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Alter

«Ich bin Fan der Altersstrategie 2035»

3. Oktober 2020 von

Stadtrat und Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements Andreas Hauri ist überzeugt von der Vorwärtsstrategie der Stadt beim Thema Alter.
Foto: Stadt Zürich, Giorgia Müller

Stadtrat und Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements Andreas Hauri ist überzeugt von der Vorwärtsstrategie der Stadt beim Thema Alter.

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3. Oktober 2020

Printausgabe vom
01. Oktober 2020
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Noch vor zwei Jahren wurde die Stadt dafür kritisiert, neue Alterszentren zu bauen und damit ein Überangebot an Betten zu kreieren und die privaten Angebote zu konkurrenzieren. Diesen Juni hat das Departement für Gesundheit und Umwelt unter der Führung von Stadtrat Andreas Hauri mit der neuen Altersstrategie 2035 einen Paradigmenwechsel eingeläutet: Im Zentrum stehen keine Bauten, sondern Selbstbestimmtheit, Vielfalt, Mobilität und Mitwirkung. Heere Ziele, doch wie sind diese zu erreichen?

Herr Stadtrat Hauri, worin liegt für Sie der grösste Erkenntnisgewinn der neuen Altersstrategie 2035?

Was der Prozess klar gezeigt hat, ist, dass die Menschen im Alter so lange wie möglich zuhause bleiben wollen. Das zeigt sich auch darin, dass sie immer später ins Altersheim übertreten – heute im Schnitt im Alter von 84 Jahren. Bei der Stadt ist man davon weggekommen, Alterszentren im klassischen Sinn, wie man sie in den vergangenen 50 Jahre gekannt hat, zu bauen. Gewisse Bauvorhaben wurden sogar gestoppt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Für manche Menschen im hohen Alter sind Alterszentren genau das richtige Modell und für eben diese gibt es genügend Plätze in der Stadt. Aber daneben gibt es andere Wohnformen. Deshalb will die Stadt mehr in die ambulanten Leistungen vor Ort investieren. Das bedeutet, dass wir die Dienstleistungen zu den Leuten bringen und nicht umgekehrt.

Bei intensiver Pflege ist die ambulante Betreuung für die Betroffenen jedoch teurer als ein Platz im Altersheim.

Das stimmt. Das ist ein Fehler im System, jedoch ein bekannter. Es gibt finanzielle Fehlanreize, die aber sind nicht städtisch verursacht, sondern kantonal und auf Bundesebene. Je nach Fall ist es so tatsächlich günstiger, in ein Alterszentrum zu gehen, denn dort werden gewisse Betreuungs- und Unterstützungsleistungen von den Ergänzungsleistungen übernommen. Zuhause müssen diese von der betroffenen Person selber bezahlt werden. Die Stadt arbeitet daran, ein Modell zu entwickeln, das es auch einkommensschwachen Personen ermöglicht, mit zusätzlicher Unterstützung länger zuhause zu bleiben. Das ist ein wichtiger Punkt. Es darf nicht sein, dass Leute aus finanziellen Gründen in ein Heim gehen müssen.

Die Altersstrategie 2035 betont die Wichtigkeit der «Vielfalt» und «Durchlässigkeit». Was ist damit gemeint?

Vielfalt bedeutet konkret, dass wir unterschiedliche Wohn- und Betreuungsformen anbieten wollen, seien es Alterswohnungen, Alters-WGs, gemischte Wohngemeinschaften, Wohngemeinschaften für mediterrane Bevölkerungsgruppen oder, wie soeben entstanden, ein Modell für Menschen der LGBTI*-Gemeinschaft. Wichtig ist gerade bei den beiden letztgenannten, dass sie nicht als isolierte Wohngruppe funktionieren, sondern in einen Kontext, eine Siedlung eingebettet sind. Dass das Angebot für die ältere Gesellschaft durchlässiger werden soll, bedeutet, dass die Synergien zwischen den bestehenden Angeboten wie Alters- und Pflegezentren, Alterswohnungen, Spitex und Spitälern besser genutzt werden. Ein konkretes Beispiel könnte sein, dass Menschen aus einer Alterswohnungssiedlung die kulinarischen und kulturellen Angebote der Alterszentren im Quartier nutzen können. Oder dass Pflege- und Alterszentren gewisse Leistungen in Alterswohnungen erbringen können wie Mahlzeitendienst oder Betreuungsangebote. Hier prüfen wir zurzeit ein Pilotprojekt, das schon bald starten könnte.

Die Altersstrategie fokussiert sehr auf die Quartiersebene, möglichst viele Leistungen sollen dezentral und nahe bei den Betroffenen abgedeckt werden können.

Das ist richtig. Wir möchten den Quartierbezug stärken. Dazu führen wir Sozialraumanalysen durch um zu sehen, wie die Altersentwicklung ist, welches Angebot in einem Quartier bereits existiert, was fehlt, wo vielleicht ein Überangebot besteht. Dabei geht es nicht in erster Linie ums Bauen oder Sanieren, sondern um den ganzen öffentlichen Raum. Das macht das Ganze zu einem sehr umfassenden Projekt. Bei der Formulierung der Altersstrategie 2035 war mir persönlich sehr wichtig, dass am Ende nicht nur ein schönes Papier dabei rauskommt, sondern auch ein Massnahmenkatalog mitgeliefert wird, wie die Ziele der Strategie erreicht werden können. Natürlich gibt es Massnahmen, wie bauliche Projekte, deren Umsetzung naturgemäss mehr Zeit beanspruchen wird. Andere – und es sind nicht wenige – lassen sich hingegen verhältnismässig leicht realisieren und – das ist sehr wichtig –wieder rückgängig machen, wenn wir feststellen, dass sie nicht benötigt werden. Nehmen wir das Beispiel des Queer-Modells: Mit der Stiftung Alterswohnungen haben wir diese Wohngemeinschaft ins Leben gerufen. Sollte es irgendwann kein Bedürfnis mehr dafür geben, lässt sich die WG ohne grossen Aufwand zu gewöhnlichen Alterswohnungen umnutzen. So bleibt das finanzielle Risiko klein und wir flexibel. Es braucht etwas Mut, aber als Stadt sind wir in der Lage, auch etwas auszuprobieren. Ich erachte das sogar als unsere Aufgabe, solange es im finanziell vertretbaren Rahmen bleibt.

In Höngg sind die drei Alterszentren privat geführt, daneben gibt es das städtische Plfegezentrum Bombach und eine Siedlung der Stiftung Alterswohnungen. Wie kann die Stadt in einem Quartier Synergien schaffen, in dem sie fast nicht präsent ist?

Die Altersstrategie hört nicht bei den städtischen Angeboten auf, sondern will die privaten und gemeinnützigen Institutionen und Angebote miteinbeziehen. Wichtig ist für uns, dass wir die Menschen erreichen, bevor sie in ein Heim kommen. Hier kommt das Gesundheitszentrum zum Tragen, das in der Altersstrategie erwähnt ist. Wenn die Sozialraumanalyse zum Beispiel ergibt, dass es in einem Quartier keinen Treffpunkt gibt, wo sich Menschen vernetzen und etwas gemeinsam unternehmen können, so dass eher die Gefahr einer Vereinsamung besteht, können wir einen solchen Treffpunkt oder eben ein Gesundheitszentrum einrichten. Darin können Spitex, Wohnen mit Betreuung, Café, vielleicht sogar in Kombination mit einer Studentenwohnsiedlung, Platz finden. Natürlich sieht so ein Angebot von Quartier zu Quartier unterschiedlich aus. Wir wollen demnächst in Grünau und Oberstrasse mit zwei Pilotprojekten starten.

In den Quartieren existiert bereits heute ein grosses, oft auch privates, und gemeinnütziges Angebot für betagte Menschen. Wie schafft es die Stadt, dieses nicht zu konkurrenzieren?

Das ist tatsächlich eine der grössten Herausforderungen: Herauszufinden, was bereits vorhanden ist. Die Stadt hat die Aufgabe dort einzuspringen, wo es zu wenig Angebote gibt. Die zentralen Anlaufstellen in den Quartieren sollen die Dienstleistungen koordinieren und für alle einfach zugänglich machen. Daneben wird es eine digitale Plattform geben, auf der auch alle privaten und gemeinnützigen Angebote einsehbar und zugänglich sind.
Wichtig ist uns, niemanden zu bevormunden. Man kann die Leute nicht dazu zwingen, die Leistungen in Anspruch zu nehmen. Es gibt ältere Menschen, die sehr gerne alleine in ihrer Wohnung bleiben. Hier darf man nicht eingreifen aus Angst, dass jemand den gesellschaftlichen Anschluss verliert und ihm oder ihr eine Freizeitbeschäftigung aufzwingen.

Die Themen Demenz und Multimorbidität werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Dennoch will die Stadt die bestehenden Plätze ihrer Pflegezentren nicht erhöhen. Ist es realistisch, dass auf Pflege angewiesene Personen zuhause betreut werden können?

Bereits heute werden viele an Demenz erkrankte Personen zuhause gepflegt. Natürlich ist es eine grosse Herausforderung, hier «ambulant vor stationär» zu agieren. Und ab einem bestimmten Punkt ergibt eine stationäre Betreuung in einem Alters- oder Pflegezentrum mehr Sinn. Hier wollen wir garantieren, dass genügend Pflegeplätze vorhanden sind. Ausserdem spezialisieren sich unsere Zentren vermehrt im Gebiet Demenz. Wir bauen in den Zentren deshalb keine Pflegebetten ab, sondern es gibt eine Verlagerung zu mehr spezialisierten Plätzen. Kommt unser Angebot an seine Grenzen, werden wir entsprechend reagieren.

Die Umsetzung der Altersstrategie mit mehr Pflege und Betreuung vor Ort scheint personalintensiv zu sein. Einerseits fehlen aber Fachkräfte im Gesundheitswesen, andererseits bilden die Personalkosten meist den grössten Posten im Budget.

Da es um eine Verlagerung von einem Angebot ins andere geht, wird nicht unbedingt viel mehr Personal nötig sein. Aber klar, auch in der Stadt Zürich suchen wir im Gesundheitswesen nach qualifizierten und motivierten Pflegefachleuten, obwohl wir aktuell schon sehr gut aufgestellt sind. Was die Pflegeberufe für viele unattraktiv macht, ist die schlechte Vereinbarkeit zwischen privatem und beruflichem Leben. Nacht- und Wochenendschichten gehören einfach dazu. Das führt dazu, dass die Fachkräfte sich nach anderen Berufsbereichen umsehen oder ganz ins Familienleben einsteigen. Hier will die Stadt ansetzen.  Eine kleine Verbesserung könnte bereits sein, dass die Arbeitspläne früher veröffentlicht werden, damit die Mitarbeitenden besser planen können. Weiter sind die Weiterbildungsmöglichkeiten ein Thema: Im Pflegebereich kann man sich beruflich entwickeln und Karriere machen. Doch es braucht entsprechende Weiterbildungen. Diese wollen wir fördern. Zudem stärken wir die Vernetzung zwischen den Institutionen in der Stadt.

Und die Finanzierung eines so grossen Projekts wird nicht ganz einfach werden.

Klar, das ist eine Herausforderung. Es war uns im Stadtrat aber wichtig, beim Thema Alter eine Vorwärts-Strategie zu verfolgen. Es ist ein unumstösslicher Fakt, dass die Bevölkerung immer älter wird. Und das verursacht mehr Kosten. Die Betreuung zuhause ist ebenfalls mit höheren Kosten verbunden. Für mich ist das Bekenntnis des Stadtrats, dass man beim Thema Alter einen Schritt vorwärts machen will und dass es uns etwas kosten darf, das Wichtigste. Ich muss sagen, ich bin ein Fan von dieser Altersstrategie. Ich bin begeistert davon, wie engagiert alle Beteiligten im Entstehungsprozess und in der Umsetzung dabei waren und sind. Es wäre eine grosse Enttäuschung, wenn wir diese Altersstrategie nicht realisieren könnten.  Aber ich bin zuversichtlich, denn viele Massnahmen sind weder kostspielig noch schwierig zu realisieren, dafür sind deren Wirkung und der Erkenntnisgewinn gross. Man kann sehr gut in kleinen Schritten vorwärtsgehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Hier geht es zur ausführlichen Altersstrategie 2035

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