Helfen und helfen lassen

Eine Welle der Solidarität hat Höngg und die Welt ergriffen, unzählige Nachbarschaftshilfen wurden gegründet. Noch immer gibt es mehr Helfende als Hilfesuchende. Der «Höngger» hat mit Leuten gesprochen, die «es» getan haben: Helfen und sich helfen lassen.

Viele Menschen wollen in dieser Zeit helfen, zum Beispiel beim Einkauf.
Für Thomas Woodtli ist es selbstverständlich, jetzt für andere da zu sein.
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In Höngg gab es zu Beginn der Pandemie eine Helfer-Gruppe auf Telegram, die nicht so richtig funktionierte, von der aber niemand wusste, wer sie betrieb. S., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, wurde von einem Leiter der St. Mauritius Nansen angefragt, ob er herausfinden könne, wer diesen Nachbarschaftshilfe-Chat betreibe. Die Recherchen des 46-jährigen Vaters, der selber im Elternrat der Pfadi tätig ist, blieben jedoch ergebnislos. Also beschloss er, gemeinsam mit Pfadileiter*innen eine neue Telegram-Gruppe zu gründen, die Hilfe in Höngg, Wipkingen und Zürich West anbieten sollte. «In nur zwei Tagen haben sich über 100 Personen als Helfer*innen angemeldet», erzählt S. begeistert. Heute zählt die Gruppe 157 Mitglieder. Mit einem eigenen KMU und drei Kindern zu Hause hätte der ehemalige Pfadi eigentlich genug zu tun, wieso wollte er dennoch anderen helfen? «Ich bin jung, gehöre nicht zur Risikogruppe und muss ohnehin ab und zu an die frische Luft, um den Kopf zu lüften», meint er. Er empfinde es nicht als aussergewöhnlich, sich solidarisch zu zeigen, das werde in seinem Umfeld auch ohne Corona so gelebt. Das praktische an dieser Art von Nachbarschaftshilfe sei, dass man sich nicht fix verpflichten muss: man hilft, wenn man kann, und wenn es gerade nicht passt, steht jemand anderes bereit, um einzuspringen. Er beobachte allerdings auch, dass sich viele Leute gar nicht helfen lassen wollten. «Sie kennen das Angebot und bedanken sich dafür. Nutzen wollen sie es allerdings nicht. Oder noch nicht».

Krise als Chance sehen

Seine persönliche Einkaufserfahrung war ziemlich herzlich. Anfänglich hatte er Bedenken, dass er nicht die richtigen Produkte finden würde, aber schlussendlich ging alles gut. Die Person, der er helfen konnte, hat nun seine Telefonnummer und kann ihn direkt anrufen, wenn sie wieder etwas benötigt. Was er persönlich bislang aus dieser Krise gelernt habe? «Leute, die ich sonst immer als geerdet und organisiert empfunden habe, haben plötzlich grosse Schwierigkeiten, mit dieser neuen Situation umzugehen», meint S. Sie seien so gestresst, dass sie gar nicht in der Lage seien, an andere zu denken, geschweige denn, anderen zu helfen. «Das kann man auch niemandem vorwerfen, jede*r reagiert völlig anders auf solche Ausnahmezustände». Bei ihm zu Hause hat man sich inzwischen recht gut darauf eingestellt. Der Kontakt mit den Grosseltern läuft über Telegram und Videochat, nach einer kurzen Einführung hat auch die ältere Generation den Zugang zu den digitalen Technologien gefunden. Wenn es darum geht, die Enkelkinder sehen zu können, fallen die Hemmschwellen. Aber auch die Kinder im Schulalter lernen in dieser Zeit sehr viel über den Umgang mit digitalen Medien: «Eine unserer Töchter besucht die vierte Klasse und wird jetzt quasi gezwungen, E-Mails als Kommunikationsmittel zu verwenden». Sowohl für die Schüler*innen als auch die Lehrpersonen könne diese Zeit durchaus auch eine Chance sein, findet S.

Das eigene Quartier neu kennenlernen

Von Anfang an als Helfer mit dabei ist Thomas Woodtli aus Höngg. Seit er sich für einen der ersten Aufträge in der Telegram-Gruppe registriert hat, erledigt er jeden zweiten Tag die Einkäufe für eine ältere Dame im Quartier. Der 33-Jährige hat viel Erfahrung, wenn es darum geht, andere Menschen zu unterstützen. Neben seinem Job als Zollberater – den er zurzeit im Homeoffice erledigen kann – betreut er einmal in der Woche drei Pflegekinder im Emmental. Seine eigene Geschichte als Pflegekind ermöglicht es ihm, mit den Jugendlichen Biografiearbeit zu machen. Daneben engagiert sich Woodtli freiwillig für das Rote Kreuz und begleitet Patient*innen an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. All diese Arbeiten fallen nun aufgrund der Restriktionen während der Coronakrise weg. Nicht einmal seine Freundin kann er in dieser Zeit besuchen, da sie in Bern wohnt und selber zu den Risikopersonen gehört. Der direkte Kontakt mit Menschen fehle ihm derzeit schon, sagt Woodtli. Dass er sich nun in der Helfergruppe engagiere, sei selbstverständlich. Die Familie der Frau hat einen Familienchat eingerichtet, in den die Angehörigen jeweils reinschreiben, was Woodtli wann einkaufen soll. Die Tasche mit den Einkäufen stellt der junge Mann vor die Türe und schickt ein Bild der Quittung in den Chat. Der Betrag wird ihm via Twint überwiesen und gleichzeitig wird die Dame darüber informiert, dass wieder eine Einkaufstasche vor der Tür auf sie wartet. Es sei wichtig, dass nie etwas ausgehe, weil die Frau andernfalls auf die Idee kommen könnte, selber einkaufen zu gehen, erklärt Woodtli. Direkten Kontakt hatte er bislang weder mit der Dame noch mit der Familie, «vielleicht holen wir das ja noch nach, wenn alles vorüber ist», meint er lachend. Das Schöne sei, und das werde ihm erst jetzt bewusst, dass man auf diese Weise nicht nur eine Person entlasten könne, sondern möglicherweise eine ganze Familie. «Wenn es nach mir ginge, würde ich das auch später noch weitermachen», meint Woodtli. Seit acht Jahren lebt er in Höngg, war früher aber selten im Quartier unterwegs. Durch die Spaziergänge und die Einkäufe lernt er seine Nachbarschaft nun nochmals neu kennen. Auch er beobachtet, dass viele ältere Menschen sich ungern helfen lassen. «Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass diese Generation niemandem zur Last fallen will», meint Woodtli. Die Jungen sind schnell und individuell unterwegs, niemand hat Zeit, oder macht zumindest den Eindruck, dass es so ist. «Da höre ich oft: <Ach, ihr Jungen habt jetzt doch schon genug um die Ohren, jetzt können wir euch nicht auch noch um Hilfe bitten>». Für Woodtli ist es wichtig, dass die, die Hilfe bräuchten, verstehen, dass alle freiwillig helfen und dass sie das gerne tun. «Die Helfenden möchten etwas zur Gesellschaft beitragen», sagt er. «Es gibt ihnen ein gutes Gefühl, jemandem helfen zu können. Also, lassen Sie sich doch helfen!»

Hilfe dankend angenommen

Hans Kaspar ist eine der Personen, die dieses Angebot der Nachbarschaftshilfe beansprucht. Der 83-jährige und seine Frau gehören beide zur Risikogruppe. Vor der Coronazeit spielte der sportliche Rentner Tennis und ging mit Freunden angeln, was nun beides nicht mehr möglich ist. Seit der Virus aufgekommen ist, verlassen er und seine Frau das Haus nur noch für Spaziergänge im Wald und meiden Orte mit vielen Menschen. Mit Freunden und Familienangehörigen stehen sie lediglich telefonisch in Kontakt.
Auf das Angebot aufmerksam wurde Kaspar durch einen Brief des städtischen Gesundheitsamtes. Darin hiess es, dass Kaspar und seine Frau als Teil der Risikogruppe zu Hause bleiben und sich bei einer im Brief angegebenen Telefonnummer melden sollten. Über die Verteilstelle der Stadt Zürich wurde er zur Nachbarschaftshilfe des «Hönggers» und einer lokalen Hilfsorganisation weitergeleitet. Kaspar war sehr froh über die Hilfe: «Seit dieser Virus aufgekommen ist, hat meine Tochter die Einkäufe übernommen. Als ich dieses Angebot entdeckt habe, wollte ich es nutzen, um sie zu entlasten. Ich bin sehr froh und dankbar, dass es diese Hilfestellung für ältere Leute gibt.» Die ersten Erfahrungen mit der Einkaufshilfe haben Kaspar überzeugt: «Die Einkaufshilfe hat wunderbar funktioniert. Der Helfer war freundlich und zuvorkommend und hat alles gut und schnell erledigt. Das Angebot werden wir definitiv wieder nutzen». Diese positive Rückmeldung zeigt, dass die Hilfestellung bei Personen, welche Gebrauch davon machen, sehr gut ankommt.

Eine Liste mit allen solidarischen Angeboten findet sich hier.

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