werden.

Sie werde im Frühling 2021 «ohne Wenn und Aber» für eine weitere Amtszeit kandidieren, sagte die amtierende Friedensrichterin Christine Stokar vor kurzem in einem Interview. Nun ist es bald soweit, doch Wahlkampf muss sie diesmal keinen betreiben, denn ausser ihr hat sich niemand für dieses Amt beworben.

Frau Stokar, bald ist Ihre erste Amtszeit um. Inwiefern haben sich Ihre Vorstellungen von diesem Amt bewahrheitet?

Ich stieg in den Wahlkampf für dieses Amt, weil ich davon ausging, dass ich mich in der Arbeit, die sich total am Puls der Zeit und trotzdem ausserhalb der Öffentlichkeit abspielt, sehr wohl fühlen werde. Und dies hat sich vollumfänglich bewahrheitet.

Gab es auch Überraschungen, Dinge oder Aufgaben, mit denen Sie nicht gerechnet hatten?

Ich werde nach wie vor fast täglich überrascht: Vor keiner Verhandlung kann ich wissen, was mich wirklich erwarten wird, denn ich kenne meist erst ein paar Sätze einer ganzen Geschichte.

Gewiss gibt es Menschen, die keine Vorstellung davon haben, was ein*e Friedensrichter*in eigentlich macht. Wie würden Sie einer solchen Person Ihr Amt kurz erklären?

Wir sechs Friedensrichter*innen in der Stadt Zürich bekleiden Vollämter. Zudem werden wir für die Kanzleiarbeiten von je zwei Mitarbeitenden unterstützt. Als Amtsstellenleitende sind wir administrativ von der Stadt angestellt, werden jedoch vom Bezirksgericht beaufsichtigt und vom Volk gewählt. Wir sind die erste obligatorische Ebene im zivilrechtlichen Bereich. Bevor ein Streitfall ans Bezirks- oder Arbeitsgericht gelangt, versuchen wir mit den Parteien Lösungen zu erarbeiten und die Verfahren mit Vergleichen, Schuldanerkennungen oder Rückzügen abzuschliessen. Inhaltlich geht es um fast alles, was unter Menschen zu Konflikten führen kann; vordergründig – ausser bei nachbarschaftlichen Streitigkeiten – meist um Geld.
Die Idee des Gesetzgebers ist, dass mit einem raschen und günstigen Verfahren die Gerichte entlastet werden. Mir gelingt dies mit fast dreiviertel der Fälle. Bei bleibender Uneinigkeit oder wenn umfassende rechtliche Abklärungen, zum Beispiel bei Erbteilungen oder Unterhaltsberechnungen nötig sind, erteile ich die Bewilligung, die Klage beim zuständigen Gericht einzureichen. Daneben kommen auch immer wieder Menschen an unseren Schalter, weil sie im (Rechts-)Alltag administrativ überfordert sind.

In welchen Momenten spüren Sie am deutlichsten, dass Sie als Friedensrichterin einen guten Job gemacht haben?

Wenn ich die Verhandlung als konstruktive Zusammenarbeit aller Involvierten erlebe. Das kann auch in Fällen vorkommen, die dann trotzdem vor Gericht gehen, aber in denen die Parteien in einen respektvollen, zukunftsgerichteten Austausch kommen konnten.

Worüber können Sie sich im Berufsalltag auch mal ärgern?

Wenn mir vielleicht lösungsfördernde Kommunikationswerkzeuge erst nach der Verhandlung in den Sinn kommen.

Inwiefern wirkt sich die Pandemie auf Ihre Arbeit aus?

Unser Amt war und ist normal geöffnet. Ich bin seit dem Frühling häufiger am Telefon und versuche Parteien vermehrt in aussergerichtlichen Lösungen zu unterstützen. Gesellschaftliche Stimmungen beeinflussen Atmosphäre und Verlauf der Verhandlungen. So verliefen im Frühling, vor dem Lockdown, viele Verhandlungen aggressiv und nervös. Aktuell ist es auffallend konzentriert, ruhig und bisweilen gedrückt: Die Menschen trauen sich vermehrt, zu ihren Problemen zu stehen, was einer Lösungsfindung sehr förderlich ist.

Und ganz zum Schluss: Wieso sollten die Bürger*innen Sie im Frühjahr wiederwählen?

In diesen Wochen schliesse ich das tausendste Verfahren ab. Mir steht inzwischen ein gut gefüllter Koffer mit Erfahrungen und Verhandlungswerkzeugen zur Verfügung. Zudem habe ich nach wie vor sehr viel Energie und freudige Motivation für diese spannende, herausfordernde und ausgesprochen sinnvolle Arbeit.

Ich möchte mich bei der Bevölkerung für das grosse Vertrauen, das sie mir entgegenbringt – und das essenziell ist für meine Arbeit – bedanken!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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17. Dezember 2020

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17. Dezember 2020
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