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Leitartikel

«Ich bin ein geselliger Mensch»

24. September 2019 von

Die Stadtwinzerin Karin Schär vor «ihren» Räuschling-Reben.
Foto: Patricia Senn

Die Stadtwinzerin Karin Schär vor «ihren» Räuschling-Reben.

Von

Online seit
24. September 2019

Printausgabe vom
26. September 2019
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Karin Schär ist die neue Stadtwinzerin bei Grün Stadt Zürich. In Zukunft wird sie dem Wein vom Chillesteig ihre eigene Handschrift geben: Authentisch und frisch soll er sein, so wie sie selbst.

Seit bald sieben Wochen ist sie im Amt: Karin Schär ist die neue Stadtwinzerin und Herrin über 3,2 Hektaren – rund fünf Fussballfelder – Weinreben am Chillesteig in Höngg. Der Lebenslauf der 28 Jahre jungen Glarnerin ist beeindruckend: Sie lernte Obst- und Beerenfachfrau in einer Forschungsanstalt und auf dem Plantahof in Landquart. Dort entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für den Wein. Bevor sie sich ihrer Passion widmete, wollte sie jedoch noch die weite Welt sehen und reiste für ein Jahr nach Australien, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten. Zurück in der Schweiz heuerte sie mit 22 Jahren in Männedorf beim Weinbau Wetli an und absolvierte eine Zweitausbildung zur Winzerin. Danach verdiente sie sich im Berner Oberland ihre Sporen, ging für einen Herbst und den Winterschnitt nach Neuseeland und arbeitete in einer grossen Kelterei in der Westschweiz, für die sie im Rebberg zwei Gruppen mit Saisonarbeitenden anführte. Doch noch war der Wissensdurst der dynamischen Frau nicht gestillt. Sie beschloss, in Deutschland an der ältesten Weinbauschule in Weinsberg Technik für Weinbau und Önologie zu studieren. Und nun also Zürich. Vor Kurzem ist Schär nach Wipkingen gezogen, wegen des kurzen Arbeitsweges, aber auch «um die Stadt zu spüren», wie sie sagt.

Frau Schär, was hat Sie zu Grün Stadt Zürich geführt?

Während meines Studiums in Deutschland habe ich im Rahmen meiner Abschlussarbeit ein Marketing- und Veranstaltungskonzept für ein städtisches Weingut entworfen. Darin ging es darum, wie man jungen, urbanen Menschen die Weinkultur näherbringen kann, nämlich indem man zum Beispiel Degustationen mit Vernissagen oder kleinen Konzerten verbindet. Es hat mich schon immer fasziniert, das städtische Leben und den Weinbau zusammenzubringen. Es ist auch spannend, einen Rebberg mitten in einem Naherholungsgebiet bewirtschaften zu dürfen, weil man immer direkte Rückmeldungen von Spaziergänger*innen erhält. Das gibt einem das Gefühl, dass die Arbeit gesehen und geschätzt wird.

Was ist das Besondere am Chillesteig Rebberg?

Also, erstens ist er natürlich unglaublich schön anzuschauen (lacht). Zweitens ist die Lage perfekt für den Weinbau: Am Südhang scheint – gutes Wetter vorausgesetzt – den ganzen Tag die Sonne und es weht immer ein leichter Wind, der die Reben schön trocken hält. Der Boden ist sehr fruchtbar, die Reben können mühelos wachsen. Das sind beste Voraussetzungen, um wirklich gut arbeiten zu können.

Worauf freuen Sie sich am meisten als neue Stadtwinzerin?

Dass ich mich verwirklichen und meine Leidenschaft ausleben kann. Und das immer in Verbindung mit den Leuten um mich herum. Ich bin ein sehr geselliger Mensch und gerne mittendrin, am Puls der Zeit. Dazu gehört für mich auch der Austausch und das Fachsimpeln mit den ortsansässigen Winzern. Diese haben mich sehr gut aufgenommen, was mich sehr gefreut hat. Dieses Jahr spritzen wir zum Beispiel unsere Reben in Zusammenarbeit mit der Firma Zweifel 1898. Dann ist die «Wümmet» natürlich ein riesiges «Happening»: Gerade haben wir Riesling Silvaner und Cabarnet Dorsa gelesen, 24 Helfer*innen waren einen ganzen Tag in den Reben. Die Arbeit ist hart, das schweisst die Leute zusammen. Während eines solchen Einsatzes entstehen Freundschaften. Wahrscheinlich ist die «Wümmet» auch darum so beliebt: Mittlerweile müssen wir keinen Aufruf mehr machen, sondern können auf ein gutes Kernteam aus Helfer*innen zurückgreifen, die das auch total feiern. Auch von Grün Stadt Zürich kommen viele privat und nehmen sich einen Tag frei dafür. Nach getaner Arbeit darf natürlich ein gemeinsames Glas Wein nicht fehlen. Das ist mir sehr wichtig.

War es ein gutes Jahr für die Trauben?

Im Vergleich zum vergangenen Jahr war es etwas schwieriger. Wir hatten von Anfang an Druck durch den echten und den falschen Mehltau. Zweimal gab es Sonnenbrand, das war allgemein ein Problem, nicht nur bei uns. Dadurch, dass es kühler und feuchter war, kamen die Wespen und Kirschessigfliegen. Wir haben zur Sicherheit Fallen aufgestellt und die roten Trauben mit weisser Tonerde gespritzt. Das wird es für die Wümmethelfer*innen etwas anspruchsvoller machen, weil sie die Trauben einzeln verlesen müssen. Ich rate ihnen dann, mit allen Sinnen zu arbeiten, an den Trauben zu riechen, sie anzufassen. Man merkt sehr schnell, ob sie gesund sind oder nicht.

Eine schwierige Frage: Haben Sie einen Lieblingswein?

Ich habe mehrere Weine, die ich wirklich toll finde. Ich liebe den Räuschling vom Zürichsee und mag den Deutschen Riesling sehr gerne, finde aber auch Sauvignon Blanc und Pinot Gris aus Neuseeland toll. Interessant sind auch die Naturweine, die jetzt neu am Kommen sind oder die Weine aus pilzwiderstandsfähigen (Piwi) Reben, die haben coole Aromen. Es gibt so viele Weingüter, die guten Wein machen. Da wäre es doch schade, sich auf eines zu beschränken. Offen zu bleiben, bringt mich selber weiter.

Wie wird der Wein unter der neuen Stadtwinzerin?

 Dieses Jahr wird es aufgrund des Wetters schlankere, elegantere Weine geben. Da stehe ich drauf: Authentische, spritzige Weine, die sortentypisch sind. Ein Pinot Noir muss nicht etwas sein wollen, das er gar nicht ist. Ich will auf die Sorte eingehen und den Wein so zeigen, wie er ist. Ein handwerklich gut gemachter Wein mit Charakter. Wie alle Winzer*innen will auch ich meine persönliche Handschrift in den Wein geben. Der Einstieg war jetzt steil, es ging sozusagen gleich mit der Wümmet los. Aber wenn die Trauben in der Kelterei sind, will ich mir in Ruhe Zeit nehmen, alles ganz genau anzuschauen und zu entscheiden, mit welchen Sorten es in Zukunft weitergehen soll. Ich sehe zum Beispiel in den Piwi-Trauben sehr viel Potenzial. Aber überstürzen werde ich nichts, das ist in einem Rebberg auch gar nicht möglich. Ich freue mich sehr auf das, was auf mich zukommt. Und ich habe ein Spitzenteam an meiner Seite. Nur so geht es.

Wer die neue Stadtwinzerin persönlich kennenlernen will, trifft sie am Samstag und Sonntag des Wümmetfäschts. Natürlich am Chillesteig.

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24. September 2019

Printausgabe vom
26. September 2019
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