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Dorfleben

Hausbesetzung – nur fröhliches Miteinander?

27. August 2009 von

Foto: Larissa Müller

Unverkennbar besetzt: das Haus an der Bauherrenstrasse.

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27. August 2009

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27. August 2009
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Seit bald fünf Monaten besetzt eine Gruppe Jugendlicher ein leer stehendes Haus an der Bauherrenstrasse. Für Höngg ein ungewohntes Bild. Wer sind die Besetzer? Was meint der Besitzer dazu? Wie ist die rechtliche Situation?

Das Problem um Zürichs Leerwohnungsbestand ist bekannt. 109 Wohnungen standen am 1. Juni 2009 leer, im Kanton waren es 4310. Das Problem der Stadt ist, dass Altbauwohnungen in eher luxuriöse Appartements umgewandelt werden. Nicht jeder kann sich eine solche Wohnung leisten. Seit langem gibt es eine illegale Bewegung, die sich gegen zu teure Wohnungen wehren will. Die Mitglieder dieser Hausbesetzer-Szene behaupten, dass speziell für junge Leute diese Preise nicht erschwinglich seien. Besetzt werden leer stehende Häuser, die kurz vor dem Abriss stehen, meistens ohne das Einverständnis ihrer Eigentümer. Gewohnt wird dann gratis. Juristisch begehen die Hausbesetzer Hausfriedensbruch. So auch an der Bauherrenstrasse 27.

Nachbarschaft betrachtet aus Distanz

Dort wohnt seit dem Frühling eine wechselnde Gruppe von etwa zehn jungen Leuten. Die Liegenschaft gehört und steht seit gut einem Jahr unter Aufsicht der Firma Neubau* aus Meilen. Auf dem Grundstück ist ein exklusives Neubauprojekt geplant. Eigentlich sollte im September der Bau beginnen, jedoch wurde Rekurs gegen das Projekt eingelegt. Der Rekurs ist noch hängig, der Abriss verzögert sich. Die Nachbarschaft verfolgt das Treiben aus einer gewissen Distanz. Die einen reagieren ängstlich, die anderen gehen offen auf die neuen Nachbarn zu und besuchten sie sogar zum Brunch. Distanziert Auskunft gab die «Familie Fröhlich», so nennen sich die Hausbesetzer. Evi* brühte Kaffee auf und erzählte gemeinsam mit ihren Mitbewohnern Hans* und Dora* über ihr Dasein an der Bauherrenstrasse. Schlecht haben sie es nicht: Die Aussicht ist hervorragend und jeder der zehn Bewohner hat ein eigenes Zimmer. Der grosse Garten erinnert an einen Dschungel. Das Haus bietet ein kurioses Bild.

Wer bezahlt Wasser und Strom?

Doch was für die Hausbesetzer ein fröhliches Beisammensein ist, in dem alles geteilt wird, bedeutet nicht für alle den gleichen Spass. Strom und Wasser funktioniere immer noch. Tim Meier* von der Firma Neubau sagt: «Ich habe alle Energien, Elektro, Wasser und Gas, im Februar ordnungsgemäss abgemeldet, abstellen und ablesen lassen und bin im Besitze von sämtlichem Schlussprotokollen und Rechnungen der Werke. Woher die Besetzer jetzt Energie beziehen, ist mir nicht bekannt; sollten die Energien direkt und unerlaubterweise vom Netz ‹angezapft› worden sein, was sehr häufig vorkommt und in Zürich ebenfalls toleriert wird, so hat sich die Stadt respektive deren Werke damit auseinanderzusetzen.» Auf Anfrage erklärt Renata Huber, Leiterin Kommunikation des Departements der Industriellen Betriebe Zürich: «Grundsätzlich haftet der Eigentümer der Liegenschaft beziehungsweise der Mieter, sofern ein rechtmässiges Vertragsverhältnis besteht. Der Eigentümer kann sich dieser Haftung ‹entledigen›, wenn er Folgendes vorkehrt: Abbruch der Hauszuleitungen ausserhalb der Liegenschaft (die Kosten gehen zu Lasten des Eigentümers) oder das Zumutbare unternehmen, um die unberechtigten Bewohner zum Verlassen des Gebäudes zu bewegen. Das heisst: Strafantrag bei der Polizei stellen und formell die Räumung des Gebäudes veranlassen. Der Eigentümer hat aber auch die Möglichkeit, mit den Besetzern Kontakt aufzunehmen und die Werke zu ermächtigen, die Rechnung für den Bezug von Wasser und Strom den Besetzern zu stellen. Bezahlen diese nicht, bleibt der Eigentümer haftbar.» Die Firma Neubau erfuhr zuerst von der Nachbarschaft von der Hausbesetzung, erst später von der Polizei und schliesslich meldete sich eine Hausbesetzerin unter falschem Namen bei der Firma. Es kommt häufig vor, dass zwischen Besetzer und Besitzer eine Art «Duldung» entsteht. Evi berichtet: «Der Besitzer drohte uns damit, dass er alle rechtlichen Schritte einleiten wolle, um uns so schnell wie möglich aus dem Haus zu schaffen. Aber bis jetzt ist noch nichts geschehen.»

Zutritt verweigert

Tim Meier dazu: «Ich habe Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht; eine Zwangsräumung will die Polizei erst vornehmen, wenn die Bagger auffahren.» Verhandelt habe und werde er nicht mit den Besetzern. Seit der Besetzung hat Meier die Liegenschaft ein paar Mal besichtigt. Doch der Zutritt wurde ihm zu seiner eigenen Liegenschaft verweigert. «Solche Machenschaften kann ich nicht nachvollziehen.» Doch was in seiner Macht steht, werde er bald tun: Eben die Bagger auffahren lassen und die Zwangsräumung vollziehen.

Auszug im Oktober?

Doch davon lässt sich die «Familie Fröhlich» nicht die Stimmung verderben und geniesst jeden Tag. Persönlichen Fragen weichen die Mitglieder der «Familie Fröhlich» aus. Vereinzelte studieren Kunst oder üben einen Handwerkerberuf aus. «Aber wenn man keine Miete zahlen muss, muss man nicht arbeiten gehen und hat viel mehr Zeit, sich selber zu verwirklichen», berichtet Hans und Evi ergänzt: «Es ist ein Nomadenleben, ständig muss man wieder packen und weiterziehen.» So wird dies auch an der Bauherrenstrasse geschehen. Die «Familie Fröhlich» rechnet damit, Anfang Oktober gehen zu müssen. Dann heisst es: Banner einrollen und sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause machen – die Thematik und mit ihr die ungelösten Probleme hü- ben wie drüben zügeln mit.

* Alle Personen- und Firmennamen geändert

Artikel verfasst von Larissa Müller während ihrem Praktikum beim «Höngger».

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